Warum sich der Mensch dem Hund so gern unterordnet
Von Martina Frei. Aktualisiert am 02.12.2008 8 Kommentare
Hunde tun dem Menschen gut, und zwar in doppelter Hinsicht. Frauen mit Hund werden von ihren Mitmenschen auf Anhieb als sympathischer, geduldiger, spontaner, optimistischer und durchsetzungsfreudiger angesehen als Frauen ohne Hund. Das zeigte eine Befragung von über 400 Personen, die der Bonner Sozialpsychologe Reinhold Bergler durchgeführt hat. Bergler war einer der Referenten am Kongress der Albert-Heim Stiftung der Schweizerischen Kynologischen Gesellschaft vorletzten Samstag in Bern.
Aber was für Typen sind sie wirklich? Um das herauszufinden, liess Bergler über 3200 Hundehalter untersuchen. Dem Mensch-Tier-Beziehungsforscher zufolge lassen sich drei Typen unterscheiden: Am häufigsten (43 Prozent) ist der naturverbundene, sozial eingestellte Halter. Er schätzt zwischenmenschliche Kontakte (noch) mehr als seinen Hund und lernt dank diesem auch neue Leute kennen. Am zweithäufigsten (35 Prozent) ist der emotional auf den Hund fixierte Hundebesitzer. Die kleinste Gruppe (22 Prozent) stellen prestigeorientierte Halter, die sich zum Beispiel mit einem besonders schönen Hund zeigen wollen oder ihr mangelndes Selbstbewusstsein mit ihm aufpolieren. «Die Hundehaltung an sich ist also nicht das Entscheidende, sondern die Qualität der Mensch-Hund-Beziehung», betonte Bergler.
In diesem Licht müsse man auch die Studien über die positiven Wirkungen der Hunde betrachten. Diese günstigen Effekte sind der zweite Grund, weshalb Hunde dem Menschen gut tun: Erwiesenermassen erholen sich Hundehalter von schweren Lebensschlägen besser als Nicht-Hundehalter. Hunde wirken sich günstig auf die psychische und die körperliche Gesundheit ihrer Halter aus, fasste James Serpell von der Universität Pennsylvania verschiedene Studienergebnisse zusammen. Allerdings, schränkte er ein, gelte dies alles nur, wenn die Halter mit ihrem Hund zufrieden seien.
Enge Beziehung – besserer Schüler
Eine gute Beziehung zum Tier sei dafür die Voraussetzung, ergänzte Bergler. In einer Befragung von 400 Müttern zeigte sich, dass ein Familienhund mit guten Schulnoten einhergeht – aber nur, wenn ein Schüler eine enge Beziehung zu dem Tier habe. Schüler, die dem Hund ihrer Familie sehr verbunden sind, schneiden in einer Reihe von Schulfächern besser ab als Schüler, in deren Familie zwar ein Hund lebt, die aber nur wenig mit diesem anfangen können, fand Bergler heraus. Mehr noch: «Diese Schüler waren deutlich weniger aggressiv und sozial isoliert, sie wurden von ihren Lehrern als sympathischer eingestuft, hatten bessere Freundschaften zu Gleichaltrigen und waren besser imstande, ihre Gefühle zu kontrollieren.»
Warum aber lieben wir Tiere so sehr? Mit dieser Forschungsfrage beschäftigt sich der Pädagoge Jürgen Körner von der Freien Universität Berlin.
Bald nachdem seine Familie zwei Salukis angeschafft hatte, musste Körner feststellen, dass sich «die Hunde zu den wahren Herren des Hauses aufgeschwungen hatten». Ferienort und -unterkunft, Kauf eines neues Autos – bei allen Entscheidungen richtete sich die Familie nach den Bedürfnissen der beiden Windhunde. «Was bringt halbwegs normale Menschen dazu, sich dem Hund so unterzuordnen?», fragte sich Körner und begann – nebst der Forschung mit delinquenten Jugendlichen – die Mensch-Tier-Beziehung zu erkunden.
«Wir verwenden die Tiere»
Sein Fazit: «Wir verwenden die Tiere in unserer Tierliebe, wir glauben im Hund zu finden, was wir immer schon vermisst haben» – Liebe, Aggressivität oder andere Eigenschaften mehr. «Stellen Sie sich vor, ein Mensch wird tagsüber vom Chef getriezt und von den Kollegen geärgert. Aber wenn er nach Hause kommt, begrüsst ihn der Hund wie einen Helden nach gewonnener Schlacht!» Sofern ein Tier nur einigermassen artgerecht gehalten würde, werde es sich unserer Verwendung nicht widersetzen, sagte Körner.
Den Tierhaltern rät er, sich ihrer Egozentrik bewusst zu werden, und «das Tier nicht nur lieben, weil es mich liebt» beschützt, oder etwas anderes, sondern es «in seiner Eigenart und Andersartigkeit lieben und zu verstehen lernen». Selbst Tierschützer würden die Tiere für sich verwenden, behauptete Körner. Indem sie zum Beispiel grausame Bilder von misshandelten Tieren zeigen, «fühlen sie sich besser als der Rest der Menschen».
17'000 Hunde landen im Tierheim
Dass Hunden nicht nur Liebe entgegengebracht wird, zeigte Andreas Steiger von der Vetsuisse-Fakultät an der Universität Bern auf. Aufgrund einer Stichprobe aus 29 Tierheimen würden – hochgerechnet – in der Schweiz jedes Jahr 16'860 Hunde in Heimen abgegeben oder herrenlos aufgefunden. In fast zwei Drittel der Fälle sind die Gründe für die Abgabe keine Zeit, Umzug oder Scheidung. Verhaltensprobleme des Hundes geben nur in jedem zehnten Fall den Ausschlag, den Hund im Tierheim abzugeben.
