«Singen ist die Muttersprache des Menschen»

Pädagogen betonen, dass Musik für die Entwicklung von Kindern sehr wichtig ist. Im Alltag spielt Gesang aber kaum eine Rolle.

«Singen macht nicht nur glücklich, sondern auch leichter schultauglich»: Kinder im Singunterricht.

«Singen macht nicht nur glücklich, sondern auch leichter schultauglich»: Kinder im Singunterricht. Bild: Keystone

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Es trällert, dudelt, pfeift und schallt den ganzen Tag aus Radios, iPods oder Lautsprecheranlagen in Supermärkten. Kinder in modernen Gesellschaften wachsen mit einer Dauermusikbeschallung auf - doch die wenigsten von ihnen singen selbst oder spielen ein Instrument. Während bis vor 40 Jahren Singen Teil der Alltagskultur war, hört man heute ausserhalb von Chören kaum noch jemanden Lieder trällern. Experten sehen dies nicht nur als kulturellen Verlust, sondern warnen auch davor, dass Kindern ohne Singen und Musizieren wertvolle Fähigkeiten verloren gehen. In Deutschland zum Beispiel gibt es immer mehr Projekte, mit denen Kinder wieder an die Musik herangeführt werden sollen.

«Aggressionen besser regulieren»

«Das Singen ist die eigentliche Muttersprache des Menschen», sagte Yehudi Menuhin. Kurz vor seinem Tod 1999 übernahm der legendäre Geiger die Schirmherrschaft über das damals gerade gegründete Netzwerk «Il canto del mondo». Das ist eine von zahlreichen Organisationen, die Kindern das Singen oder allgemein das Musizieren wieder näherbringen wollen - etwa der Deutsche Chorverband (DCV), der das «Felix»-Siegel an das Singen fördernde Kindertagesstätten verleiht, die Stiftungen «Singen mit Kindern» oder «Musikalische Grundschule» oder das wissenschaftlich begleitete Projekt «Jedem Kind ein Instrument» mit dem Schwesterprojekt «Jedem Kind seine Stimme».

«Singen macht nicht nur glücklich, sondern auch leichter schultauglich», erklärt der Musikpsychologe und Soziologe Karl Adamek, Initiator und Erster Vorsitzender von «Il canto del mondo». Singen fördere die gesamte Entwicklung der Kinder, bewirke aber vor allem, «dass die Kinder glücklicher und ausgeglichener sind, dass sie ihre Aggressionen besser regulieren können». Das fand Adamek bei einer Studie mit knapp 500 Kindern heraus, die er zusammen mit dem Soziologen Thomas Blank in den Jahren 2001 bis 2002 im Rahmen der Schuleingangsuntersuchungen in Münster durchführte. Die Studie soll im Herbst veröffentlicht werden.

Wenige Kinder können Melodie nachsingen

Das Problem bei der Sache: In den Kindergärten und Schulen wird heute meist nur noch wenig gesungen. Laut Adamek können mangels entsprechender Ausbildung nur noch etwa 20 Prozent der Kindergartenerzieherinnen und noch weniger Grundschullehrer die Kinder zum Singen begeistern und anleiten. Die Folge: Während noch vor 40 Jahren 90 Prozent der Grundschüler eine Melodie sauber nachsingen konnten, gelingt dies heute nur noch ganz wenigen Kindern, wie Adamek erklärt.

Aus diesem Grund rief «Il canto del mondo» die Projekte «Canto elementar» zum Singen im Kindergarten und entsprechend «Canto primar» für Grundschulen ins Leben. Während sich das Grundschulprojekt mit fünf beteiligten Schulen noch in der Erprobungsphase befindet, gibt es das Kindergarten-Projekt bereits seit sieben Jahren, inzwischen beteiligen sich schon mehr als 100 Kindergärten daran. Das Konzept bei beiden Projekten: Sogenannte Singpaten - meist Senioren, die gerne singen und noch das inzwischen von vielen vergessene Arsenal an Kinder- und Volksliedern kennen - gehen in die Klassen und Kindergärten und singen mit den Kindern, um sie so mit dem Gesangsvirus zu «infizieren».

Es geht dabei nicht darum, Kinder nach Noten oder Leistung singen zu lassen, wie Adamek betont. Kinder sollten «ganz frei ohne Leistungsanspruch einfach nur singen können». Der Neurologe Gerald Hüther bezeichnet Singen als Balsam für die Seele und Kraftfutter für die Gehirne von Kindern. Dabei komme es zu einer Aktivierung emotionaler Zentren und einer gleichzeitigen positiven Bewertung der dadurch ausgelösten Gefühle. So werde Singen mit einem befreienden Glückszustand gekoppelt. Es aktiviere zudem die Fähigkeit zur Einstimmung auf andere und schaffe so eine emotional positive Grundlage für den Erwerb sozialer Kompetenzen wie Einfühlungsvermögen und Rücksichtnahme.

Nur scheinbar nutzlose Leistung

«Es ist eigenartig, aber aus neurowissenschaftlicher Sicht spricht alles dafür, dass aus der Perspektive einer Leistungsgesellschaft die scheinbar nutzloseste Leistung, zu der Menschen befähigt sind - und das ist unzweifelhaft das unbekümmerte, absichtslose Singen - den grössten Nutzeffekt für die Entwicklung von Kinderhirnen hat», erklärt der Leiter der Zentralstelle für Neurobiologische Präventionsforschung, der auch Mitglied im Beirat von «Il canto del mondo» ist.

Das Singen müsse nicht nur bewahrt werden, sondern auch weltweit gefördert, erklärte Yehudi Menuhin. «Denn Singen macht, wie nichts anderes, die direkte Verständigung der Herzen über alle kulturellen Grenzen hinweg möglich.» Oder, wie der Volksmund in Abwandlung einer Gedichtstrophe von Johann Gottfried Seume sagt: «Wo man singt, da lass' dich ruhig nieder, böse Menschen haben keine Lieder.» (vin/ap)

(Erstellt: 19.07.2009, 16:46 Uhr)

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