Versetzt der Glaube Berge?
Von Walter Schmidt. Aktualisiert am 25.05.2009 6 Kommentare
Zuversicht und Fleiss können helfen
Der Orthopäde Professor Hans Jürgen Gerner von der deutschen Universitätsklinik Heidelberg befasst sich seit dreissig Jahren mit Querschnittslähmungen. «Noch in meiner Zeit als junger Assistenzarzt haben meine Chefs gesagt, das Schlimmste, was wir gegenüber Querschnittsgelähmten tun könnten, sei es, falsche Hoffnungen zu wecken. Wenn sich nicht spätestens nach zwei oder drei Wochen bei den Patienten etwas regte, hätten wir es mit einer definitiven Verletzung des Rückenmarks zu tun», erinnert er sich.
Früh wurde damals den Betroffenen die Hoffnung genommen und ihnen mitgeteilt , «sie müssten sich auf den Rollstuhl gefasst machen; das hat man damals knallhart so durchgezogen», sagt der Leiter des Klinikschwerpunkts orthopädische Rehabilitation.
Statistiken der Spezialklinik für Querschnittsgelähmte zeigen, dass bis ungefähr in die 90er-Jahre hinein sechs von zehn Betroffenen tatsächlich auf den Rollstuhl angewiesen blieben, weil sich ihr Leiden nicht wesentlich besserte. «Heute ist es umgekehrt», sagt Gerner. Etwa sechzig Prozent der Patienten lernten wieder zu gehen – zumindest eingeschränkt.
Er selber macht in den ersten sechs bis acht Wochen der Behandlung keine Aussage mehr zu Heilungschancen. Erst neulich sah er sich darin bestätigt. Eine 14-Jährige, bei deren Wirbelsäulenoperation es laut Gerner eine Komplikation gegeben habe, galt daraufhin aus ärztlicher Sicht als querschnittsgelähmt. «In den ersten zwei bis drei Wochen habe ich für mich ganz klar gedacht, dass sie keine Chance hat, je wieder zu gehen. Doch ihre Eltern sagten, sie seien überzeugt, dass ich das wieder hinkriege – und drei bis vier Monate später ist das Mädchen zu Fuss aus der Klinik rausgegangen.»
Zwar bildeten sich auch bei zuversichtlichen Patienten mit starkem Willen zur Gesundung «keine neuen Nervenbrücken im Rückenmark, weiss der Orthopäde. Doch auch wenn dieses stark geschädigt sei, verblieben sogenannte «schlafende Funktionen», die ein Patient durch fleissiges Training gewissermassen wieder aufwecken könne.
Denn bei vielen Unfällen würden nicht alle Nervenstränge des Rückenmarks durch die einwirkenden Kräfte durchtrennt, sondern ein Teil davon – vereinfacht ausgedrückt – lediglich von einer Art Druckwelle geschockt. «Diese Nervenzellen leben noch und können sich erholen», sagt Gerner.
Der US-Amerikaner Morris Goodman, ein gewiefter und erfolgreicher Verkäufer von Lebensversicherungen, war gerade mal 35 Jahre alt, als er mit seinem Flugzeug beim Landeanflug abstürzte. Er brach sich zwei Halswirbel sowie viele weitere Knochen und quetschte sich das Rückenmark. Alle grösseren Muskel seines Körpers und etliche Organe waren beschädigt. Goodman konnte nur noch mit den Augen blinzeln. Man schrieb das Jahr 1981.
Bald schon meldet sich angeblich eine Stimme in ihm und stiftete ihn zum Weiteratmen an, immer und immer wieder. Und an Weihnachten, gut neun Monate nach seinem Unfall, verliess er die Klinik tatsächlich zur Verblüffung aller zu Fuss – ganz so, wie er es sich am Tag seines Unfalls geschworen hatte. Seine Ärzte nannten ihn fortan nur noch «Miracle Man», den Wundermann. Heute, mit über sechzig, reist er durch die Welt und motiviert Menschen, an sich zu glauben und niemals aufzugeben.
Wille oder Glück?
