Robin Williams und das Klischee vom leidenden Künstler

Der Schauspieler Robin Williams führte ein aussergewöhnliches Leben – und war gleichzeitig ein typisches Suizidopfer.

Robin Williams neigte wie viele andere depressive Männer zu Alkoholsucht. Foto: Photos 12/Alamy

Robin Williams neigte wie viele andere depressive Männer zu Alkoholsucht. Foto: Photos 12/Alamy

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Seit seinem Ableben am Montag trauern Angehörige und Fans auf der ganzen Welt um Robin Williams. «Robins Leben erschien so perfekt, aber er muss sehr gelitten haben», soll eine 52-jährige Anhängerin gesagt haben, als sie vor dem Haus des Schauspielers in Tiburon an der US-Westküste mit Blumen Abschied nahm. Der berühmte Komiker und Schauspieler führte ein aussergewöhnliches Leben, doch vereinte er vier Eigenschaften, die ihn letztlich zu einem typischen Suizidopfer machten: Er war ein Mann, mit 63 Jahren nicht mehr der Jüngste, Alkoholiker und litt an einer schweren Depression.

In der Schweiz wird geschätzt, dass rund 20 Prozent der Erwachsenen einmal in ihrem Leben an Depression erkranken, rund die Hälfte davon wie Williams mit schwerer Ausprägung. Längst nicht alle sind suizidgefährdet. Doch Selbsttötungen gehören zu den häufigsten Todesursachen. Fachleute sprechen von 5 bis 15 Prozent der Depressiven, die sich selbst richten. Umgekehrt ist bei rund jeder zweiten Selbsttötung Depression im Spiel. Bei den restlichen steckt in der Regel entweder eine Suchterkrankung, Schizophrenie oder eine Angst­störung dahinter.

Das Paradox: Frauen sind zwar häufiger von Depression betroffen, trotzdem sterben Männer häufiger durch Selbst­tötungen. «Bei der männlichen Depression ist die Gefahr, an Suizid zu sterben, wesentlich erhöht», sagt Heinz Böker, Chefarzt des Zentrums für Depressionen, Angsterkrankungen und Psychotherapie an der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich (PUK). Er sieht einen wesentlichen Grund darin, dass Frauen häufiger über ihre Erkrankung sprechen. «Männer versuchen ihre Depression eher zu verbergen und werden dadurch schneller verzweifelt, weil sie sich nicht artikulieren können.»

Alkohol erhöht Suizidrisiko

Oft neigen depressive Männer zusätzlich zu Alkoholsucht und Drogenmissbrauch. Beides erschwert nicht nur die Behandlung der Krankheit, es erhöht das Suizidrisiko. Auch in dieser Hinsicht ist Robin Williams ein Normalfall. Er hat nach seinen ersten Erfolgen Ende der 1970er-Jahre Drogen konsumiert und war Alkoholiker. Nach der Geburt des ersten Kindes und dem Drogentod eines Freundes hörte er Mitte der 1980er-Jahre damit auf. 2006 erlitt er einen Rückfall. Im Juli dieses Jahres suchte er schliesslich von sich aus eine Entzugs­klinik auf, um einen möglichen Rückfall in die Sucht zu verhindern.

Für den Psychiater Böker ist jedoch vor allem das Stigma psychischer Krankheiten eines der Hauptprobleme für die Behandlung: «Viele fürchten Vorurteile und negative Reaktionen aus dem Umfeld und ziehen sich deshalb noch mehr zurück, als sie das ohnehin tun würden.» Wenn das Umfeld und die Familie einbezogen würden und präsent seien, helfe das den Betroffenen ungemein.

Allerdings gibt es gute Gründe, wieso viele Betroffene ihre Erkrankung für sich behalten wollen. «Wenn jemand zum Beispiel eine neue Stelle antritt, ist es nachvollziehbar, wenn er seinem Arbeitgeber nichts von der Erkrankung sagen möchte», sagt Jiri Modestin, Psychia­ter am Zentrum für Angst- und Depressionsbehandlung Zürich (ZADZ). Zwar hat sich laut Fachleuten die Situation in den letzten 20 Jahren stark verbessert. Trotzdem zeigten Untersuchungen, dass in rund jedem vierten Fall negative Reaktionen die Folge seien, wenn jemand von seinen Depressionen erzähle, so Modestin. «Die meisten Diskriminierungen geschehen dabei in der Familie.»

Heute gehen Fachleute davon aus, dass bei einer Depression die Ursache in einer Kombination aus Vererbung, frühkindlichen Einflüssen und belastenden Erlebnissen liegt. Darin gleicht das ­Leiden vielen anderen psychischen ­Erkrankungen. Robin Williams hat selbst davon erzählt, dass er in der Kindheit oft allein war, weil seine Eltern stark beschäftigt und viel unterwegs waren. «Es ist plausibel, dass er später deswegen auf drohende Verluste sensibel reagiert hat», sagt Modestin. Allerdings reiche dies nicht aus für eine psychische ­Erkrankung, dafür müssten weitere ­Faktoren dazukommen. «Viele andere Kinder, die gleich aufgewachsen sind, haben später keinerlei psychische Probleme.»

Klischee mit wahrem Kern

Bei einer akuten Depression behandeln Ärzte mit Antidepressiva sowie Sozial- und Psychotherapie. «Langfristig versucht man mit der Behandlung prophylaktisch schwere depressive Phasen zu verhindern», sagt Modestin. Dabei hat sich insbesondere die Verwendung von Lithium in Ergänzung zu Antidepressiva bewährt. «In Studien konnte ­gezeigt werden, dass dadurch die Häufigkeit von Suiziden deutlich reduziert werden kann», so Modestin. Für Heinz Böker von der PUK ist es zudem wichtig, dass Betroffene ein stabiles Umfeld haben und Frühwarnzeichen wie Durchschlafprobleme erkennen, die das Auftreten einer depressiven Phase ankündigen.

Durch seine Selbsttötung ist Robin Williams nun vollends zum Prototyp ­eines kreativen und hochproduktiven Menschen geworden, der seine Schaffenskraft mit einem zweiten, dunklen Selbst bezahlt. Psychisches Leiden als Quelle für Genie und Kreativität – ist dies nicht letztlich nur ein Klischee, in das Williams so vermeintlich perfekt passt? «Nicht nur, dieses Klischee hat durchaus einen wahren Kern», sagt Daniel Hell, Depressionsspezialist an der Privat­klinik Hohenegg. «Viele Künstler haben eine depressive Seite oder leiden an ­einer anderen psychischen Störung.» Verschiedene Studien zeigten, dass diese Erkrankungen unter kreativen Menschen häufiger vorkämen, sagt der Psychiater.

Unter den Patienten von Daniel Hell befinden sich Kulturschaffende und Künstler, die unter depressiven Phasen leiden. Wenn die Erkrankung zuschlage, seien Betroffene nicht in der Lage, kreativ zu sein. «Sie bewegen sich dann wie mit einer angezogenen Handbremse», erklärt der Psychiater. In diesen depressiven Phasen seien sie jedoch mit den Grundfragen des Lebens konfrontiert. «Oft können Betroffene später aus dieser Erfahrung schöpfen und sie produktiv umsetzen.»

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 14.08.2014, 06:55 Uhr)

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