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Riskante Würze fürs Liebesleben

Von Felix Straumann. Aktualisiert am 25.11.2011

Manche Menschen reagieren allergisch auf Gewürze, die sie als vermeintliches Aphrodisiakum einsetzen. Ein Mediziner hat zahlreiche dieser skurrilen Fälle zusammengetragen. Sie würden unterschätzt, sagt er.

Gewürze als Liebeshelfer: In Mitteleuropa ist Sellerie beliebt – im Volksmund «Geilwurz» genannt.

Gewürze als Liebeshelfer: In Mitteleuropa ist Sellerie beliebt – im Volksmund «Geilwurz» genannt.
Bild: David Evison (iStockphoto)

Allergische Reaktionen auf Gewürze

Wie häufig Gewürzallergien sind, hängt unter anderem davon ab, in welcher Dosis sie verwendet werden. In Mitteleuropa stehen Gewürze unter den Nahrungsmittelallergien an sechster Stelle nach Gemüse, Nüssen, Obst, Erdnuss und Milch. Es sind vor allem die ätherischen Öle in den Gewürzen, die Ekzeme auslösen. Dabei gibt es Gewürze, die relativ schnell Allergien auslösen. Betroffen sind davon nicht selten auch bestimmte Berufsgruppen: Hopfen und Vanille bei Pflückerinnen, Knoblauchallergie bei Küchenpersonal oder Zimt bei Bäckern sind beispielsweise in der Fachliteratur beschrieben.

Neben allergischen Ekzemen gibt es häufig sogenannte Typ-1-Allergien, die durch IgE-Antikörper vermittelt werden. Zu diesem Typ gehören auch die klassischen Allergien gegen Pollen und andere luftübertragene Allergene sowie Nahrungsmittel und Insektenstiche. Die Symptome reichen von Schwellungen und Juckreiz in Mund und Rachen über Ausschläge, Verdauungsprobleme, Schnupfen, Asthma bis hin zu lebensbedrohlichen Kreislaufschocks. Bei den Gewürzen gehören unter anderem Sesam, Sellerie, Knoblauch, Curry, Kümmel, Senf und Paprikapulver zu den Übeltätern, die auf diese Weise schaden können. Häufig sind Kreuzreaktionen: Das heisst, dass Betroffene eigentlich Heuschnupfen oder allergisches Asthma gegen Pollen haben, die beteiligten IgE-Antikörper aber auch an chemische Strukturen in den betreffenden Gewürzen binden, die dann ebenfalls allergische Reaktionen auslösen können.

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Seit fünf Jahren verbringt er jeden August zwei Wochen Ferien an der Ostsee und bekommt jedes Mal einen Ausschlag an seinem besten Stück. Der 32-Jährige bespricht sein «Urlaubs-Ekzem» mit dem Arzt, doch dieser ist auch nach eingehender Allergieabklärung ratlos. Erst ein Gespräch mit seiner Ehefrau verschaffte Klarheit: Jeweils in den Ferien wäscht sie sich den Unterleib mit einem selbst hergestellten Extrakt aus Rainfarn – einer an der Ostsee verbreiteten Pflanze, die zum Würzen von Kuchen und Pudding verwendet wird. Die Frau will damit ihre Sexualität anregen. Pech für ihren Gatten, der allergisch auf das Kraut reagiert.

Ein anderer Patient hat nach dem Verzehr von Selleriesalat einen allergischen Kreislaufzusammenbruch und landet auf der Intensivstation. In der Folge muss der 38-Jährige regelmässig zum Notarzt wegen Kreislaufschwäche und Erbrechen. Erst durch mehrere intensive Befragungen kommt die Ursache ans Tageslicht: Seine Gattin mixt ihm jeden Abend einen «Bloody Mary»-Cocktail. Wenn ihr «danach» ist, würzt sie mit ein wenig Selleriesalz, von dem sie sich eine aphrodisierende Wirkung verspricht. Bei ihrem Mann wirkt das Gewürz allerdings vor allem allergisch.

Grosse Hemmschwelle bei den Patienten

Dies sind zwei einer ganzen Reihe von Fällen, die der deutsche Allergiespezialist Dieter Stiller in seiner Praxis in Eisenhüttenstadt gesammelt hat («Allergologie», Bd. 34, S. 412). Bislang waren Allergien auf Gewürze, die zur Steigerung der sexuellen Lust eingesetzt werden, selbst Fachleuten nicht bekannt. Der pensionierte Mediziner ist sich jedoch sicher, dass dies «häufiger ist, als man denkt». Auch Medizinerkollegen sind inzwischen der Meinung, dass bei unklaren Allergiefällen an Gewürze als Aphrodisiakum gedacht werden muss.

Gewürzallergien sind im Vergleich zu anderen Nahrungsmittelallergien seltener. Wenn das Kraut dann auch noch als Aphrodisiakum verwendet wird, ist es für den Arzt doppelt schwer, die eigentliche Ursache der allergischen Symptome aufzudecken. «Die Patienten haben eine grosse Hemmschwelle einzugestehen, dass sie Aphrodisiaka verwenden», sagt Stiller. Die Ursache aufzudecken bedarf deshalb einer gewissen Hartnäckigkeit.

