Von diesen Behandlungen raten Ärzte ab

Die grösste medizinische Fachgesellschaft der Schweiz präsentiert morgen eine neue schwarze Liste mit unnötigen Interventionen im Spital. Wir kennen den Inhalt bereits.

Nicht sinnvoll: Umfangreiche Blutuntersuchungen in regelmässigen Abständen ohne spezifische Fragestellung.

Nicht sinnvoll: Umfangreiche Blutuntersuchungen in regelmässigen Abständen ohne spezifische Fragestellung. Bild: Valentin Flauraud/Reuters

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An Schweizer Spitälern verordnen Ärzte zu oft Massnahmen, die den Patienten nicht helfen oder sogar negative Auswirkungen haben. Dieser Ansicht ist die Schweizerische Gesellschaft für Allgemeine Innere Medizin (SGAIM), die grösste medizinische Fachgesellschaft der Schweiz. Sie präsentiert morgen an ihrer Frühjahrsversammlung eine «Top-5-Liste» mit fünf häufigen Massnahmen im Spitalbereich, von denen sie abrät:

  • Umfangreiche Blut- oder Röntgenuntersuchungen in regelmässigen Abständen ohne spezifische Fragestellung.
  • Dauerkatheter bei nicht kritisch kranken Patienten mit Inkontinenz, wenn dies nur dem Komfort oder der Überwachung des Urinvolumens dient.
  • Bluttransfusionen mit mehr als der minimal benötigten Menge.
  • Ältere Menschen während des Krankenhausaufenthalts zu lange ohne Mobilisation im Bett liegen lassen.
  • Die vorschnelle Verabreichung von Benzodiazepinen und anderen Beruhigungs- oder Schlafmitteln gegen Schlaflosigkeit, Unruhe oder Delirium bei älteren Patienten. Sowie das Verschreiben von Rezepten für diese Medikamente beim Spitalaustritt.

Die Negativliste verfasst hat ein ärztliches Fachgremium der SGAIM unter der Leitung von Christoph A. Meier, Ärztlicher Direktor des Universitätsspitals Basel. Sie wurde in einem breit abgestützten Verfahren in den letzten Monaten erarbeitet. «Viele der Massnahmen werden im Alltag aus Gedankenlosigkeit angeordnet», vermutet Meier. Für ihn ist die wichtigste Empfehlung, dass ältere Patienten früh im Spital mobilisiert werden. «Dies soll dem raschen Verlust an Muskelkraft und Gangsicherheit vorbeugen und es den Patienten erleichtern, nach der Hospitalisation bald wieder so autonom wie möglich in ihrem gewohnten Umfeld leben zu können.»

Mehrkosten wegen Empfehlung

Die schwarze Liste ist Teil der Initiative «Smarter Medicine», welche die SGAIM vor zwei Jahren mit fünf Methoden aus dem ambulanten Bereich gestartet hat. Bei diesen Empfehlungen ging es unter anderem um MRI oder CT bei Rückenschmerzen, Prostatakrebs-Screenings sowie Antibiotika bei viralen Infekten. Die Botschaft: Weniger Medizin kann manchmal auch mehr sein. Die Idee, dies mit Negativlisten zu erreichen, wurde ursprünglich vor einigen Jahren in den USA unter dem Namen «Choosing Wisely» lanciert.

Die neue Liste für den Spitalbereich zeigt, dass es nicht vorwiegend um Kosteneinsparungen geht. Vor allem die frühe Mobilisierung von alten Patienten, der Verzicht auf Schlafmittel sowie Dauerkatheter dürften oft zu Mehrarbeit für das Spitalpersonal führen und damit Ressourcen binden.

Die Schweizerische Akademie der medizinischen Wissenschaften (SAMW) ist die treibende Kraft, die das Konzept von «Choosing Wisely» in der Schweiz zu etablieren versucht. «Überversorgung ohne Mehrwert für die Patienten findet immer noch viel zu häufig statt», sagt SAMW-Generalsekretär Hermann Amstad. Ursprünglich wollte man, dass möglichst viele Fachgesellschaften entsprechende Negativlisten erstellen. Dazu ist es bis heute nicht gekommen. Immerhin haben sich vor einigen Monaten acht der von der SAMW angefragten Fachgesellschaften bereit erklärt, die Listen ihrer amerikanischen Schwesterorganisationen zu übernehmen. Vielen anderen ist jedoch der finanzielle und administrative Aufwand zu gross.

Hinzu kommen Zweifel an der Wirksamkeit der Negativlisten. «Die erste Negativliste der SGAIM von 2014 dürfte tatsächlich wenig an der Behandlungspraxis geändert haben», sagt Amstad. Um das Konzept besser zu verankern, sieht er den Bund in der Pflicht, Fachgesellschaften bei der Lancierung eigener Listen finanziell zu unterstützen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.05.2016, 19:43 Uhr

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