«Pädophilie kann man nicht heilen, aber erfolgreich behandeln»

Die sexuelle Vorliebe für Kinder sei eine chronische Erkrankung, sagt der Sexualmediziner. Es gibt aber Wege, die Neigung zu kontrollieren.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Sie führen eine Studie durch, in der Sie Pädophilen helfen, dass sie keine sexuellen Übergriffe auf Kinder begehen. Es haben sich viele Betroffene gemeldet. Hat Sie das überrascht?
Nein. Von Befragungen in der männlichen Allgemeinbevölkerung weiss man, dass etwa ein Prozent der Männer sexuell auf den kindlichen Körper anspricht. Wir wussten also, dass es diese Zielgruppe von Männern gibt, die eine pädophile Neigung aufweisen. Innerhalb der letzten knapp fünf Jahre – so lange läuft das Projekt hier in Berlin – haben wir über 1100 Kontaktaufnahmen gehabt. Aus ganz Deutschland und auch aus Österreich und der Schweiz.

Wie weit ist Ihr Projekt?
Bisher haben 59 Männer die Therapie abgeschlossen und weitere 40 sind dabei oder beginnen in Kürze.

Woher weiss ein Mann, dass er pädophil ist?
Das weiss er durch seine Begleitfantasien bei der Selbstbefriedigung, weil beim Vorliegen einer Pädophilie darin das kindliche Körperschema auftaucht. Und zwar ohne dass sich die Betroffenen das ausgesucht hätten und ohne dass sie es beeinflussen könnten.

Ist Pädophilie eine Krankheit?
Ja. Die Weltgesundheitsorganisation führt sie in ihrem Klassifikationssystem von Erkrankungen als «Störung der Sexualpräferenz» auf. Die pädophile Präferenz manifestiert sich im Jugendalter und bleibt danach lebenslang unveränderbar. Sie ist also eine chronische Erkrankung, die nicht heilbar ist.

Welches sind die Ursachen für Pädophilie?
Es gibt nicht eine einzige Ursache. Sicher ist eine biologische Veranlagung vorhanden. Doch es müssen auch psychologische und soziologische Faktoren hinzukommen, damit sich eine Pädophilie ausprägt.

Kindesmissbrauch wird aber nicht nur von Pädophilen begangen.
Das stimmt. Etwa 60 Prozent der Täter, die sexuelle Übergriffe auf Kinder begehen, sind sexuell auf Erwachsene ausgerichtet. Sie nehmen Kinder als «Ersatz». 40 Prozent der Täter sind pädophil motiviert. Die Opferzahlen sind bei einem pädophilen Täter allerdings höher.

Das heisst also, Pädophile werden öfter rückfällig. Warum?
Weil die Impulse, sexuelle Handlungen mit Kindern zu begehen, bei ihnen immer da sind. Umso wichtiger ist es, sich frühzeitig mit dieser lebenslangen Problematik auseinanderzusetzen und sich nicht der Hoffnung hinzugeben, dass sie sich schon auflösen wird, wenn man nur nicht daran denkt. Im Gegenteil: Die Betroffenen müssen immer daran denken.

Demnach würde es pädophilen katholischen Priestern nicht helfen, das Zölibat aufzuheben.
Das Zölibat übt sicher eine gewisse Anziehungskraft auf pädophile Männer aus, die einen katholisch-religiösen Hintergrund haben. Sie machen aus ihrer Not eine Tugend und denken, durch das Zölibatsversprechen ihre Sexualität komplett hinter sich lassen zu können. Doch das funktioniert nicht, weil die sexuellen Impulsgeber im Gehirn sich nicht ausschalten lassen. Die Folge ist, dass sich die Geistlichen nicht mit Gefahrensituationen auseinandersetzen.

Wie therapieren Sie Pädophile?
Heilung wäre ein unrealistisches Therapieziel. Erfolgreich behandeln kann man trotzdem. Unser Ziel ist, dass die Betroffenen die volle Verantwortung für ihre pädophile Neigung übernehmen und lernen, das eigene Verhalten so zu kontrollieren, dass sie keine Kinder sexuell missbrauchen.

Und wie läuft diese Therapie ab?
In einem standardisierten einjährigen Behandlungsprogramm mit wöchentlichen Sitzungen setzen sich die Betroffenen zunächst mit den eigenen pädophilen Fantasien detailliert auseinander. Sie sollen mögliche Gefahrensituationen im Alltag erkennen und rechtzeitig vermeiden lernen. Die Betreuung der Nachbarstochter in der eigenen Wohnung entfällt dabei genauso wie gemeinsames Zelten mit Kindern aus der Gemeinde.

