Warum Alkohol erst glücklich macht – und dann Kopfweh

Wo liegt eigentlich der Punkt, an dem das umschlägt? Eine Annäherung.

Die «richtige» Menge Alkohol zu finden, ist ein Balanceakt: Ein Weinglas auf einem Geländer. Foto: Getty Images

Die «richtige» Menge Alkohol zu finden, ist ein Balanceakt: Ein Weinglas auf einem Geländer. Foto: Getty Images

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Stellen Sie sich folgendes Gedankenspiel vor: Jemand lädt Sie zu einem Dinner ein, die Stimmung ist besinnlich, Kerzen, Kamin, schöne Musik. Dieser jemand bietet Ihnen an, ein Gift zu trinken, ein zartes, süssliches natürlich – keine Sorge. Es wird Ihre Stimmung ein bisschen heben, Sie werden lachen, irgendwann wird es Ihre Sprache etwas sperriger machen, das Gehen wird schwerfallen, Sie können sich womöglich am nächsten Morgen nicht mehr an die Details des Abends erinnern – und Ihr Schädel donnert gewaltig. Stellen Sie sich jetzt bitte noch vor, Sie müssten dieses Gift im Laden kaufen und selbst zur Einladung mitbringen. Unsinnig, nicht wahr? Wer würde das machen?

Nun, die Antwort ist einfach. Viele, genauer: Millionen Menschen auf der Welt, jeden Tag. Es geht, Sie ahnen es, um Alkohol. Diese Szene schildert der britische Buchautor und Wissenschaftler Dean Burnett, der über die fantastischen und (un)sinnigen Dinge, die im menschlichen Gehirn passieren, ein Buch geschrieben hat: «The Idiot Brain», das Idioten-Gehirn.

Wo genau schlägt Euphorie in Erbrechen um?

Dabei ist das menschliche Gehirn wahrlich nicht idiotisch, vielmehr der Mensch ein Idiot, der es vergiftet. Alkohol ist ein solches Gift, wenn nur die Dosis stimmt. Und genau hier liegt das Problem: Alkohol hat zwei Seiten. Die gute Seite beginnt mit einem Drink, alle lachen, man wird locker, die Geschichte am Tisch immer lustiger.

Doch mit steigender Dosis kehrt sich der Effekt um, es folgen Müdigkeit, Benommenheit und Probleme mit der Motorik. Die grosse Frage lautet daher: Wo genau liegt dieser «sweet spot», der süsse Punkt, an dem der Pegel kippt.

Um eine Antwort auf diese Frage zu finden, bedarf es eines kleinen Ausflugs in das Innere des Menschen. Ein Schluck von Bier, und ab geht's in Magen und Dünndarm. Hier wird die grösste Menge des Alkohols resorbiert und das Nervengift tritt in die Blutbahn über. Hauptaufgabe der Leber ist es nun, das Gift wieder auszuscheiden, ein berauschter Abend bedeutet Nachtschicht im Maschinenraum des Menschen, rechts unten im Körper. Bevor der Alkohol aber im Urin, im Atem und im Schweiss den Körper wieder verlässt, strömt er durch die Blutbahn und macht einen Abstecher ins Gehirn.

Wenn Menschen gemeinsam den Rauschzustand erreichen, machts doppelt Spass. Zunächst jedenfalls.

Währenddessen haben Sie viel Freude am Alkohol – weshalb Sie erst einmal weitertrinken. Die Freude kommt durch zwei Glückshormone, die beim Trinken vermehrt ausgeschüttet werden: Dopamin und Endorphin. Sie machen die Welt bunt und die Muskeln locker, die Folge sind Euphorie und körperliche Aktivität. Hinzu kommt noch ein sozialer Aspekt, denn wenn Menschen gemeinsam den Rauschzustand erreichen, machts doppelt Spass. Zunächst jedenfalls.

Trinken ist komplexer, als man denken mag

In höheren Dosen macht sich ein anderer Effekt bemerkbar. Sie werden unkonzentriert, der Blick wird schwammig, die Füsse laufen nicht mehr dorthin, wohin sich Ihr Blick richtet. Schuld hieran sind sogenannte GABA-Rezeptoren, an die Alkohol in den Zellen andockt. Sie arbeiten wie ein Lichtschalter im zentralen Nervensystem: zu viel davon, und dunkel wirds. Eine ähnliche Wirkung haben Diazepam-Schlafmittel, weshalb diese niemals in Kombination mit Alkohol eingenommen werden dürfen. Zwischenfazit also: zu viel Alkohol knipst das Licht aus.

Sie merken, Trinken ist aus wissenschaftlicher Sicht komplexer, als man zunächst denken mag. Und der «sweet spot», der ist noch immer nicht gefunden. Die ernüchternde Nachricht lautet: Es gibt ihn gar nicht. Soviel trinken, bis man sich locker und witzig fühlt, und dann ist aber gut, das wäre schön, doch leider ist der Körper ein System, das stets nach dem Ausgleich strebt. Das bedeutet: Alkohol wird kontinuierlich abgebaut, sobald er die Leber erreicht. Sie müssten also, um Ihren «sweet spot» zu halten, genauso viel nachkippen, wie verloren geht. Eine mühsame Aufgabe, und ungesund obendrein, denken Sie an die vielen Überstunden in Ihrer Leber.

Auch Erfahrungswerte sind trügerisch, denn Ihr Level an Betrunkenheit hängt vom Getränk ab, hinzu kommen Trinkgeschwindigkeit, die persönliche Stimmung und das Körpergewicht, das sich schon mal ändern kann. Letzteres übrigens steigt deutlich bei regelmässig hohem Alkoholkonsum, aber das ist ein anderes Thema.

Auf der Suche nach dem «sweet spot» also bleibt nur der unzufriedenstellende Blick auf allgemein gültige Werte, wie sie beispielsweise die Bundeszentrale für Gesundheitliche Aufklärung veröffentlicht: Frauen sollten nicht mehr 0,1 Liter Wein oder Sekt, nicht mehr als 0,25 Liter Bier oder vier Zentiliter Schnaps pro Tag trinken, für Männer gilt in etwa die doppelte Menge. Ab etwa 50 Gramm Alkohol pro Tag spricht die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen bereits vom «binge-drinking», auch als Komasaufen bekannt. 50 Gramm Alkohol, das entspricht weniger als eine Flasche Rotwein. Klingt verdammt unlustig. Wenn Sie aber sicher gehen wollen, den «sweet spot» nicht zu überschreiten, dann sind diese Zahlen gesetzt. Sicher, ein bisschen mehr geht immer. Aber so verhagelt Ihnen das süsse Gift wenigstens nicht die Party. (Süddeutsche Zeitung)

Erstellt: 23.01.2017, 08:29 Uhr

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