«Lassen Sie die Vitamintabletten in den Regalen stehen»

Die Pharmaindustrie verkauft sie als Fitmacher, Forscher machen sie für Todesfälle verantwortlich: Vitaminpillen. Der Medizinprofessor Peter Jüni sagt Tagesanzeiger.ch/Newsnet, was von den Tabletten zu halten ist.

Sollten nur eingenommen werden, falls wirklich Mangel vorherrscht: Vitamintabletten in einem Laden in den USA.

Sollten nur eingenommen werden, falls wirklich Mangel vorherrscht: Vitamintabletten in einem Laden in den USA. Bild: AFP

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Für die Pharmaindustrie ist es ein Milliardengeschäft: Vitamintabletten. In den Apotheken und Einkaufsläden füllen sie ganze Regale. Laut «Spiegel» (Beitrag online nicht erhältlich) geben Deutsche im Jahr über 900 Millionen Euro für die sogenannten Supplemente aus. Geschätzte 18 Millionen Bürger der Bundesrepublik schlucken Vitaminpillen. In den USA setzt die Pharmabranche gar 18 Milliarden Dollar mit dem Wunsch nach der Gesundheit aus dem Röhrchen um.

Mehrere Studien aus den vergangenen Jahren haben nun gezeigt, dass Vitamintabletten jenseits der Nutzlosigkeit sogar eine gesundheitsschädliche Wirkung haben können. Immer mehr Forscher und Gesundheitsverbände warnen mittlerweile sogar vor dem Konsum von Supplementen. Der Berner Medizinprofessor Peter Jüni hat sich ausführlich mit den Studien zu Vitamintabletten befasst.

Sie haben sich mit Studien befasst, welche Vitaminpräparate in den Zusammenhang mit Krebs bringen. Die Ergebnisse dieser Studien klingen erschreckend.
Die Diskussion um die Vitaminpräparate wurde vor einigen Jahren durch die Metaanalyse – diese fasst die Daten von Primäruntersuchungen zusammen (Anm. d. Red.) – der Cochrane Collaboration losgetreten. Kürzlich wurde aber erneut eine Studie veröffentlicht, welche sich mit dem Verhältnis zwischen Vitamin E und dem Auftreten von Krebs befasst. Man muss sehen, dass die Zahlen dieser Studien per se nicht so bedrohlich sind. Es ist davon auszugehen, dass 2000 bis 5000 Menschen über ein Jahr Supplemente konsumieren müssen, damit ein unnötiger Todesfall auftritt. Das Problem ist jetzt aber, dass ein Grossteil der Bevölkerung diese Tabletten schluckt – in Deutschland geht man von rund 18 Millionen Menschen aus. Daraus resultiert ein Schätzwert von 1000 bis 5000 Todesfällen pro Jahr. Für die Schweiz kann man diese Zahl circa um den Faktor 10 verkleinern – also 100 bis 500 Tote pro Jahr.

Was genau sind laut der Forschung die Auswirkungen der Supplemente?
Eine Studie, die letzten Herbst im «Journal of American Medical Association» erschienen ist, zeigt, dass künstlich zugefügtes Vitamin E das Auftreten von Prostatakrebs begünstigt.

Wenn man jetzt schon seit einigen Jahren regelmässig die Supplemente konsumiert, muss man sich Sorgen machen?
Es gibt grundsätzlich keinen Grund zur Verunsicherung. Wenn man bisher keine Auswirkungen durch die Supplemente hatte, kann man die einfach absetzen und sollte eigentlich keine weiteren Probleme haben. Wichtig ist einfach: Die Einnahme von Vitamintabletten macht nur für ein kleines Segment der Bevölkerung überhaupt Sinn; nämlich bei Kindern und alten Leuten, wenn für gewisse Vitamine tatsächlich ein Mangel nachgewiesen ist. Für den Rest der Leute gilt: Wenn keine klaren medizinischen Indikatoren da sind, sollte man die Supplemente nicht nehmen. Lasst die Vitamintabletten in den Regalen stehen!

Hersteller behaupten gerne, die Menschen in unseren Breitengraden erhielten nicht genügend Vitamine. Stimmt das überhaupt?
Das stimmt so definitiv nicht. Es gibt keinerlei Hinweise darauf, dass das so sein sollte. Von den meisten Vitaminen haben wird den täglichen Bedarf gedeckt.

Die Zahl der Studien, die vor den Gefahren der Vitaminpillen warnen, ist mittlerweile gross. Was ist mit Gegenstimmen aus der Forschung?
Die Stimmen, die sich glaubwürdig mit der Sachlage auseinandersetzten, kommen eigentlich immer zum Schluss, dass Vitamintabletten entweder nichts nützen oder gar schädlich sind. Jene Stimmen, die das Gegenteil behaupten, haben häufig finanzielle Bindungen zur Vitaminindustrie.

Die Pharmaindustrie wird solche Aussagen gegen Mittel, die ihnen Milliarden einbringen, wohl kaum kommentarlos über sich ergehen lassen.
Die Daten zu den Supplementen liegen mittlerweile seit mindestens drei Jahren vor. Nun ist die Thematik in den letzten Wochen wieder auf ein reges Interesse gestossen. Wir werden jetzt sehen, was die Reaktionen seitens der Industrie sein werden. Es ist auf jeden Fall so, dass da eine Menge Geld im Spiel ist. Aber vom Forschungsstand her ist der Fall eigentlich klar: Die Präparate nützen entweder nichts oder schaden sogar. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 16.01.2012, 19:13 Uhr)

Professor Dr. med Peter Jüni ist Vorsitzender des Lehrstuhls für klinische Epidemiologie und Biostatistik an der Universität Bern. (Bild: Universität Bern)

Die Cochrane Collaboration

Bei der Cochrane Collaboration handelt es sich um ein weltweites Netz von Wissenschaftlern und Ärzten. Ihr Ziel ist es, Übersichtsarbeiten zur Bewertung von medizinischen Therapien zu erstellen. Die gemeinnützige Organisation wurde nach dem britischen Epidemiologen Archie Cochrane benannt. (kpn)

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