Und dann?
Wird deutlich, wie schlecht sich Männer mit pädophiler Neigung in Kinder hineinversetzen können und wie stark sie von ihren eigenen Vorstellungen beherrscht werden. Wir nennen das Wahrnehmungsverzerrungen. Etwa, wenn ein Grundschullehrer glaubt, dass der Schüler, der nach dem Unterricht immer noch mit Fragen kommt, sich in ihn verliebt hat – während es genau umgekehrt tatsächlich der Fall ist. Dann ist er auch blind dafür, was der Junge wirklich will. Wahrnehmungsverzerrungen und Opferempathie lassen sich durch die Behandlung positiv beeinflussen.

Sie setzen auch Medikamente ein. Wann?
Gefährdungen für Kinder können auch darauf zurückgehen, dass die sexuellen Impulse der Pädophilen sehr stark sind und darum eine zusätzliche medikamentöse Entlastung sinnvoll ist. Etwa ein Fünftel der Teilnehmer aus dem Projekt macht von dieser Möglichkeit Gebrauch.

Welche Medikamente sind das?
In leichteren Fällen wirken bestimmte Antidepressiva, von denen wir wissen, dass sie auch das sexuelle Verlangen dämpfen. Weitaus stärker wirksam sind Antiandrogene, die dazu führen, dass das männliche Geschlechtshormon Testosteron sich nicht mehr an Gehirnrezeptoren bindet. Man kann auch die Bildung von Testosteron unterdrücken.

Können die Betroffenen diese Medikamente einfach vor einer Gefahrensituation einnehmen?
Nein, sie müssen über einen längeren Zeitraum eingenommen werden und erreichen auch erst nach einiger Zeit ihre volle Wirkung. Das kann aber gerade erwünscht sein. So sah einer unserer Studienteilnehmer – ein Familienvater mit einer auf Mädchen gerichteten pädophilen Nebenströmung – ein deutliches Risiko, einen sexuellen Übergriff auf seine Tochter oder eine ihrer Freundinnen begehen zu können. Sie hatte im Alter von 8 Jahren genau das von ihm präferierte Körperschema erreicht. Der Vater hat sich entschieden, einige Jahre lang die stark wirksamen Medikamente einzunehmen, so lange bis die Tochter das kindliche Körperschema nicht mehr aufweist.

Noch befindet sich die Präventionstherapie in der Testphase. Sind Sie bisher zufrieden?
Ja, wir haben deutlich gesehen, dass wir die Zielgruppe erreichen, Risikofaktoren beeinflussen und Übergriffe verhindern können. Ein neues Feld für die Prävention ist die Nutzung von Missbrauchsabbildungen. Dafür haben wir ein zweites Projekt gestartet.

Sie wollen auch Pädophile erreichen, die Kinderpornografie im Internet anschauen ...
... wir nennen es Missbrauchsabbildungen. Das Wort «Kinderpornografie» verharmlost den Sachverhalt. Diese Abbildungen zeigen genau jene Missbrauchshandlungen, die wir verhindern wollen. Männer, die sich das anschauen, begehen nicht nur strafbare Handlungen, sondern sie unterstützen damit Kindesmissbrauch.

Noch immer ist Pädophilie ein Tabu. Wie soll die Gesellschaft damit umgehen?
Unser Ziel ist es, die Pädophilie zu entstigmatisieren. Wir wollen, dass man nicht die Neigung verurteilt – dafür können die Betroffenen nichts –, sondern das Verhalten, wenn sie Übergriffe begehen oder Missbrauchsabbildungen nutzen. Pädophile, die das wollen, können einen verantwortungsvollen Umgang mit ihrer sexuellen Neigung lernen und lebenslange Verhaltensabstinenz erreichen. Sie sollten dabei durch entsprechende Hilfsangebote unterstützt werden. All jenen aber, die sich nicht helfen lassen wollen, muss man mit allen Mitteln des Strafrechts begegnen, um deutlich zu machen, dass sexuelle Verhaltensstörungen unter keinen Umständen toleriert werden. Dies sollte auch für die Nutzung von Missbrauchsabbildungen gelten.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 23.03.2010, 04:00 Uhr)

Abo

Digital Abos

Tages-Anzeiger unbeschränkt lesen:
Im 1. Monat nur CHF 1.-

Werbung

Blogs

Welttheater Völkerverständigung mit Teekesseln

Mamablog «Kinder brauchen Halt und Hierarchie»

Die Welt in Bildern

Wenn der Säbel juckt: Als Wikinger verkleidet kämpfen australische Teilnehmer des St. Ives-Mittelalter-Festival in Sydney gegeneinander. (24. September 2016)
(Bild: Dan Himbrechts) Mehr...