Übungen zur Achtsamkeit
Von Peter Schneider. Aktualisiert am 15.02.2012 1 Kommentar
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Was ist Achtsamkeit, und was ist die Bedeutung der Achtsamkeit? P. G.
Lieber Herr G.
Wenn ich das Wort «Achtsamkeit» höre, werde ich leider immer ganz verspannt im Hier und Jetzt. Obwohl Achtsamkeit uns ja in den genau entgegengesetzten Zustand versetzen sollte. Achtsamkeit steht einerseits für eine dem Buddhismus entlehnte, allgemeine Haltung des «bewussten» Vollzugs der Verrichtungen des Lebens, andererseits für eine Schulen übergreifende Methode der Psychotherapie, die sich aus Versatzstücken von Meditation und Verhaltenstraining zusammensetzt. Achtsamkeit kombiniert östlichen Tiefsinn mit dem Pragmatismus der Ratgeberliteratur, die ihre Klientel in fünf oder zehn Schritten zum Idealgewicht oder aber zum besseren Leben hinzuführen verspricht.
Sie eignet sich darum sowohl zur Behandlung von psychischen Traumata wie von Borderline-Störungen als auch ganz allgemein zum Stressabbau und zur Linderung von Burn-out-Symptomen. Achtsamkeit fängt im Alltag an. Luise Reddemann, Vertreterin einer tiefenpsychologisch inspirierten Achtsamkeit, empfiehlt etwa achtsames Duschen: «Machen Sie sich bewusst, dass Sie das Wasser anstellen (...) Lassen Sie den Strahl über den Körper fliessen, aber tun Sie es heute ganz achtsam, nehmen Sie jede Stelle des Körpers wahr, nehmen Sie sich Zeit dafür, wahrzunehmen, wie sich die einzelnen Teile des Körpers durch das Wasser fühlen. Wenn es Teile des Körpers gibt, die Sie ungern wahrnehmen, lassen Sie sie zunächst aus und beziehen Sie sie erst dann mit ein, wenn es Ihnen Freude macht.»
Es mag Menschen geben, die sich an solchem Psycho-Kitsch erbauen können; mir kräuseln sich dabei die Fussnägel. Und je bewusster ich mir das Gesäusel zu Gemüte führe, desto mehr kräuseln sie sich. Diese Mischung aus gedanklicher Überschlichtheit und gehobenem Predigtton, aus östlicher Weisheit und technizistischer Bürokratenprosa verursacht mir Krämpfe. In solchen Fällen empfiehlt sich Übung 2 des Arbeitsblattes 4 («Annehmen der Realität») aus der Dialektisch Behavioralen Therapie nach Marsha Linehan: «Richten Sie Ihre Aufmerksamkeit auf Ihre Füsse, wie sie den Boden berühren. Betrachten Sie das freundliche Entgegenkommen des Bodens, der Sie trägt, der Ihnen einen Weg bereitet, um zu anderen Dingen zu gelangen, der Sie nicht hinabfallen lässt. Richten Sie Ihre Aufmerksamkeit auf Ihren Körper, wie er den Stuhl berührt, auf dem Sie sitzen. Betrachten Sie, wie der Stuhl Sie annimmt, wie er Ihren Rücken stützt, wie er Sie davor bewahrt, auf den Boden zu fallen.»
Danke, Stuhl. Danke, Achtsamkeit. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 15.02.2012, 10:22 Uhr
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1 Kommentar
Wenn ich statt der Stichsäge den Hammerbohrer aus dem Schopf mitbringe, fehlt es mir an Achtsamkeit. Beim ausgedehnten verschwenderischen Duschen mit Mitgefühl oder beim gefühlvollen Annehmen der Sitzunterlage fehlt mir das Verständnis. In der Natur bedacht laufen, eine durch die Evolution optimierte Grundaktivität wird heute in Gruppen unterrichtet. Psychokitsch ist eine treffende Bezeichnung Antworten

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