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Sind wir Untertanen der Märkte?

Von Peter Schneider. Aktualisiert am 25.11.2011 2 Kommentare

Sind wir tatsächlich Diener(innen) neuer Herren geworden, die uns – personifiziert und autonom – nach ihrer Pfeife tanzen lassen?

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Seit die «Märkte verrückt spielen» und wir «ihr Vertrauen wieder gewinnen müssen», sammle ich in den Medien Ausdrücke und Sätze über diese «irritierten» und «sensibel reagierenden» Wesen. Sie werden meist in der Mehrzahl genannt, fühlen sich vermutlich in der Gruppe geborgen und stark und «setzen uns» mitsamt unserer Politik gerne «unter Druck». Dies ist nur eine Auswahl von Originalzitaten! Wo führt das hin?

Liebe Frau H.

Wenn ich mich nicht täusche, sind «die Märkte» im Plural eine Erfindung der jüngeren Zeit. Wenn das so ist, dann vielleicht deshalb, weil «der Markt» in der emphatischen Einzahl für die Erklärung und Legitimation der unübersichtlich gewordenen Verhältnisse nicht mehr taugt. Das Credo des guten alten (genauer gesagt: dreissig Jahre alten) neoliberalen Markt-Monotheismus («Es gibt nur den Markt, und der Markt ist allwissend und allgütig in seiner unendlichen Effizienz») hat in der Finanzkrise von 2008 seine Glaubwürdigkeit verloren, ohne dass ein neues Glaubensbekenntnis parat läge. In der globalisierten Ökonomie sind es nun wieder die zuvor als pures Markthemmnis geschmähten Nationalstaaten, die retten, stützen, eingreifen müssen, was das Zeug hält. Der totale Markt, zu dem es, wie Maggie Thatcher in den 80er-Jahren predigte, angeblich keine Alternative gab, muss nun vor sich selber gerettet werden. Was zunächst reine Beschwörungsrhetorik war, ist Realität geworden. Nun scheint es tatsächlich keine Alternativen mehr zu geben: Wenn der Euro untergeht, geht Europa unter. Und wenn der Frankenkurs nicht runtergeht, die Schweiz gleich mit.

Die Frage, wie d e r Markt diese Krise zulassen konnte, ist so unbeantwortbar geworden wie die Frage nach der Güte und Allmacht Gottes angesichts des Bösen in der Welt. Zutreffend spricht Joseph Vogl («Das Gespenst des Kapitals») von einer der Theodizee analogen Oikodizee. Aus der Asche des göttlichen Marktes, der in der Lage ist, alles zum Guten zu wenden, hat sich kein Phoenix, sondern ein bunter Haufen sensibler, verängstigter, manisch-depressiver, enttäuschter, paranoider Märkte erhoben. In diesem neuen Märkte-Polytheismus herrschen Zustände wie im «hölzige Himel». (Pessimisten halten diesen Himmel für eine Variante der Vorhölle, Optimisten für das Fegefeuer, aus dem wir und die Märkte geläutert hervorgehen könnten.) Mag sein, dass «die Politik» wie gebannt auf die Märkte schaut, um in deren Reaktionen Rezepte für die Zukunft erkennen zu können. Das Problem bei dieser neuen Form der Kaffeesatzleserei besteht indessen darin, dass die Indizes der Märkte noch weniger Klartext reden als das Orakel von Delphi. Denn was die Märkte bei Börseneröffnung noch euphorisch stimmt, versetzt sie oft bei Börsenschluss schon wieder in Panik. Guter Rat ist teurer denn je. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.11.2011, 11:17 Uhr

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2 Kommentare

Christoph Geiser

25.11.2011, 11:31 Uhr
Melden 4 Empfehlung

Auf und ab, das Prinzip des Universums. Alles bewegt sich in Wellenlinien, weshalb gerade der Markt nicht? Bisher ist noch alles vom Mensch erschaffene zerfallen. Irgendwie ist das auch gut so. Antworten


willi aerne

25.11.2011, 11:48 Uhr
Melden 4 Empfehlung

Das Geplauder vom EINEN Markt ist Quatsch. Es hat schon immer eine Vielzahl von Märkten gegeben. DER Markt braucht auch die Krisen nicht zuzulassen. Er ist von diesen schon immer heimgesucht worden. Soros hat kürzlich bemerkt, schuld an der jetzigen Krise seien die Politiker. Statt die Märkte wo nötig zu regulieren, hätten sie sie dereguliert. Spekulanten inkl. er selber würden das halt ausnützen Antworten



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