Neue Designerdrogen hat das Land

Eine Welle von Research Chemicals schwappt über die Schweiz. Die Risiken sind für den Konsumenten unkalkulierbar. Es gibt Berichte über Selbstverstümmelungen. Ein Experte: «Wer sie schluckt, macht sich zum Versuchskaninchen.»

War die erste Designerdroge: Ecstasy.

War die erste Designerdroge: Ecstasy.

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Es vergeht kaum ein Tag, an dem nicht dubiose Pulver, Tabletten oder Flüssigkeiten den Schweizer Zoll passieren. Manche stecken in bunten Tütchen mit Fantasienamen wie Explosion oder Blow, sind als Badesalze oder Pflanzendünger deklariert und tragen den Hinweis: nicht für den Verzehr geeignet.

Die Substanzen zählen zu einer neuen Gruppe von Drogen - den Research Chemicals. Sie sind rein synthetisch und imitieren die ganze Palette der natürlichen Rauschmittel: Halluzinogene, Stimulanzien, sedierende Stoffe. Die erste Designerdroge gab es mit Ecstasy zwar schon in den 1990er-Jahren, laut Michael Bovens vom Forensischen Institut der Stadt- und Kantonspolizei Zürich blüht der Markt in seiner Vielfalt aber erst seit 2006 richtig auf.

Wir hinken immer hinterher

Research Chemicals gibt es im Internet zu kaufen. Sie kursieren dort auch als «Legal Highs». Denn kaum wird eine Substanz verboten, tauschen die Hersteller eine chemische Gruppe gegen eine andere aus. Die Neukreation steht auf keiner Verbotsliste. «Der Markt reagiert unglaublich schnell», sagt Bovens, «wir hinken immer hinterher.» Mit der revidierten Version des Betäubungsmittelgesetzes soll ein Substanzverbot nun aber schneller als bisher möglich sein.

Wie fix der Markt reagiert, spiegelt sich auch in den Meldungen wider, die bei der Europäischen Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht (EBDD) in Lissabon eingegangen sind: 2008 wurden 13 neue Rauschmittel gemeldet, 2009 waren es 24 und 2010 bereits 41. Darunter fanden sich Piperazine, Amphetamin-Abkömmlinge, künstliche Cannabinoide und viele neue Cathinon-Derivate, die zur Gruppe der Aufputschmittel zählen.

Über die Herkunft der neuen Drogen weiss man wenig. «Wahrscheinlich wird in Labors in Asien, etwa in China, produziert», sagt Roumen Sedefov von der EBDD. «Da steckt eine ganze Industrie dahinter», ergänzt Bovens.

Berichte über berauschte Konsumenten, die sich verstümmeln

Als Inspirationsquelle durchforsten Hersteller die medizinische Forschungsliteratur. Synthetische Cannabinoide seien so abgekupfert worden, sagt Sedefov. Im Januar beschrieb der US-Pharmakologe David Nichols im Magazin «Nature», wie seine Arbeit missbraucht wurde. Nichols testete im Tierversuch Moleküle, die mit Ecstasy (MDMA) eng verwandt waren, als potenzielle Psychopharmaka. Über die Wirkung von MTA bei Ratten publizierte er in den 1990er-Jahren drei Artikel; später tauchte MTA als Flatliner in Pillenform auf dem Drogenmarkt auf. Einige Konsumenten starben.

Die Risiken der Research Chemicals sind unkalkulierbar. «Wer sie schluckt, macht sich zum Versuchskaninchen», sagt Alexander Bücheli von der Jugendberatung Streetwork Zürich. Nebenwirkungen und Langzeitfolgen kennt man meist schon bei den Einzelsubstanzen nicht. Noch gefährlicher wird es, wenn die neuen Rauschmittel gemischt und nicht deklariert sind.

Beispiel Mephedron - eine der derzeit prominentesten Research Chemicals. In den USA sorgt das Cathinon-Derivat, das als Badesalz verkauft wird, für Horrormeldungen. Es wird von berauschten Konsumenten berichtet, die sich selbst verstümmeln, gewalttätig werden und sogar töten. Da solche Fälle in anderen Ländern noch nicht aufgetaucht sind, hält sie Bücheli jedoch für übertrieben.

Rasche Abhängigkeit

Verlässliche Informationen sind Mangelware. Britische Drogenexperten haben nun zumindest das wenige Wissen in einem Übersichtsartikel zusammengetragen. Demnach kann Mephedron zu Herzrasen, Angstzuständen und gefährlichen Durchblutungsstörungen führen. Wenn die aufputschende Wirkung nachlässt, ist das Verlangen nach der nächsten Dosis gross. Sprich: Mephedron kann rasch psychisch abhängig machen. Die Autoren berichten ausserdem von 48 Todesfällen in Grossbritannien, die mit dem Konsum von Mephedron in Zusammenhang stehen.

Boris Quednow von der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich, der bereits die Langzeitwirkungen von Ecstasy unter die Lupe genommen hat, hätte grosses Interesse daran, die Auswirkungen des Mephedron-Konsums systematisch zu analysieren. Doch - und das gilt stellvertretend für die ganzen Research Chemicals - ist erstens der Drogenmarkt kurzlebig. Mephedron wurde in der Schweiz im Dezember 2010 verboten. Längst sind neue «legale» Cathinon-Derivate auf dem Markt. Und zweitens finden sich in der Schweiz wohl nicht genügend Konsumenten, schon gar nicht solche, die nur Mephedron schnupfen. Quednow: «Die nehmen meistens verschiedene Substanzen ein.»

