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Warum Eltern glauben, dass ihre Kinder sie glücklicher machen

Von Jochen Paulus. Aktualisiert am 25.03.2011 5 Kommentare

Studien zeigen, dass Kinder die Lebenszufriedenheit ihrer Erzeuger senken. Stimmt das tatsächlich? Erst in jüngster Zeit begannen Wissenschaftler das Rätsel zu lösen.

Machen Kinder unglücklich? Deutsches Paar mit Kleinkind.

Machen Kinder unglücklich? Deutsches Paar mit Kleinkind.
Bild: Keystone

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Beim grossen Kongress der US-amerikanischen Psychologenvereinigung im vergangenen Jahr referierte der prominente Harvard-Professor Daniel Gilbert noch einmal die skeptische Lehrmeinung zum Thema Elternglück: Kinder machen nicht glücklich. Sie senken sogar die Lebenszufriedenheit ihrer Erzeuger. Gilbert weiss natürlich, dassMütter und Väter das Gegenteil glauben – auch er selber, wie er selbstironisch in seinem Buch «Ins Glück stolpern» anmerkte: «Ich habe einen 29-jährigen Sohn und bin restlos überzeugt, dass er eine der grössten Quellen der Freude in meinem Leben ist und immer war.»

Des Rätsels Lösung

In Befragungen aber, in denen die Lebenszufriedenheit von Eltern und Kinderlosen verglichen werde, zeige sich das Gegenteil. Wie kann es zu diesem verblüffenden Widerspruch kommen, und wie lässt er sich aufklären? Erst in jüngster Zeit beginnen Wissenschaftler das Rätsel zu lösen, wobei sich ganz unterschiedliche Ansätze ergänzen.

Zunächst: Es ist nicht wahr, dass Kinder immer und überall ihren Eltern die Laune verderben. Dieser Effekt zeigt sich zwar typischerweise in amerikanischen Untersuchungen – und sie werden in der Wissenschaft und erst recht in Bestsellern besonders ausgiebig zitiert.

Sozialstaat hilft

Doch in anderen Ländern verhält es sich nicht so. In einer gerade erschienenen Studie haben Rachel Margolis von der University of Pennsylvania und Mikko Myrskylä vom Max-Planck-Institut für demografische Forschung in Rostock Umfragedaten von über 200'000 Frauen und Männern aus 86 Ländern ausgewertet. Für marktwirtschaftliche Länder, in denen es mit dem Sozialstaat nicht weit her ist – dazu zählen die USA –, zeigt sich das gewohnte Bild: Je mehr Kinder, desto unglücklicher sind die Befragten. Für frühere sozialistische Staaten und Entwicklungsländer, wo die Verhältnisse noch rauer sind, gilt dies erst recht. In Ländern wie der Schweiz, Deutschland und Frankreich, in denen Eltern eher auf staatliche Unterstützung zählen können, ist es anders: Hier geht das Glück mit steigender Kinderzahl nur minimal zurück.

Die Erklärung liegt auf der Hand: Wer Kinderzimmer, Spielzeug und Hamburger allein finanzieren und sich den ganzen Tag persönlich um die eigenwilligen Kleinen kümmern muss, büsst Lebenszufriedenheit ein. Wo Vater Staat einen Teil der Kosten übernimmt und Betreuung anbietet, lässt sich die Kinderpflege entspannter angehen.

So erklärt sich teilweise auch das vielleicht bemerkenswerteste Ergebnis der neuen Elternglück-Forschung: Verheiratete Eltern mit mittlerem Einkommen sind tatsächlich glücklicher als Kinderlose, wenn auch nur leicht. Ruiniert werden die Statistiken von den Alleinerziehenden und den Paaren ohne Trauschein. Das zeigte sich, als Luis Angeles von der University of Glasgow 89'000 Antworten einer britischen Langzeitbefragung auswertete.

Mütter profitieren stärker

«Dies soll keine moralische Verteidigung der Ehe sein», merkt Angeles an. Er hält den Trauschein eher für ein äusseres Zeichen dafür, dass «die Menschen das Gefühl haben, dass sie bereit oder zumindest willens sind, Eltern zu werden». Das ist bei Unverheirateten womöglich seltener der Fall.