Besonders drastisch wirken sich Verhaltensprobleme für die Herdenschutzhunde aus, die in den Alpen vor allem Schafherden vor Wölfen, Luchsen und Bären schützen sollen. Gehorsam und Mensch-Tier-Beziehung sind bei diesen Hunden weniger wichtig. Viel mehr Gewicht lege man auf die Selbständigkeit, legte Daniel Mettler von der Vereinigung Agridea dar.
Damit die Hütehunde eine Herde gut beschützen, müssten sie von klein auf in Schaf-, Ziegen- oder Rinderherden aufwachsen. Derzeit sind etwa 150 solcher Hunde im Einsatz, 20 davon bewachen die ihnen anvertrauten Tiere auf sich gestellt, ohne menschliche Hirten. Der Einsatz auf unbehirteten Alpen wird Mettler zufolge häufiger. Gefüttert werden diese Hunde an Futterautomaten, die ein- bis zweimal pro Woche nachgefüllt werden. Bei dieser Gelegenheit werde auch die Gesundheit der Tiere kontrolliert, so Mettler. Auf sich allein gestellt, müssen die Hunde erkennen, dass Touristen keine Gefahr sind: «Reiter und Velofahrer stellen dabei oft eine grössere Provokation für die Hunde dar als die Wanderer», stellte Mettler fest.
Es bleibt nur das Einschläfern
Zeigen die Hunde Verhaltensprobleme, etwa, weil sie Menschen angreifen, stehen die Verantwortlichen vor einem Dilemma: «Wir können diese Hunde nicht in ein Tierheim geben, weil sie immer mit Schafen gelebt haben», sagte Daniel Mettler. Die Hunde in eine Familie zu integrieren, sei ebenfalls nicht machbar. So bleibe – wenn eine Umplatzierung in eine andere Herde und ein spezielles Training fehlschlagen – nur die Euthanasie. Durchschnittlich zwei Hunde pro Jahr trifft dieses Schicksal.
Um dies möglichst zu vermeiden, würden bereits bei der Körung auch Wesens- und einfache Verhaltenstests gemacht, erläuterte Mettler. Gewisse Mängel bei den äusseren Merkmale träten gegenüber dem Verhalten in den Hintergrund.
Damit sprach Mettler wohl auch dem Professor für Humanethik und Tierwohl, James Serpell, aus dem Herzen. Serpell verglich die Eigenschaften von Wölfen und Haushunden, die sehr viel «menschenverträglicher» sind: «Der Hund ist so speziell, weil wir ihn so gemacht haben. Was mich aber besorgt ist, wenn bei der Zucht das Schwergewicht vor allem auf körperliche Merkmale gelegt wird, anstatt auf das Verhalten.» (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 02.12.2008, 12:45 Uhr
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8 KOMMENTARE
Hr. Buchmann, endlich jemand, der diese (durch nicht entsprechend ausgebildete Journalisten) missverstandenen Forschungsbefunde hinterfragt. Sie treffen ins Schwarze: es handelt sich hier um rein korrelative Beziehungen, von Kausalität kann keine Rede sein. Wissenschaftler wissen das, Journalisten sollten das ebenfalls wissen, damit nicht falsche "Erkenntnisse" verbreitet werden.
ist es nicht auch manchmal so, dass hundehalter herrschsüchtig sind und der hund eigentlich untertänig ist, im gegensatz zu einer katze? ich habe auch schon schlimme hundehalter gesehen die ihre tiere misshandeln und es tut weh zu sehen wie das tier leidet und trotzdem folgsam bleibt.. Eine autoritäre haltung kann auch auf einen partner übertragen werden. es ist eine charakterfrage..
Quatsch, ich bin auch ein Mensch und unterordne mich mit Sicherheit nicht, - schon gar nicht gern -, irgendeiner Tölle. Ich mag keine Hunde! Was soll die Überschrift?
Bravo für den Artikel und die gestrige Beilage betr. Hund. Auch wir hängen an ihm und müssen uns beherrschen ihn nicht zu vermenschlichen.
Der Titel passt wirklich nicht zum Artikel. Typisch finde ich an der Studie die "statistische Verdrehung": Gute Noten und enge Beziehungen zum Hund gehen oft einher. Daraus schliessen nun alle, der Hund sei gut für die Noten. Warum nicht: Empathische Menschen sind besser in der Schule und unabhängig davon haben sie auch eher engere Beziehungen auch zu Hunden?
Dass sich Tierschützer mit Bildern missandelter Tiere lediglich profilieren wollen, halte ich für grob verallgemeinert. Zugegeben: Selbstherrlichkeit und Eigennutz findet sich gewiss auch in diesem Bereich. Ich halte die Aussage dennoch für stark überrissen, zumal eine Veranschaulichung der Realität immer mal wieder von Nöten ist, um die Realitätsblasen engstirniger Leute zu zerbersten.
die titelfrage bleibt offen zumindest solange bis der artikel immer negativer wird und die frage eben offen bleibt
Sind die Amerikaner so faul des die ihre hunde mit einem Auto fahren? Waere es nicht besser zu LAUFEN... oder fahrad fahren?
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