Unlautere Forschung mit den Alleskönnerzellen

Ein neuer Fälschungsvorwurf erschüttert die Stammzellforschung. Auch die Schweiz hatte ihren Klonskandal.

Bei Stammzellenforschern schaut die Fachwelt ganz genau hin: Zellmaterial unter dem Mikroskop. Foto: Ann Hermes (The Christian Science Monitor, Getty Images)

Bei Stammzellenforschern schaut die Fachwelt ganz genau hin: Zellmaterial unter dem Mikroskop. Foto: Ann Hermes (The Christian Science Monitor, Getty Images)

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Es klingt so einfach, was sich die japanische Stammzellforscherin Haruko Obokata ausgedacht hat: Man nehme die Körperzellen eines Patienten, werfe sie in ein mildes Säurebad, und schon erhält man Stammzellen, aus denen sich all jene Gewebe des Körpers bilden lassen, die der Patient zur Heilung benötigt. Doch es ist wohl zu einfach, um wahr zu sein. Anfang Februar hatte Obokatas Säurebadmethode, veröffentlicht im ­renommierten Fachmagazin «Nature», weltweit Schlagzeilen gemacht. Jetzt untersucht eine Kommission, ob an Obokatas spektakulärer Methode etwas dran ist oder ob die Forscherin schlampig ­gearbeitet oder gar gefälscht hat.

Die Klon- und Stammzellforschung scheint eine unrühmliche Tradition von Forschungsskandalen zu haben. Noch am präsentesten dürften die getürkten Experimente des südkoreanischen Forschers Hwang Woo-suk sein, der 2004 behauptet hatte, ihm sei das therapeutische Klonen mit menschlichen Zellen gelungen – also der Transfer des Erbguts einer menschlichen Körperzelle in eine zellkernlose Eizelle, aus der dann embryonale Stammzellen gezüchtet werden.

Hohe Erwartungshaltung

Nachdem das Experiment, das sogar auf dem Titelblatt der Fachzeitschrift «Science» landete, Ende 2005 als Fälschung aufgeflogen war, traute sich lange Jahre kein Forscher mehr an die Experimente heran. Als Shoukrat Mitalipov vom Oregon Stem Cell Center das therapeutische Klonen 2013 dann endlich doch gelang, guckte die Fachwelt ganz genau hin: Und fand prompt fehlerhaft zusammen­gestellte Abbildungen. Allerdings waren sie nicht so gravierend, als dass die Ergebnisse der Arbeit infrage stünden.

Dass Hwang Woo-suks Fälschungen überhaupt Bestand haben konnten, lag vor allem an der Erwartungshaltung von Forschern und Öffentlichkeit. Dass therapeutisches Klonen beim Menschen möglich ist, schien fast schon eine triviale Sache zu sein, nachdem es 2002 bei Mäusen funktioniert hatte. Da schien die Wiederholung beim Menschen nur eine etwas aufwendigere, aber machbare Fingerübung zu sein. Also steckte Südkorea, hungrig nach internationalem Prestige, viel Geld in das Forschungsinstitut von Hwang, der wie ein Popstar hofiert wurde.

Auch die Schweiz hat ihren Klonskandal, der wohl Erste überhaupt. Der Österreicher Karl Illmensee, der sich als Entwicklungsbiologe einen Namen gemacht hatte und an die Universität Genf berufen worden war, hatte 1981 behauptet, als Erster ein Säugetier (Mäuse) geklont zu haben – also lange vor dem Klonschaf Dolly. Doch als sich die Experimente nicht wiederholen liessen und eine Kommission Illmensees schlampige Protokollführung und andere Ungereimtheiten fand, galt der Forscher fortan als Fälscher und der Traum vom Klonen von Säugetieren als geplatzt.

Betrug und Schlampigkeit

Kein Wunder, dass nach Skandal um Skandal der Eindruck entsteht, dass Stammzellforscher eher zu Betrug, Schlampigkeit und übertriebener Hoffnungsmache neigen. Das weist die Internationale Gesellschaft für Stammzellforschung (ISSCR) zurück. «Ungenauigkeiten und Betrug plagen alle Wissenschaftsbereiche», sagt die ISSCR-Präsidentin Janet Rossant. Stammzellforschung sei ein Feld, das sich schnell entwickle und Erwartungen für neue Therapien wecke. «Deshalb wird über Fortschritte sehr prominent berichtet, sowohl in der Fachliteratur als auch in den Medien.» Dadurch entstehe der Eindruck, dass Betrugsfälle in der Stammzellforschung häufiger als in anderen Forschungsbereichen vorkommen. Das sieht man auch beim Schweizerischen Nationalfonds (SNF) so: «Grundsätzlich gelten im ganzen Wissenschaftssystem ähnliche Regeln – und Erfolgsdruck gehört dazu», sagt SNF-Sprecher Ori Schipper. Dieser Druck könne Forschende dazu verleiten, zu unlauteren Mitteln zu greifen. «Ob das in sehr kompetitiven Forschungsfeldern eher passiert, wissen wir nicht, auch weil unsere Fallzahlen sehr klein sind.»

