Warten, bis das Herz stillsteht

Die Organentnahme nach dem Herztod ist in der Schweiz umstritten. Dennoch werden am Universitätsspital Zürich solche Transplantationen regelmässig durchgeführt.

Sobald das Herz nicht mehr schlägt, entnehmen Chirurgen die Organe. Im Bild transplantieren sie eine gespendete Niere. (14. Dezember 2009)

Sobald das Herz nicht mehr schlägt, entnehmen Chirurgen die Organe. Im Bild transplantieren sie eine gespendete Niere. (14. Dezember 2009) Bild: Keystone

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Frank darf sterben. Sein Bett steht mitten in einem Operationssaal am Universitätsspital Zürich (USZ). Es ist 20 Uhr und es herrscht kaum Betrieb auf der Station. Das Licht im Raum ist gedämpft. Leise pumpt eine Maschine lebenserhaltende Medikamente und Nährstoffe in Franks Blutkreislauf. Ein anderes Gerät zeichnet die Herztöne auf, daneben läuft die Beatmungsmaschine. Seine Eltern halten dem 48-jährigen Frank die Hände. Dann stoppen die drei ebenfalls im Raum anwesenden Spitalmitarbeiter die Medikamentenversorgung und die Beatmungsmaschine. Nur Schmerzmittel werden weiterhin zugeführt. Frank beginnt zu sterben. Rasch verlangsamt sich sein Herzschlag, sein Körper kühlt ab, verfärbt sich kaum merklich.

Franks Name und auch einige Teile seiner Krankengeschichte sind aus Persönlichkeitsschutzgründen verändert. Er ist ein sogenannter Non-Heart-Beating-Donor (NHBD). So lautet die Bezeichnung für Organspender, die nach ihrem Herzstillstand für eine Transplantation vorgesehen sind. In der Schweiz wird diese Art der Organverpflanzung seit Herbst 2011 wieder durchgeführt. Dies, nachdem ein Rechtsgutachten des Bundesamts für Gesundheit und darauf basierend eine neue Richtlinie der Akademie der Medizinischen Wissenschaften (SAMW) sie als zulässig erklärten.

Wo liegt die Grenze?

Seither steht die NHBD-Transplantation unter Beschuss. Kritiker wie die Medizinethikerin Ruth Baumann-Hölzle sehen darin einen Tabubruch. Bei herkömmlichen Organverpflanzungen sind potenzielle Spender hirntot, wenn darüber entschieden wird, ob eine Organspende überhaupt infrage kommt. Bei NHBD geschieht dieser Entscheid bereits vor dem Lebensende. Obwohl die Ärzte die Organe selber erst nach dem Tod entnehmen, werde damit eine Grenze überschritten, sagt Baumann-Hölzle. Für sie spielt dabei keine Rolle, dass das Gehirn der Patienten stark und unwiederbringlich geschädigt ist und die Angehörigen vorher schon entschieden haben, dass die lebenserhaltende Therapie eingestellt werden soll.

Renato Lenherr führt durch die Räume, in denen Frank seine letzten Tage verbracht hat. Er ist Oberarzt Chirurgische Intensivmedizin und ärztlicher Leiter der «Donor Care Association» am USZ. Von ihm stammen die detaillierten Schilderungen von Franks Fall. In den Diskussionen der vergangenen Monate seien viele Fakten falsch dargestellt worden, sagt Lenherr. Vor allem beim Ablauf von NHBD-Transplantationen herrsche bei Kritikern teilweise Konfusion.

Nebenan liegen die Empfänger

Lenherr zeigt einen der Operationssäle. «Es ist uns ein grosses Anliegen, dass die Patienten in einer würdigen Atmosphäre sterben können», sagt er. Sobald das Herz des potenziellen Organspenders komplett stillsteht, müssen die Angehörigen langsam den Raum verlassen. Ab exakt zehn Minuten nach dem Herzstillstand geht alles ganz schnell. Obwohl nach dieser Zeitdauer ohne Durchblutung das Gehirn zerstört ist, müssen zusätzlich zwei Fachärzte unabhängig voneinander und nach vorgegebenen Kriterien den Hirntod feststellen. Das Ganze dauert ein paar wenige Minuten, danach übernehmen die Transplantationschirurgen. Sie öffnen Bauch und Brusthöhle und platzieren Kanülen. Durch diese wird Kühlflüssigkeit zugeführt, damit die Organe weniger schnell Schaden nehmen. Eine Herz-Lungen-Maschine kommt nicht zum Einsatz.

