Rot steigert die Konzentration, Blau die Kreativität
Von Daniel Bächtold. Aktualisiert am 06.02.2009
Vokabel lernt man besser, wenn sie auf einem roten, als auf einem blauen Hintergrund stehen. (Bild: Keystone)
Farben beeinflussen unsere Stimmung, machen einen Raum optisch kleiner oder grösser und manipulieren sogar unser Zeitgefühl. Doch das ist nicht alles. Kanadische Forscher haben herausgefunden, dass bestimmte Farben unsere geistige Leistungsfähigkeit steigern können. Rot sei demnach bei Aufgaben von Vorteil, die genaues Arbeiten erfordern. Blau hingegen steigere die Kreativität. Wie andere Farben wirken, haben Ravi Mehta und Rui Zhu von der University of British Columbia in Vancouver nicht untersucht. Den Einfluss von Rot und Blau auf unsere kognitive Leistung aber belegen sie mit einer Serie von Experimenten («Science online»).
Rot bedeutet Gefahr
Wie die beiden Forscher schreiben, werde die Farbe Rot häufig mit einer Gefahr oder Fehlern assoziiert. Die «Vermeidungsmotivation » werde so aktiviert. Das habe zur Folge, dass man wachsamer werde. Blau hingegen werde mit Offenheit und Ruhe assoziiert und beeinflusse die «Annäherungsmotivation» eines Menschen positiv. Das verleite dazu, Probleme mit neuen und innovativen Lösungsansätzen anzugehen.
Tatsächlich konnten die beiden kanadischen Forscher diese theoretischen Überlegungen in ihrer Untersuchung bestätigen. In einem ersten Experiment mussten 208 Versuchspersonen in zwei Minuten eine Liste von 36 Wörtern lernen. Die Wörter wurden auf dem Computer vor einem roten, blauen oder neutral grauen Hintergrund präsentiert. Zwanzig Minuten später fragten die Wissenschaftler das Gelernte ab.
Die Aufgabe, die ein hohes Mass an Konzentration erfordert, wurde deutlich durch die Hintergrundfarbe beeinflusst. Jene Versuchspersonen, die die Wörter vor dem roten Hintergrund lernten, erinnerten sich an mehr davon als jene mit dem blauen Hintergrund. Letztere produzierten zudem mehr falsch-positive Antworten als die rote und neutrale Gruppe. Die blaue Gruppe erinnerte sich demnach an Wörter, die gar nicht auf der Liste waren. Die Anzahl korrekter und falsch-positiver Ant- worten ist auch ein Mass für die gerichtete Aufmerksamkeit einer Versuchsperson. Rot hat diese im Vergleich zu Blau gefördert.
Blau erhöht bei den Versuchspersonen die falsch-positiven Antworten
Nicht so im folgenden Experiment: Da mussten die Versuchspersonen am Computer in einer Minute möglichst viele Verwendungen für einen Ziegelstein auflisten. Die Antworten wurden anschliessend von externen Experten auf ihre Kreativität beurteilt. Die rote, blaue und neutrale Gruppe produzierten zwar ungefähr gleich viele Verwendungsmöglichkeiten. Die Antworten der blauen Gruppe aber waren kreativer als jene der roten und neutralen Gruppe.
In einem nächsten Versuch ging es ebenfalls darum, ob Farben die Aufmerksamkeit stärken. Die Teilnehmer mussten möglichst schnell entscheiden, ob zwei komplizierte Adressen identisch waren oder nicht. Wiederum wurden die zu beurteilenden Informationen auf rotem, blauem oder neutralem Hintergrund präsentiert. Wie zu erwarten war, schnitten jene Versuchspersonen am besten ab, die die Adressen auf rotem Hintergrund sahen. Schliesslich mussten die Probanden eine Wortfolge logisch ergänzen. Zu «Ablage, lesen, Ende» würde beispielsweise «Buch» passen. Die blaue Gruppe hatte mehr richtige Antworten als die rote und neutrale Gruppe.
Farbliche Unterschiede zeigten sich auch, wenn es darum ging, aus scheinbar nutzlosen Formen ein Kinderspielzeug zu basteln. Aus insgesamt zwanzig blauen oder roten Formen mussten Versuchspersonen jeweils fünf auswählen und daraus ein Spielzeug konstruieren. Externe Experten beurteilten die Spielzeuge dann auf Originalität und Funktionalität. Das Resultat: Die Spielzeuge der roten Gruppe waren funktionaler, jene der blauen Gruppe origineller.
Je nach Aufgabe die passende Farbe
Noch mehr solcher Experimente ergaben alle das gleiche Resultat: Rot kann eine «Vermeidungsmotivation» auslösen und Blau eine «Annäherungsmotivation». Je nach Aufgabe würden demnach unterschiedliche Farben einen Vorteil bringen, schreiben die beiden Wissenschaftler in ihrer Studie.
Falls ein hohes Mass an Aufmerksamkeit verlangt sei, «etwa wichtige Informationen memorieren oder die Nebeneffekte von Medikamenten erkennen», so die Wissenschaftler, sei Rot als Hintergrundfarbe angebracht. Falls aber Kreativität oder Vorstellungsvermögen zentral seien, sollte die Umgebung eher in blauen Tönen gehalten sein. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 06.02.2009, 11:33 Uhr