In der Tat gibt es nicht nur in der Stammzellforschung Betrug und Schlampigkeit. Bevor die Öffentlichkeit ihre Hoffnungen auf Klon- und Stammzellforschung setzte, war es die Gentherapie, die Schlagzeilen machte – auch negative. 1997 wurde aufgedeckt, dass die deutschen Krebsforscher Marion Brach und Friedhelm Hermann jahrelang ihre teils gemeinsam veröffentlichten Forschungsergebnisse geschönt hatten. Bei jedem vierten der 347 Artikel von Hermann fand eine Untersuchungskommission zumindest «konkrete Hinweise auf Datenmanipulationen», bei Brach waren es gar 54 von 81 Artikeln, die konkrete Hinweise auf Manipulationen oder eindeutige Fälschungen aufwiesen. Der Fall wiegt besonders schwer, weil es hier auch um Forschung ging, die direkt zu neuen Therapieansätzen beitragen sollte.

Jungbrunnen der Natur

Das Erstaunliche ist aber nicht, dass es so lange gedauert hat, bis man die teils leicht erkennbaren Manipulationen von Brach und Hermann entdeckte. Viel­sagend ist eher, dass die Forscher zehn Jahre lang zwar falsche, aber offenbar doch für die Kollegen plausible «Ergebnisse» erfanden. Die Daten passten ins Konzept, ins theoretische Gedankengebäude. Auch Obokatas Stammzellen aus dem Säurebad passen zur Theorie, dass jede Zelle alles kann, wenn man es nur aus ihr herauskitzelt. Seit es ihrem Landsmann Shin’ya Yamanaka gelang, nur durch das Reaktivieren von vier ­Genen gewöhnliche Körperzellen in Stammzellen zu verwandeln, die sogenannten induzierten pluripotenten Stammzellen, wird weltweit an Tricks gearbeitet, dieses Kochrezept weiter zu vereinfachen.

Viele glauben daran, dass es dieses Jungbrunnenelixier für Zellen gibt, sei es nun ein Säurebad oder irgendein anderer Stimulus. Denn die Natur macht es vor. So sind zum Beispiel bestimmte Würmer in der Lage, sich vollständig zu regenerieren. Ob Schwanz ab, Kopf ab, mittendurch gespalten, der Länge nach zerrissen oder in Stücke zerhackt – Planarien, etwa einen Zentimeter lange Plattwürmer, sind fast nicht zerstörbar. Sie können jedes Körperteil vollständig regenerieren. Dazu müssen sie aus den übrigen, hoch differenzierten Körper­zellen simple Alleskönner-Stammzellen machen.

Ob sich das per Säurebad nachahmen lässt, ist trotz der Vorwürfe gegenüber Obokata noch offen. Ein paar falsche Abbildungen müssen nicht heissen, dass das Rezept nicht stimmt. Allerdings hat bislang noch kein Forscherkollege das Säurebadrezept nachkochen können. Kenneth Ka-Hoo Lee von der Chinese University of Hongkong versucht das zurzeit, und zwar online. Seit Wochen postet er in Echtzeit jedes Resultat seiner Experimente auf der Facebook-Variante für Forscher, Research-Gate. Jetzt ist er zu dem Ergebnis gekommen, dass die von Obokata postulierten Zellen «nicht existieren» und es «Zeitverschwendung» sei, weiter Arbeit in den Versuch zu stecken, diese Methode zu reproduzieren.

Der Schaden, der durch betrügerische oder schlampige Forschung entsteht, liegt aber nicht nur in verschwendeter Arbeitszeit. Zwar sei das Wissenschaftssystem in der Lage, falsche Resultate mit der Zeit zu korrigieren, sagt Schipper. «Doch gefälschte oder unwissenschaftlich produzierte Resultate leiten die Forschung fehl.» Und das gelte auch für die Forschung an Regenwürmern oder Hefezellen. Wissenschaft funktioniere nur dann, wenn die Suche nach Wahrheit im Zentrum stehe, unabhängig von der Bedeutung, die den spezifischen Resultaten von der Gesellschaft beigemessen werde.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 05.04.2014, 03:00 Uhr)

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Die japanische Forscherin hat mithilfe eines Säurebads normale Körperzellen in Stammzellen verwandelt. Die Resultate stehen im Verdacht der Fälschung.

Der Südkoreaner verkündete 2004, dass ihm das therapeutische Klonen mit menschlichen Zellen gelungen sei. Ende 2005 flog das Experiment als Fälschung auf.

Der österreichische Entwicklungs­biologe hatte schon 1981 Mäuse geklont, also lange vor dem Klonschaf Dolly. Die Resultate liessen sich allerdings nie reproduzieren.

Therapien der Zukunft

Begehrte Stammzellen
Aus Stammzellen erhofft man sich neue Therapien für Alzheimer, Parkinson, Krebs und viele andere Krankheiten. Eine Stammzelle ist eine Art Ursprungszelle, die sich unbegrenzt vermehren und in verschiedene Zelltypen des Körpers entwickeln kann, etwa in Muskelzellen, Nervenzellen oder Blutzellen. So hoffen die Forscher, geschädigte Organe reparieren oder gar ersetzen zu können.

Heute kennt man embryonale Stammzellen und adulte Stammzellen. Letztere sind teilungsfähige Zellen aus Organen und bilden den Nachschub für die entsprechenden Organe. Embryonale Stammzellen finden sich in Embryonen und können sich dank ihrer Totipotenz in alle Organe entwickeln. Entsprechende Therapien sind aber noch nicht ausgereift. Mittels therapeutischen Klonens versuchen Forscher, solche embryonalen Stammzellen herzustellen. Ausgangsmaterial sind normale Körperzellen, deren Erbgut mit einer Eizelle verschmolz. Daraus kann ein Embryo entstehen, aus dem man die embryonalen Stammzellen gewinnt. (mma)

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