Wie viel Research Chemicals in der Schweiz und anderswo konsumiert werden, ist schwer zu sagen. Das britische Dance-Music-Magazin «mixmag» hat 2009 seine Leser befragt. 60 Prozent gaben an, «Legal Highs» schon einmal probiert zu haben, 42 Prozent hatten Erfahrungen mit Mephedron.

Nicht nur geschluckt und geschnupft

In der Schweiz gibt es widersprüchliche Informationen. Zahlen gibt es von Streetwork Zürich, bei der man im Drogeninformationszentrum jeweils dienstags seine Pillen und Pulver testen lassen kann. 425 Proben wurden 2011 bereits analysiert, davon gehörten nur 6 zu den Research Chemicals, dagegen gab es 126 Amphetamin- und 130 Kokainproben.

Die Daten des Kantonsapothekeramts Bern, das mit seinem mobilen Labor seit 1998 von Party zu Party zieht, sehen ähnlich aus. «Bei den Cathinon-Derivaten sehen wir eine gewisse Variabilität», sagt Laborleiter Hans-Jörg Helmlin. Vor ein paar Jahren entdeckte sein Team viele vermeintliche Ecstasy-Pillen, in denen nicht MDMA, sondern ein psychoaktives Piperazin-Derivat enthalten war. Aufgrund der Fallzahlen und von Befragungen taxieren Helmlin wie Bücheli das hiesige Problem mit den Research Chemicals als nicht sonderlich gross.

Den Handel einfach gemacht

Demgegenüber stehen Bovens Eindrücke vom Forensischen Institut. «Die Stoffe, die der Zoll zwecks Analyse an uns weitergibt, sind mannigfaltigst an Art und Menge.» Dass die neuen Drogen nur selten bei Streetwork auftauchen, erklärt sich Bovens damit, dass deren Klientel vornehmlich Partygänger sind. «Research Chemicals werden aber nicht ausschlieslich im Club, sondern auch daheim konsumiert.» Bücheli dagegen vermutet, dass die Substanzen in der Schweiz nicht nur geschluckt und geschnupft, sondern auch umgeschlagen werden.

Fest steht: Research Chemicals sind im Land. Das bis vor kurzem gültige Betäubungsmittelgesetz hat den Handel einfach gemacht. Es dauerte oft Jahre, bis verdächtige Substanzen verboten wurden. Zoll wie Polizei hatten keinerlei Handhabe. «Wir mussten bislang mit den verdächtigen Stoffen eine langwierige Nutzen-Risiko-Analyse durchführen, wie sie für Arzneimittel üblich ist», erklärt Hans-Beat Jenny, Leiter Bereich Bewilligungen bei Swissmedic.

Mit dem revidierten Betäubungsmittelgesetz, das am 1. Juli in Kraft getreten ist, kann nun sehr viel schneller reagiert werden. Es wurde das Verzeichnis «e» geschaffen - eine Verbotsliste für Substanzen, die keinen ersichtlichen Nutzen als Arzneimittel haben. Jenny: «Die Nutzen-Risiko-Analyse entfällt.»

Ein Verbot ganzer Substanzgruppen wäre besser

Registriert der Zoll eine dubiose Substanz, kann bei Swissmedic nun der Eintrag ins Verzeichnis «e» beantragt werden. «In maximal drei Monaten werden derartige Anträge bearbeitet», sagt Jenny. Mit dieser Listung kann der Stoff beschlagnahmt und ein Strafverfahren eröffnet werden. Noch ist die Liste leer. Im Spätsommer soll sie mit rund 50 Substanzen gefüllt werden. Namen will Jenny noch keine nennen.

Bovens ist froh um das neue Gesetz. «Allerdings können wir nach wie vor nur reagieren.» Besser wäre es, nicht einzelne Stoffe, sondern Stoffklassen wie die Cathinone oder Piperazine auf die Liste zu setzen. Swissmedic prüft derzeit, in welchem Rahmen das möglich ist. Das Problem dabei: Auch die Pharmaindustrie nutzt die Piperazine - ein generelles Verbot stünde ihr im Weg.

Inwiefern die Verbote den Drogenmarkt tatsächlich beeinflussen, wird sich weisen müssen. Ernüchternde Meldungen kommen aktuell aus Grossbritannien. Laut dem Innenministerium ist Mephedron unter den 16- bis 24-Jährigen inzwischen genauso populär wie Kokain. In den letzten 12 Monaten haben rund 300 000 Jugendliche Mephedron konsumiert. Dabei wurde die Substanz in England im April 2010 verboten. (SonntagsZeitung)

(Erstellt: 10.08.2011, 13:51 Uhr)

Stichworte

Drogencheck an der Zürcher Street Parade

Das mobile Labor des Kantonsapothekeramtes Bern wird in Kooperation mit Streetwork Zürich am nächsten Samstag an der Street Parade im Einsatz sein. Raver können ihre Pillen und Pulver von 12 Uhr bis 20 Uhr auf dem Bürkliplatz anonym testen lassen. Nachts findet man das Labor an der Lethargy in der Roten Fabrik.

Infos: www.saferparty.ch

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