Ungesunde Nächte in Kopenhagen
Von Matthias Meili. Aktualisiert am 19.12.2009
Klimagipfel Kopenhagen
«Nächtliche Verhandlungen bringen Schwung in den Klimagipfel», heisst es in einer Medienmitteilung aus Kopenhagen. Bis fünf Uhr in der Frühe tagten die Verhandlungsteilnehmer in Kopenhagen am Freitag. In der Nacht auf heute dürfte es noch länger gedauert haben. «Um diese Zeit würde ich keine wichtigen Entscheidungen mehr treffen», sagt Christian Cajochen, der Leiter des Zentrums für Chronobiologie an den Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel. «Man weiss, dass die geistige Leistungsfähigkeit gerade so früh am morgen am schlechtesten ist, selbst wenn man nicht übermüdet ist.»
Der Mensch ist nun einmal kein Nachttier. Dies hängt von seinem täglichen Schlaf-Wach-Rhythmus ab. Dieser wird von einem zentralen Taktgeber im Gehirn, dem Hypothalamus, gesteuert. Die innere Uhr ist nur so gross wie ein Reiskorn, reagiert auf Sonnenlicht und steuert neben dem Schlaf-Wach-Rhythmus weitere wichtige Grundfunktionen wie Körpertemperatur oder Blutdruck.
Zweimal pro Tag ein Leistungstief
Sie veranlasst zum Beispiel die Zirbeldrüse zu Beginn der Nacht das Hormon Melatonin zu produzieren, das die erste Schlafphase ankickt. Zudem drängt die innere Uhr das Gehirn zweimal im Tag in ein Leistungstief – einmal am Nachmittag um 14 Uhr und noch dramatischer früh zwischen 3 Uhr und 5 Uhr morgens. Tief in der Nacht sinkt auch die Körpertemperatur um 1 Grad ab, und die Bronchiengänge der Lunge verengen sich.
Zu diesen regelmässigen – «circadian» genannten – Rhythmen gesellt sich bei Schlafmangel ein zunehmender Schlafdruck. Dieser Prozess S genannte Aufbau von Schlafbedarf läuft parallel zur inneren Uhr ab. Während Letztere tatsächlich präzis wie eine Schweizer Uhr läuft, baut sich der Schlafdruck wie ein gestauter Bach auf.
Schlafmangel schlägt sich zuerst auf Stimmung
Die neurophysiologischen Grundlagen sind wenig bekannt. «Es gibt kein eigentliches Schlafzentrum im Gehirn», sagt Christian Cajochen. Dass dabei aber eine Schlafsubstanz involviert ist, ist sehr wahrscheinlich. Wenn ausgeschlafenen Hunden die Hirnflüssigkeit von Artgenossen eingespritzt wird, die drei Tage lang wach gehalten wurden, schlafen die Versuchstiere sofort ein.
Klar ist, dass sich zunehmender Schlafdruck vielfältig auswirkt. Schlafforscher Christian Cajochen: «Ich habe gehört, dass die Stimmung in Kopenhagen sehr schlecht sei. Das wundert mich nicht.» In einer Studie vom Juni dieses Jahres konnten Cajochen und seine Mitarbeiter zeigen, dass sich Schlafmangel zu allererst in einer schlechten Stimmung niederschlägt. Dabei hatten ältere Menschen mehr Probleme als jüngere, und Frauen waren mehr betroffen als Männer.
Wie mit Alkohol im Blut
Auch die geistigen Fähigkeiten nehmen bei steigendem Schlafdruck drastisch ab. Bereits im Jahr 2000 fanden australische Wissenschaftler von der Universität von New South Wales heraus, dass Menschen, die nur vier Stunden schlafen, bei Konzentrationstests so schlecht abschneiden wie mit einem Blutalkoholgehalt von 0,5 Promille. Nach einer durchwachten (nicht durchzechten!) Nacht entsprachen die Resultate sogar 0,8 Promille.
Die langen Verhandlungsrunden in Kopenhagen sind auch ungerecht. Denn nicht jeder ist gleich betroffen – bedingt durch die genetische Grundausstattung. 15 Prozent der Menschen zählen zu den «Eulen»: Sie bleiben bis tief in die Nacht hinein fit. «Lerchen» dagegen haben mehr Mühe mit Nachtübungen. «Ausserdem gibt es auch Menschen, die allgemein weniger Schlaf brauchen», sagt Cajochen.
Absichtliche Nachtschichten?
Der Kampf gegen die innere Uhr ist fast aussichtslos. Kaffee nützt ein wenig. Auch eine starke Belichtung mit viel Blauanteil hält ein wenig wacher. «Aber das beste Gegenmittel ist Schlaf», sagt Christian Cajochen. «Selbst am Morgen früh hilft es, wenn man jede Möglichkeit zu einem Power Nap von 20 Minuten nützt.» Eine gewisse Wirkung hat auch das Medikament Provigil, das Patienten mit Narkolepsie verabreicht wird. Diese Menschen schlafen alle drei bis vier Stunden ein, ohne dies zu wollen.
Vielleicht hat der dänische Kongresspräsident die Nachtschichten absichtlich angesetzt. Vom argentinischen Konferenzpräsident in Kyoto 1997 wird gesagt, dass er die Konferenz bewusst bis weit in den Morgen hinausgeschoben habe, damit die ermüdeten Verhandler endlich zu einem Beschluss bewegt werden konnten. Seine Strategie hatte denn auch Erfolg.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 19.12.2009, 04:00 Uhr



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