Mathematiker irritieren mit Grippe-Ausbreitungsmodell

Wer die Grippe hat, bleibt zu Hause. Klar? Nicht ganz, laut US-Forschern kann sich dadurch die Ausbreitung sogar noch beschleunigen.

Zu Hause bleiben wegen Grippe verhindert nicht immer, dass andere angesteckt werden. (Getty Images)

Zu Hause bleiben wegen Grippe verhindert nicht immer, dass andere angesteckt werden. (Getty Images)

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Die Grippe-Saison ist dieses Jahr ungewohnt früh in vollem Gange. Heute meldet das Bundesamt für Gesundheit erneut einen starken Anstieg der Ansteckungen. Die allgemeine Empfehlung für Grippekranke lautet: Zu Hause bleiben, um andere nicht anzustecken. Doch so absolut scheint dies allerdings nicht zu gelten. In gewissen Fällen könnte dies sogar zu einer Beschleunigung der Epidemie beitragen. Zu diesem Schluss kommen zumindest Forscher um den Biologen Samuel Scarpino im Fachblatt «Nature Physics».

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Die Grippe überträgt sich über direkten Kontakt, etwa durch Husten oder kontaminierte Hände. Deshalb verbreitet ein Infizierter das Virus im Netzwerk der Menschen, mit denen er in Kontakt kommt. Dies kann er zwar verhindern, wenn er zu Hause bleibt. Wird der Krankgeschriebene jedoch durch eine andere Person ersetzt – zum Beispiel bei Lehrern oder bei Pflegepersonal im Spital – kann der Nutzen unter Umständen verloren gehen. Denn mit der Aushilfe kommt eine gesunde Person in das Netzwerk, in welchem das Virus bereits zirkuliert. Sie wird dann möglicherweise angesteckt und überträgt den Erreger auf weitere Personen, die nicht Teil des Netzwerks waren.

Beschleunigung von Epidemien

Scarpino vom Santa Fe Institut in New Mexico (USA) und Kollegen nutzten mathematische Modelle und Computersimulationen, um diesen Effekt zu berechnen. Zudem verglichen sie ihre Resultate mit den Daten von Grippe-Epidemien der letzten 17 Jahre in den USA. Dabei zeigte sich laut den Forschern, dass das Ersetzen von Infizierten bei der Arbeit möglicherweise zu einer Beschleunigung der Grippe-Epidemien geführt hatte. Diesen Effekt fanden sie nicht, als sie die gleiche Analyse bei Dengue-Ausbrüchen der letzten 19 Jahre vornahmen. Dies hatten die Forscher erwartet, da Dengue durch Mücken und nicht von Mensch-zu-Mensch übertragen wird.

Eine Grippewelle hat die Schweiz erreicht. Wie sich die Bevölkerung schützt und was ein Apotheker rät. (Video: Keystone)

«Wenn man Kranke durch Gesunde ersetzt, kann dies theoretisch tatsächlich eine Epidemie anheizen», sagt Christian Althaus, Epidemiologe an der Universität Bern, der nicht an der Studie beteiligt war. Er ist jedoch zurückhaltend bei der Interpretation der Resultate: «Das Modell findet zum Teil extreme Effekte, die so in der Realität kaum stattfinden.»

Dennoch zu Hause bleiben

Scarpino, der inzwischen an der Universität Vermont tätig ist, und Kollegen sind jedoch überzeugt von ihrer Studie. «Natürlich wäre es ideal, wenn wir alle unendlich vernünftig wären und zu Hause bleiben würden, sobald wir infiziert sind», sagt Mitautor Laurent Hérbert-Dufresne in einer Mitteilung des Santa Fe Institute. Die Realität sieht jedoch anders aus, weshalb am Arbeitsplatz die Grippeviren dann trotzdem zirkulieren: «Zu Hause zu bleiben, verlangsamt zu Beginn zwar eine Epidemie», so Hébert-Dufresne. Mit der weiteren Verbreitung der Viren, wenn zunehmend wichtige Aufgaben von Aussenstehenden erledigt werden müssen, glauben die Forscher aber eine Beschleunigung der Epidemie zu beobachten. Sie raten dennoch weiterhin, dass kranke Personen zu Hause bleiben. Doch wenn möglich sollten deren Aufgaben unter dem bestehenden Personal verteilt werden. Ob dies dann auch im Sinn der Arbeitskollegen und des Arbeitgebers geschieht, sei dahingestellt.

Auch Christian Althaus rät: «Wenn man sich krank fühlt, soll man immer zu Hause bleiben – besonders in der Grippesaison.» Das sei gut um nicht andere anzustecken, und auch für die Betroffenen selber. «Es dauert sonst nur länger, bis man wieder richtig gesund ist.» In gewissen Berufen wie bei Gesundheitspersonal oder Lehrern gehe es manchmal nicht ohne Ersatz. «Ich mache mir da keine Sorgen, dass deswegen eine Grippe-Epidemie zusätzlich angeheizt werden könnte.» Für solche Personen sei es aber sicher sinnvoll, sich impfen zu lassen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.01.2017, 14:40 Uhr

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