Liebesgebäck in Thailand

So auch bei einem weiteren Patienten von Dieter Stiller. Dieser war schon dreimal in Thailand in den Ferien – als Sextourist, wie er auf Nachfragen einräumt. Dabei verspürte er jeweils schon auf der Flugreise Übelkeit und Kreislaufprobleme. Im Ferienland landete er schon dreimal wegen eines allergischen Kreislaufschocks im Spital.

Die Ursache blieb im Dunkeln, bis er zu Hause nach einem Frühstück mit Sesambrötchen erneut in Notfallbehandlung musste. Nach einem eingehenden Gespräch gab der 42-Jährige schliesslich an, dass er in Thailand vor dem Sex ein sehr süss schmeckendes Liebesgebäck zu sich genommen hatte. Schnell wird klar: Reichlich vorhandener Sesam im Gebäck führte beim Patienten zu einer allergischen Reaktion, die zusammen mit den Anstrengungen durch die sexuelle Aktivität besonders schwerwiegend ausfiel, wie Stiller vermutet. Die Zwischenfälle im Flugzeug konnte der Arzt hingegen auf Sesam-Snacks, die das Personal dort jeweils verteilte, zurückführen.

Die Entstehung und die Symptome von Gewürzallergien sind grundsätzlich gleich wie bei anderen Nahrungsmittelallergien und zu einem grossen Teil bekannt. Nachdem die besonderen Patienten in seiner Praxis sein Interesse geweckt hatten, begann sich Dieter Stiller in die Kulturgeschichte von Aphrodisiaka zu vertiefen. «Es gibt kein Gewürz, das noch nicht als Aphrodisiakum verwendet wurde», sagt er. Angewendet werden die Pflanzenteile in Liebestrünken, Liebespillen, Bädern, Salben und bei Chili sogar als Einläufe. Und dies schon seit langer Zeit; Sprüche wie «Freu Dich Fritzchen, morgen gibts Selleriesalat» oder «Ich hab Senf und Dill, mein Mann muss machen, was ich will» sind für Stiller dafür ein Beleg. Sellerie ist dabei das bekannteste Aphrodisiakum im mitteleuropäischen Raum. Im Volksmund heisst die Pflanze deshalb auch «Geilwurz» oder zubereitet «Stehsalat». In der Tristan-Legende und in späteren Werken des Mittelalters trinken Tristan und Isolde einen Liebestrank mit vielen Gewürzen und vor allem «sehr, sehr viel Sellerie», so Stiller. Ein anderes Beispiel ist der Rosmarin. Von ihm heisst es in einem alten französischen Kochbuch, dass er den Blick der Männer für weibliche Reize schärfe. Von Anis sagte der griechische Arzt Dioskurides im 1. Jahrhundert, dass er zum Beischlaf reize. In einem Kräuterbuch aus dem 16. Jahrhundert wird vor dem gleichen Gewürz gewarnt, weil es «die Lust zur Unkeuschheit mehret».

Hildegard von Bingen warnte

Von exotischen Gewürzen wie Galgantwurzel, Kardamon oder Kurkuma wurde behauptet, dass sie Hitze besässen und dadurch die Geschlechtslust zum Wallen bringen könnten. Zerstossene Koriandersamen waren bereits im alten Ägypten ein Aphrodisiakum und lagen zum Beispiel dem Grab von Tutanchamun bei. Ingwer soll sogar im Koran als Mittel zur Stärkung der geschlechtlichen Aktivität beschrieben sein. In Europa wurde hingegen meist vor diesen orientalischen Gewürzen gewarnt. Hildegard von Bingen beschrieb im 12. Jahrhundert ihre die Sinneslust steigernde Wirkung als schädlich. Auch der Arzt Georg Friedrich Most hielt sechshundert Jahre später Gewürze für etwas Verwerfliches. Man solle sie nicht vor dem zwanzigsten Lebensjahr geniessen, da sie Ausschweifungen im Geschlechtsgenuss befördern und die Selbstbeherrschung schwächen würden, schrieb er.

Doch wirken Gewürze tatsächlich als Aphrodisiakum? Stiller zweifelt daran. «Dein Glaube hat dir geholfen», zitiert er die Bibel. Zwar hätten einige Gewürze tatsächlich eine geschmackliche und pharmakologische Wirkung, welche die Durchblutung zu steigern vermöge. «Die Eigenschaft als Aphrodisiakum wurde jedoch wissenschaftlich nicht untersucht», sagt Stiller. Während seiner Studienzeit habe er viel Leipziger Gose getrunken, ein obergäriges Bier mit Koriander. Er kann sich nicht erinnern, dadurch oder durch andere Gewürze eine erotisierende Wirkung verspürt zu haben. Allerdings auch keine Allergie. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.11.2011, 17:52 Uhr

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