Innerhalb der nächsten rund zwei Stunden entnehmen die Chirurgen die Organe. In den angrenzenden Operationsräumen liegen bereits die Empfänger von empfindlicheren Organen wie Lunge und Leber. Die Nieren sind länger haltbar und können auch in andere Zentren gebracht und dort transplantiert werden. Das Herz lässt sich nach dem Herztod hingegen nicht mehr verpflanzen. Nach der Organentnahme wird der Leichnam geschlossen und wieder «hergerichtet». Wenn die Angehörigen es wünschen, können sie ihn am folgenden Tag im Aufbahrungsraum des Spitals sehen und Abschied nehmen. Sonst wird die Leiche in die Heimgemeinde zur Beerdigung überführt.

Wenn das Sterben länger dauert

Bei Frank ist die Organentnahme nicht zustande gekommen. Es ging rund zwei Stunden, bis sein Herz nach dem Beenden der lebenserhaltenden Massnahmen komplett stillstand. Zu lange. «Wenn es länger als eine Stunde dauert, sind die Organe zu stark beschädigt für eine Transplantation», sagt Lenherr. Am USZ ist dies bei rund jedem vierten potenziellen Spender der Fall. «Die Eltern von Frank waren anfangs traurig, haben dann aber eingesehen, dass die Spende nicht möglich war.»

Frank hätte gewollt, dass man ihn sterben lässt, davon sind seine Eltern überzeugt. Sie sind sich auch sicher, dass er seine Organe hätte spenden wollen. Ihr Sohn erlitt zehn Tagen vor seinem Tod aus heiterem Himmel eine schwere Hirnblutung. Er hatte plötzlich starke Kopfschmerzen, musste erbrechen und fiel dann ins Koma. Aufnahmen des Gehirns mittels Computer- und Magnetresonanztomografie, CT und MRT, zeigten, dass grosse Teile des Gehirns zerstört sind. «Nach einer Schädeloperation und zehn Tagen auf der Intensivstation war klar, dass Frank schwerstbehindert sein würde», sagt Lenherr.

Die Entscheidung ist den Eltern von Frank nicht leicht gefallen. Dennoch war für sie schon früh klar, dass es im Sinne ihres Sohnes ist, wenn sein Leben nicht um jeden Preis erhalten bleibt. Nach Gesprächen mit den Intensivmedizinern entschieden sie sich dafür, dass man Frank sterben lässt. Erst nachdem dies klar war, informierten die behandelnden Ärzte das Transplantationsteam. «Diese Trennung ist sehr wichtig», sagt Sandra Kugelmeier. Damit werde verunmöglicht, dass man Patienten sterben lasse, nur weil sie als Organspender infrage kommen. Genau davor hätten viele Menschen Angst – zu Unrecht.

Keine leichte Entscheidung

Kugelmeier ist Organspendeverantwortliche am USZ und betreute die Angehörigen von Frank. Ihr Kollege Stefan Regenscheit übernahm die Koordination der medizinischen Seite und informierte Swisstransplant, welche für die Zuteilung der Organe auf den Wartelisten zuständig ist. Nach dem Sterbeentscheid führte Kugelmeier abends um 21 Uhr im fensterlosen Besprechungszimmer der Intensivstation ein anderthalbstündiges Gespräch mit den Eltern.

«Das Ziel ist, herauszufinden, was der Patient gewollt hätte», sagt Kugelmeier. Für Franks Eltern war die Sache bereits nach diesem ersten Treffen klar. Bei anderen braucht es aber weitere Gespräche in den kommenden ein bis zwei Tagen. Das sei immer sehr emotional, besonders wenn die Angehörigen unterschiedliche Ansichten hätten, sagt Sandra Kugelmeier. Eine Frage, welche die Eltern von Frank beschäftigte, war, ob ihr Sohn etwas spüren würde. «Durch die Hirnschädigung war zu erwarten, dass er nichts spürt», sagt die Koordinatorin. Ausserdem würden alle Patienten im Sterbeprozess auch immer Schmerzmedikamente erhalten.