Hat Goodman sich durch Willenskraft tatsächlich selbst geheilt? Und wenn ja: Was geschieht dann im Körper? Oder ist Selbstheilung Selbstbetrug, und die Ärzte haben die Schwere des überwundenen Leidens vielleicht bloss überschätzt? «Menschen, die sehr überzeugt und mit festem Willen einen bestimmten therapeutischen Weg gehen, egal ob schul- oder alternativmedizinisch, haben einen besseren Krankheitsverlauf als jene, die immer hin und her schwanken», sagt Professor Christof Müller-Busch, Leiter der Palliativstation am Gemeinschaftskrankenhaus Havelhöhe in Berlin. Er selber kennt eine Frau, «bei der das Röntgenbild einen Riesenschatten auf der Lunge zeigte». Sie war gegen den Rat ihrer erfahrenen Ärzte fest davon überzeugt, dass es kein Krebs sein könne, und lehnte es ab, den Verdacht überprüfen zu lassen. Und siehe da: «Wie durch ein Wunder war der Schatten nach einem Jahr verschwunden», sagt Müller-Busch, der auch Präsident der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin (lindernde statt heilende Medizin) ist. Er hält es für «erstaunlich, was Willenskraft im Therapieverlauf bewirken kann». Inzwischen wisse man, dass Arzneien keineswegs in jedem Körper die gleichen Effekte hätten. «Ein Organismus muss ein Mittel auch akzeptieren, damit es optimal wirken kann», befindet der Arzt. Es bedürfe stets einer «Eigenleistung des Organismus».
Negatives Denken schadet
Unterm Strich hätten Kranke, «die sehr negativ und skeptisch eingestellt sind, häufig einen viel komplizierteren Krankheitsverlauf als jene, die gesund werden wollen und daran glauben».
Zuversicht und Lebenswille veränderten wahrscheinlich den Hormonhaushalt und förderten die Körperabwehr. Immer wieder erleben Mediziner Überraschendes. Müller-Busch kann sich an eine alte Patientin erinnern, die wegen eines weit fortgeschrittenen Bauchfellkarzinoms angeblich nur noch eine Lebenserwartung von wenigen Tagen oder Wochen hatte. Zum Sterben wurde sie in ein Hospiz verlegt. «Doch ein Jahr später musste sie dort entlassen werden, weil es ihr wieder dermassen gut ging, dass sie im Berliner Wannsee schwimmen konnte», erinnert sich der Mediziner.
Den Tod hinauszögern
Und wenn es doch nicht zur Heilung kommt, kann ein eiserner Wille den Tod zumindest für einige Zeit noch hinauszögern: Manche unheilbar Kranke schaffen es, ihr Verscheiden gerade so lange aufzuschieben, um noch einmal den geliebten Menschen zu treffen oder etwas lang Ersehntes zu erleben. Andere dagegen sterben ihrem langjährigen Ehepartner so rasch hinterher, als erteilten sie ihrem Körper geradezu den traurigen Befehl «Aufgeben!».
Was sich aber bei kuriosen Heilungen abspielt, könne man im Einzelfall «nie erkennen», sagt Professor Peter Herschbach, Leiter der Sektion Psychosoziale Onkologie am Klinikum rechts der Isar in München. Es gebe immer wieder spektakuläre Überraschungen, «aber es gibt auch das Gegenteil».
Keine allgemeinen Rezepte
Wer überraschend gesunde, führe dies auf alles Mögliche zurück. Zwar sei dies menschlich verständlich. «Doch solche subjektiven Einschätzungen lassen sich nicht durch Forschung überprüfen», so Herschbach. Er hält es deshalb für unverantwortlich, Schwerkranken unhaltbare Hoffnungen zu machen. «Tumorpatienten greifen nach jedem Strohhalm, und es gibt eine Menge esoterisch angehauchter Leute, die ihnen das Geld aus der Tasche ziehen», bedauert der Psychologe.
