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Mit Heilern und Gesundbetern auf die Bestseller-Liste

Von Richard Diethelm, Freiburg. Aktualisiert am 04.05.2009 12 Kommentare

Die Ethnologin Magali Jenny hat mit einem Leitfaden über Heiler und Gesundbeter den Nerv der Zeit getroffen – und einen überraschenden Erfolg erzielt.

Magali Jenny mit ihrem Buch, das vor allem wegen der Heilerliste begehrt ist.

Magali Jenny mit ihrem Buch, das vor allem wegen der Heilerliste begehrt ist. (Bild: Beatrice Devenes)

Als Magali Jennys Buch im November auf den Markt kam, sagte sie im Scherz zu einigen Kollegen: «Bald werde ich in Buchhandlungen und Warenhäusern mein Werk signieren müssen.» Die Freiburger Ethnologin wusste zwar, dass das Wirken von Heilern, Glieder-Einrenkerinnen und Gesundbetern die Leute interessiert. Dennoch wurde sie von der Erfolgswelle ihres Buchs überrollt: Die Startauflage von 6000 Exemplaren war in weniger als einer Woche ausverkauft. In fünf Monaten druckte der Verlag sechs Auflagen. 37'000 der 41'500 Exemplare sind bereits verkauft.

In ihrem Büro an der Universität Freiburg kreuzt Magali Jenny beide Arme über der Brust. Die Geste unterstreicht, wie mulmig ihr zumute war, als ihre scherzhafte Prophezeiung eintraf. «Ich ging in die Stadt und sah plötzlich mein Gesicht auf einem riesigen Plakat, das für eine Signierstunde warb.» Journalisten aus der Westschweiz und später aus Frankreich überhäuften sie mit Anfragen für Interviews. Als Jenny Ende März ihr Buch in Lausanne an der Mednat vorstellte – der grössten Schweizer Messe für Naturheilkunde – drängten sich 500 Personen im Saal.

Reaktion auf spezialisierte Medizin

Warum ist das Heiler-Buch ein Bestseller geworden? «Ich will den Wert meiner Forschungsarbeit nicht schmälern. Aber ich glaube, die Leute kaufen das Buch in erster Linie wegen der Liste mit 230 Adressen», sagt Jenny. Seit etwa zehn Jahren suchen wieder mehr Menschen Heiler auf oder rufen einen Gesundbeter an. «Die moderne Medizin spezialisiert sich immer stärker und arbeitet mit komplexen Maschinen. Dabei kommt die menschliche Seite zu kurz», erklärt die Ethnologin dieses gesellschaftliche Phänomen. Ärzte würden im Gespräch mit Patienten technische Begriffe benutzen, die diese nicht verstünden. «Zudem bekämpfen Schulmediziner gezielt die Symptome einer Krankheit, während Naturheiler den Mensch als Ganzes sehen.»

Zu Beginn ihrer Nachforschungen vor sechs Jahren fand Jenny nicht auf Anhieb den Zugang zur verborgenen Welt der Heilerinnen und Gesundbeter. Oft brauchte es die Fürsprache von Drittpersonen, bis sie zu einem ausführlichen Gespräch empfangen wurde. Was Jenny in 60 Interviews mit Heilpraktikern erfuhr, hat sie erstaunt. «Ihre Lebensläufe sind sehr unterschiedlich, und jeder hat seine eigenen Heilmethoden.»

Wird Gott oder der Teufel angerufen?

Im Unterschied zur Lizenziatsarbeit, die sie an der Universität Bern über die Tradition der Heiler im Kanton Freiburg schrieb, ist das neue Buch keine wissenschaftliche Abhandlung. «Ich wollte erklären, was Volksheilkunde ist, und die verschiedenen Richtungen aufzeigen», sagt Jenny. Zum Beweis schlägt sie das Inhaltsverzeichnis ihres Buches auf. Es besteht aus lauter Fragen: Was ist der Ursprung der Volksmedizin in der Westschweiz? Sind Heiler Scharlatane? Wird Gott oder der Teufel angerufen?

Wegen eines Skiunfalls musste Magali im Alter von neun Jahren das linke Bein eingipsen lassen. Als der Gips entfernt wurde, zeigte ihr Fuss leicht einwärts. Der Arzt habe ihr gesagt, das sei nun halt so, erinnert sich die 38-Jährige. Ihre Mutter schickte sie aber zu einer «Rebouteuse», die den Fuss mit Massagen und kräftigem Druck wieder richtete. Das Erlebnis weckte Jennys Interesse an Volksmedizin.

Mit Tantiemen Töff gekauft

Ob sie am 17. Mai der Vorlage über Komplementärmedizin zustimmen wird, weiss Jenny noch nicht. Sie neigt zum Ja, wenn sie sagt: «Komplementarität ist für mich wichtig. Es sollte jedermann möglich sein, nebst Schulmedizinern auch Heiler aufzusuchen.»

Was sie mit den Tantiemen aus dem Verkauf ihres Bestsellers macht, hat Magali Jenny hingegen schon früh gewusst. In jener Woche, als ihr Buch auf dem Markt kam, sagte sie zu ihrem Motorradhändler: «Wenn es eine 2. Auflage gibt, kaufe ich einen neuen Töff.» Sie wird die mittelschwere Maschine demnächst einfahren. Motorradfahren ist Jennys Leidenschaft und zugleich ihr neues Studienobjekt: Die Assistentin am Lehrstuhl für Religionswissenschaft schreibt eine Doktorarbeit über Wallfahrten von Töfffahrern.

Magali Jenny, «Guérisseurs, rebouteux et faiseurs de secrets en Suisse romande», Editions Favre, 34.50 Franken.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.05.2009, 14:46 Uhr

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12 Kommentare

Jean Pierre Cotti

04.05.2009, 10:49 Uhr
Melden

Ob wissenschaftlich oder pseudo-wissenschaftlich. Ob dogmatisch oder weil ich daran glaube... entscheidend ist, was mir hilft.... Es braucht beides und der mündige Bürger entscheidet, wem er sich eher anvertrauen will. Kluge Mediziner halten sich nicht für päpstlich und Natur-/Geist-Heilung oder was auch immer kann nicht alles erst recht nicht besser, aber anders, eben alternativ. Antworten


Franz Herzog

04.05.2009, 09:48 Uhr
Melden

Wo bleibt denn hier die wissenschaftliche ethnologische Distanz zum Untersuchungsgegenstand? Antworten



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