Warum Valium & Co. abhängig machen
Von Martina Frei. Aktualisiert am 11.02.2010 2 Kommentare
Wenn Mäuse ihr Getränk wählen können – reine Zuckerlösung oder mit Beruhigungsmittel versetzte – bevorzugen sie «Zuckerlösung plus». Damit verhalten sich die Nager wie Zehntausende von Schweizern, die chronisch zu Beruhigungs- und Schlafmitteln wie Valium oder Dormicum greifen. Rund 48'000 Menschen, schätzt die Schweizerische Fachstelle für Alkohol und andere Drogenprobleme, sind hierzulande abhängig von Beruhigungsmitteln.
Was verursacht die Sucht? Dieser Frage geht der Neurobiologe Christian Lüscher an der Universität Genf nach. Nach mehrjährigen Experimenten haben Lüscher und seine Kollegen jetzt Erstaunliches herausgefunden: «Die Wirkung von Beruhigungsmitteln im Gehirn beruht auf den gleichen Mechanismen, wie man sie von harten Drogen wie Heroin, aber auch vom Cannabis kennt», sagt Lüscher. Sowohl die Drogen als auch die Medikamente heften sich im Belohnungszentrum im Mittelhirn an Interneurone. Diese Nervenzellen bremsen andere Nervenzellen. Die Medikamente und die Drogen blockieren diese Bremse, so Lüscher – folglich schütten die Hauptzellen mehr vom Botenstoff Dopamin aus. Dopamin bewirkt den Kick und macht glücklich – was dazu führt, dass Mensch wie Nager nach Wiederholung streben.
Zu optimistische Werbung
Lüscher kennt nun den Rezeptor auf den Interneuronen, an dem die Beruhigungsmittel andocken. «Das eröffnet die Möglichkeit, Medikamente zu entwickeln, die angstlösend wirken, aber nicht süchtig oder schläfrig machen», sagt der Neurobiologe. Denn für die schlaf- und suchtfördernde Wirkung ist der sogenannte Alpha-1-Typ bestimmter Rezeptoren auf den Interneuronen verantwortlich, für den angstlösenden Effekt hingegen der Alpha-2-Typ. Was die Forscher nebenbei herausfanden: Ausgerechnet das Beruhigungsmittel Zolpidem, das laut Lüscher damit beworben wurde, dass es weniger süchtig mache, bindet an die Alpha-1-Rezeptoren. «Das Versprechen war wohl zu optimistisch», stellt Lüscher fest.
Er verknüpft mit den Forschungsergebnissen eine zweite Hoffnung: Möglicherweise würden ähnliche Mechanismen auch bei anderen Suchtformen wie Spiel- oder Esssucht eine Rolle spielen – was die Möglichkeit einer medikamentösen Behandlung eröffnen könnte.
Und eine dritte Hoffnung hegt der Forscher: «Es werden längst nicht alle Menschen süchtig. Beim Kokain etwa geraten zirka 20 Prozent der Konsumenten in eine Abhängigkeit, bei Morphium und Beruhigungsmitteln wie Valium weniger als 10 Prozent.» Mittlerweile kennen die Forscher immer mehr Gene, welche die Funktion des Belohnungszentrums im Hirn kontrollieren. «Jetzt können die Wissenschaftler gezielter suchen und in Zukunft die Suchtneigung präziser vorhersagen.» (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 11.02.2010, 07:05 Uhr
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2 Kommentare
Diese Mittel sollten schon lange auf die Betäubungsmittelliste und nur noch gegen kontrollierte Betäubungsmittelrezepte abgegeben werden. Es gibt genug nicht süchtig machende Antidepressiva und Neuroleptika, welche auch beim Schlafen helfen, wenn denn unbedingt ein Medikament gebraucht wird. Antworten
Ein typischer Spiegel unserer Leistungsgesellschaft: egal wie, hauptsache, man hat es irgendwie geschafft, der Sport ist da ein sehr 'gutes' Beispiel. Wen wundert es da, dass Spitzensportler einfach tot zusammenbrechen? Fürs Leben gibts ganze Medikamentenarsenale, aber hat jemand den Wunsch zu sterben, schreien alle auf und keine Medis sind plötzlich legal, oder einfach nur 'grausam'. Seltsam. Antworten