Zwar kenne man «eine Menge Einzelfälle, die sich wider Erwarten positiv entwickeln und die man trotz sorgfältigster Suche nach den Ursachen nicht erklären kann». Doch keinesfalls liessen sich die von den Patienten selbst vermuteten Faktoren auf andere Leidensgenossen übertragen. «Aus dem Einzelfall lässt sich keine Hoffnung ableiten – weshalb es auch zum Beispiel nichts nützt, so viel Rad zu fahren wie Lance Armstrong und zu glauben, so werde man vom Hodenkrebs geheilt», stellt Herschbach klar. Womöglich hat der spätere vielfache Tour-de-France-Sieger zusätzlich zu seiner Chemotherapie auch fest an seine Heilung und die Rückkehr in den Radsport geglaubt.
Dass Menschen durch innigen Glauben über sich hinauswachsen können, hat auch Professor Andreas Beck erfahren können, der am deutschen Klinikum Konstanz das Institut für Röntgendiagnostik und Nuklearmedizin leitet. Beck ist nicht nur Arzt, sondern auch promovierter Theologe und Autor des zurzeit vergriffenen Buchs «Wunderheilungen in der Medizin?», in dem er viele angebliche Wunderheiler als Scharlatane entlarvt.
Seine Schwester, eine «hundertprozentig naturwissenschaftlich orientierte» Frau, erkrankte vor Jahren unrettbar an Brustkrebs. «Sie hatte überall Tochtergeschwülste, konnte kaum gehen und sass im Rollstuhl», erzählt der Konstanzer Chefarzt. Doch dann entschloss sie sich zu einer Reise nach Medjugorje, einem Marienwallfahrtsort in Bosnien-Herzegowina. Als sie eine Woche später zurückkehrte, warf sie ihre starken Schmerzmittel weg, und sie verkündete zum Erstaunen ihres Bruders, die Muttergottes habe sie geheilt. Eine Woche später war sie tot. «Sie stand weit über ihrer Krankheit», sagt Beck.
Der Wille mobilisiert Kräfte
Das sei ein verbreitetes Muster angeblich wundersam Geheilter: «Sie bekommen Zeit geschenkt», so Beck. Der Überlebenswille oder der Glaube mobilisiere im Körper noch einmal die restlichen Kräfte. «Wenn zwei Menschen die gleiche aussichtslose Diagnose erfahren, kann es sein, dass einer von ihnen noch vier Wochen lebt und der andere vier Jahre», beobachtet der Radiologe.
Doch wie kann das sein? «Es gibt Mechanismen in der Biochemie unseres Körpers, die wir noch nicht kennen», räumt Beck ein. Und auch die Psyche sei etwas Biochemisches. Für ihn ist klar: Bei spontanen, also therapeutisch unerklärlichen Heilungen «muss es irgendeinen Hebel geben». Auf ihn drückten auch manche Wunderheiler. «Sie sind zwar Scharlatane, aber sie können heilen», beobachtet Beck. Oder es sieht zumindest eine Zeit lang danach aus. Walter Schmidt (Berner Zeitung)
Erstellt: 25.05.2009, 08:37 Uhr
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6 Kommentare
Aus Indien und Tibet erreichen uns viele dieser Berichte. Selbst aus China. Es scheint was dran zu sein. Aber nicht vergessen, bei allen Berichten war auch das Fasten beteiligt, was einiges erklären kann. Nur das lässt sich alles nicht patentieren und wird daher im Westen nur am Rande verfolgt. Dies könnte ein grosser Fehler sein! Gesundheit kann man nicht kaufen, aber erhalten und verwalten. Antworten
Muss alles beweisbar sein? Wer den gesunden Menschenverstand walten lässt wird automatisch nicht krank. Ich kenne zu Hauf Beispiele von Menschen die kaum (mehr) krank werden. Das Geheimnis dahinter?: Gesunde Ernährung (abwechslungsreich, ungezuckert), NICHT rauchen, viel Wasser trinken, wenig Alkohol, Bewegung in der Natur, Selbstvertrauen, soziale Kontakte. Und schon geht fast alles ohne Arzt Antworten