Das Elternglück ist allerdings ungleich verteilt. Die Mütter haben punkto Glücksgefühlen nach der britischen Studie deutlich mehr vom Nachwuchs als ihre Männer. Noch deutlicher zeigt sich dieser Unterschied in einer dänischen Studie mit 35 000 Zwillingen. Da die Zwillinge die gleichen Gene hatten und normalerweise in derselben Familie aufwuchsen, liessen sich deren Einflüsse aufs Glück ausrechnen, was die Ergebnisse genauer macht. Väter erwiesen sich in dieser Untersuchung zwar als leicht glücklicher, aber nur weil sie in der Regel mit einer Frau zusammenlebten. Die Kinder selbst hatten keinen Einfluss. Die Mütter dagegen schätzten sich glücklicher, vor allem wenn sie nur ein Kind grosszogen – selbst wenn sie keinen Partner hatten.

Quelle des Glücks?

Wenn die Umstände günstig sind, können Kinder also durchaus die Lebensfreude erhöhen. Das Mass an Glück, das der Nachwuchs schenkt, bleibt allerdings bescheiden. Nüchterne Forscher wundert das nicht. Kinder bringen Eltern um den Schlaf, essen ihr Gemüse nicht und bocken bei den Hausaufgaben. Als der Nobelpreisträger Daniel Kahneman rund tausend Frauen fragte, wie angenehm sie die verschiedenen Aktivitäten eines Tages fanden, schnitt das Sich-ums-Kind-Kümmern schlechter ab als Fernsehen und nur wenig besser als die Arbeit und das Pendeln dorthin. Warum halten Eltern ihre Kinder dann trotzdem für die wichtigste Quelle ihres Glücks?

Vielleicht gerade weil die Kinder so viel Mühe machten, argumentieren verschiedene Forscher. Nach dieser Überlegung sind Eltern bemüht, ihren hohen Aufwand vor sich selbst zu rechtfertigen. Tatsächlich zeigt eine gerade erschienene Studie: Wird Eltern vorgerechnet, wie viel ein Kind bis zur Volljährigkeit kostet (in den USA knapp 200'000 Dollar), idealisieren sie die Elternschaft anschliessend stärker als sonst und wollen mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen.

Offensichtlich kommt es nicht infrage, stattdessen zu überlegen, ob Kinder sich wirklich lohnen. Denn alle Kulturen trichtern ihren Mitgliedern ein, wie wichtig Kinder sind. Gilbert nennt die Idee einen «Super-Replikator» – einen Glauben, der sich in der Evolution zwangsläufig durchsetzt. Er verweist auf das Schicksal der Shaker, eine im 19.?Jahrhundert entstandene amerikanische Sekte. Die Shaker hatten zwar direkt nichts gegen Kinder, missbilligten aber den zu ihrer Entstehung nötigen Sex. So sind die Shaker heutzutage fast ausgestorben.

Notwendige Übel abhaken

Doch selbst wenn von der Regierung bis zur Schwiegermutter alle beteuern, dass Kinder toll sind, müssen Eltern ja immer noch ihr eigenes Gefühlsleben entsprechend ausrichten. Das schaffen sie, indem sie unerfreuliche Gefühle als notwendige Übel abhaken und sich auf die positiven konzentrieren, glaubt der renommierte Psychologieprofessor Roy Baumeister von der Florida State University: «Wenn man die negativen Gefühle wie Stress, Sorgen, Wut, Frustration und so weiter ignoriert, kann man glauben, dass Elternschaft das Glück vergrössert, auch wenn das irrational scheint.»

In gewisser Weise könnten die Eltern sogar recht haben, wenn sie behaupten, dass ihre Kinder sie glücklich machen. Womöglich meinen sie damit, dass diese ihrem Leben einen Sinn geben. «Kinder zu haben», argumentiert die bekannte Glücksforscherin Sonja Lyubomirsky von der University of California in Riverside, «schenkt Menschen viel Wertvolles und Wichtiges, das zum Glück und einem guten Leben beiträgt, aber mit den üblichen Fragebögen zur Lebenszufriedenheit nicht gut zu erfassen ist.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.03.2011, 20:05 Uhr

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5 Kommentare

Gianin May

25.03.2011, 14:18 Uhr
Melden 3 Empfehlung

Wenn der Partner einem nicht geben konnte, was man wollte (und sich selbst nicht geben kann), kann es ja ev. ein Kind! Antworten


Rafael Schär

25.03.2011, 11:36 Uhr
Melden 1 Empfehlung

Die Liebe zwischen Eltern und Kind ist das wirklich messbar? Ist jemand glücklicher / unglücklicher?
Interessant immer wieder diese Verwechslung zwischen Glück und Zufriedenheit. Ich würde sagen, dass, wenn man möchte, man deutlich mehr Glücksmomente erleben kann. Für die allg. Zufriedenheit ist jeder selber verantwortlich, weder PartnerIn, Gesellschaft noch Kinder, das muss jeder IN SICH finden.
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