Vorbereitung noch vor dem Tod

Kritiker sprechen immer wieder von übergriffigen vorbereitenden Massnahmen zum Schutz der Organe, die an den noch lebenden potenziellen Spendern vorgenommen würden. Tatsächlich erlaubt die Richtlinie der SAMW zum Beispiel, Kanülen anzulegen, um nach dem Tod den Patienten schnell zu kühlen. Am USZ würden keine solchen Vorbereitungen oder Operationen gemacht, versichert Kugelmeier. Einzig die Dosis von blutverdünnenden Medikamenten, die alle Patienten auf der Intensivstation erhalten, werde bei fehlender Kontraindikation erhöht.

Nach dem Tod der Patienten bleibt der Kontakt zu den Angehörigen über ein Jahr oder sogar länger erhalten. Anfangs telefoniert Koordinatorin Kugelmeier wöchentlich mit ihnen oder trifft sie persönlich. Auf Wunsch auch wenn die Angehörigen sich gegen eine Organspende entschieden haben, oder wenn es wie bei Frank aus medizinischen Gründen nicht geklappt hat. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 16.02.2013, 07:17 Uhr)

Transplantationsgesetz: Bundesrat will Rechtssicherheit schaffen

Seit Mitte 2007 sind in der Schweiz Transplantationen und Organentnahmen in einem eigenen Gesetz geregelt. Der Wortlaut dieses Gesetzes kann so interpretiert werden, dass Angehörige erst um ihr Einverständnis zur Organentnahme angefragt werden dürfen, nachdem der Tod eines Patienten festgestellt wurde. Allerdings kam ein vom Bundesamt für Gesundheit eingeholtes Rechtsgutachten 2010 zum Schluss, dass der Gesetzgeber nicht die Absicht hatte, Anfragen vor dem Tod eines Patienten zu verbieten. Jedoch empfahl der Gutachter, das Gesetz zu präzisieren, um jegliche Zweifel auszuräumen.

Der Bundesrat wird die Gesetzesänderung demnächst ans Parlament schicken. Neu heisst es im Gesetz, dass die Anfrage an die Angehörigen des Patienten erfolgen kann, «nachdem entschieden worden ist, die lebenserhaltenden Massnahmen abzubrechen». Festgehalten wird auch, dass Angehörige vorbereitenden medizinischen Massnahmen zustimmen können, falls dies dem mutmasslichen Willen des Patienten entspreche.

Kritik des Patientenschutzes

Kritik an der Gesetzesänderung übt vor allem Patientenschützerin Margrit Kessler. Die grünliberale St. Galler Nationalrätin befürchtet, dass bei den NonHeart-Beating-Donors (NHBD) ein Sterben in Würde nicht mehr möglich ist. Insbesondere stört sie sich daran, dass bereits vor dem Tod medizinische Massnahmen getroffen werden können, welche der späteren Organentnahme dienen. Falls im Gesetz die vorbereitenden Massnahmen nicht explizit verboten würden, werde sie ihren Organspendeausweis zerreissen.

In der Vernehmlassung lehnten von den Parteien nur die Grünen die Gesetzesanpassungen ab. Es drohe eine «Instrumentalisierung urteilsunfähiger Patienten». Diese Kritik wird nun dazu führen, dass die Gesetzesänderung im Parlament nicht stillschweigend über die Bühne gehen wird.

Das Universitätsspital Zürich (USZ) hat im Oktober 2011 als erstes Schweizer Zentrum mit Transplantationen bei NHBD angefangen. Dies nachdem die Ärzte dort vor 2007 solche Organverpflanzungen bereits regelmässig durchgeführt haben. Seit der Wiederaufnahme konnten die Chirurgen am USZ bei 9 Patienten insgesamt 22 Organe entnehmen. 2012 waren von allen Spendern aus dem Spendernetzwerk des USZ ein Drittel NHBD (6 von 19 Spendern). Schweizweit gab es im gleichen Jahr 96 Spender nach Hirntod. Inzwischen haben auch das Universitätsspital Genf und das Kantonsspital St. Gallen entsprechende Programme aufgebaut. In St. Gallen wurde bisher eine NHBDTransplantation durchgeführt. (br)

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