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Was passiert, wenn Menschen das erste Mal Fernsehen gucken

Für eine Studie konfrontierten Forscher Menschen in einer abgelegenen türkischen Bergregion erstmals mit einem TV. Dabei zeigte sich, dass man auch den Umgang mit bewegten Bildern lernen muss.

Mühe mit filmtypischen Stilmitteln: Diese Frau aus Anatolien sieht sich zum ersten Mal in ihrem Leben bewegte Bilder an.

Mühe mit filmtypischen Stilmitteln: Diese Frau aus Anatolien sieht sich zum ersten Mal in ihrem Leben bewegte Bilder an.
Bild: zvg

Was geschieht, wenn ein Erwachsener, der noch nie in seinem Leben eine Mattscheibe oder Kinoleinwand gesehen hat, zum ersten Mal mit den Segnungen von Film und Fernsehen konfrontiert wird? Dieser Frage sind deutsche und türkische Wissenschaftler mit einem Experiment nachgegangen, in dem es darum ging, ob das Medium Film aus sich selbst heraus verständlich ist. Sie zeigten 20 Personen, die in einer abgelegenen Bergregion in Ostanatolien leben und noch nie ferngesehen, einen Film oder andere bewegte Bilder gesehen haben, auf einem Laptop Szenen und befragten sie dazu.

Ergebnis der Forschungsstudie, die jetzt vom Institut für Wissensmedien im deutschen Tübingen (IWM) veröffentlicht worden ist: Auch Fernsehen ist eine Fähigkeit, die gelernt sein will.

Einfache, alltägliche Szenen

«Die Situation in Ostanatolien war aus Forschungssicht ein seltener Glücksfall», sagt Projektleiter Stephan Schwan vom IWM. Für das Experiment reiste die türkische Filmwissenschaftlerin Sermin Ildriar von der Universität Istanbul in eine abgelegene Bergregion im Süden der Türkei. Ihr Ziel: Menschen, die in teilweise vom Stromnetz abgeschnittenen Bergdörfern in der Nähe von Isparta leben und die bis zur Ankunft der Forscherin keinerlei TV- und Filmerfahrung hatten.

Die 20 Testpersonen im Alter von zwischen 40 und 81 Jahren wussten zwar, dass es so etwas wie Fernsehen und Kino gibt, hatten selber aber noch nie bewegte Bilder gesehen. Sermin Ildriar führte ihnen auf einem mitgebrachten Laptop 14 kurze Filmclips vor, die extra für das Experiment angefertigt worden waren. Um die Probanden nicht zu überfordern, zeigten die zwischen acht und 56 Sekunden langen Filmchen einfache alltägliche Szenen wie Wasser holen, Kochen oder ein Gespräch zwischen zwei Männern.

Schwierige Schnitte

Anders als bei den ersten öffentlichen Filmvorführungen Ende des 19.Jahrhunderts verwechselte zwar niemand die gezeigten Bilder mit der Realität – keine der Testpersonen reagierte verängstigt oder rannte gar entsetzt davon, wie es angeblich einige Zuschauer getan hatten, die 1896 bei einer Vorführung der Gebrüder Lumière in Paris Angst bekamen, vom einfahrenden Zug im Film überrollt zu werden.

Doch hier und da gab es trotzdem grosse Verständnisprobleme. Vor allem mit filmtypischen Stilmitteln wie dem Einsatz der subjektiven Kamera oder bestimmten Schnitten hatten die anatolischen Probanden ihre Probleme: So konnte keiner von ihnen den Perspektivwechsel in einer Szene nachvollziehen, in der ein Mann zu sehen ist, der auf ein Haus zugeht und anschliessend das Innere des Gebäudes aus seinem subjektiven Blickwinkel betrachtet.

Für die TV-Novizen ebenfalls völlig unverständlich war eine Szene, in der zuerst ein Haus gezeigt wird und nach einem Schnitt eine Frau, die in eben diesem Haus sitzt – der für Zuschauer mit Filmroutine völlig logische Zusammenhang zwischen dem Gebäude und der Person lässt sich für Menschen, die keinerlei Erfahrung mit bewegten Bildern haben, schlichtweg nicht herstellen. Und während manche Testperson intuitiv das sogenannte Schuss-Gegenschuss-Verfahren kapierte, bei dem in einer Dialogszene erst der eine, dann der andere Sprecher gezeigt wird, kamen andere nicht damit zurecht.

Verständliche Zeitsprünge

Leichter war es für die Bewohner der abgelegenen Bergregion immer dann, wenn vertraute Handlungsabfolgen und im Alltag oft ausgeübte Tätigkeiten wie etwa das Zubereiten von Tee im Clip gezeigt wurden – dann machten ihnen Stilmittel wie etwa Zeitsprünge oder der Wechsel zwischen zwei zeitgleich ablaufenden Prozessen weniger Probleme.

Unter dem Strich widerlegten die Forscher die weit verbreitete Vorstellung, dass das Schauen von Film und Fernsehen der natürlichen Wahrnehmung so ähnelt, dass es auf Anhieb und ohne Vorkenntnisse problemlos möglich ist.

Vielmehr sei das Gegenteil richtig, betont Stephan Schwan vom IWM: Die Studie habe «erstmalig empirischen Aufschluss darüber gegeben, dass man auch Film und Fernsehen lernen muss». Ob das Experiment bei den Testsehern aus Ostanatolien den Wunsch nach einem eigenen TV-Gerät geweckt hat, ist indes nicht bekannt. (Berner Zeitung)

Erstellt: 02.08.2010, 11:12 Uhr

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10 Kommentare

stephan schwan

06.08.2010, 18:53 Uhr
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Das heisst also, mit einem Medium, was wir zu konsumieren scheinen, ist auch ein Lerneffekt verbunden. Somit könnte man sich auch fragen, welche Lernprozesse gesellschaftlich sinnvoll wären, um diese dann filmtechnisch gezielt zu fördern. Die Schulung von abstrakter Methodik führt in spielerisch erfahrenen Filmsequenzen idealerweise zu sozialem Fortschritt. Input vom Namensvetter, schöner Gruss..! Antworten


Daniel Signer

04.08.2010, 10:08 Uhr
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@Marco Lardi: Diese Art Rückständigkeit wäre ja noch kein Problem. Da sind weitaus mehr und wichtigere Bereiche in denen sich die türkische Gesellschaft immer noch im Mittelalter befindet. Da sind sie in guter Gesellschaft mit den übrigen islamisch geprägten Gesellschaften. Wer's nicht glauben will, Google hilft. Mal nach "Ungläubige +Sure" suchen und mit der Realität vergleichen! Antworten


Martina Yaman

03.08.2010, 22:37 Uhr
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Isparta liegt NICHT in Ostanatolien, sondern in Südanatolien. Abgelegen ist die Region auch nicht - schwer vorstellbar, dass es dort Menschen gibt, die nie ferngesehen haben. Isparta ist eine moderne Kreisstadt mit eigenem Flughafen. Selbst an den ärmlichsten Hütten hängen Satschüsseln.... Antworten


Lea Kretschmer

03.08.2010, 14:14 Uhr
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@ M. Lardi: und bei uns glauben manche Einheimische sogar, was auf Teleblocher erscheint... Antworten


Heidi Meier

02.08.2010, 16:28 Uhr
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Mein Vater (Jahrgang 1927) hat als Kind, im Kino, auch den Film mit dem herein fahrenden Zug gesehen und ist auch aufgestanden weil er wegrennen wollte. Er meinte ein paar Jahrzehnte später, dass er damals überzeugt war, dass der Zug ihn überfahren würde. Er konnte sich damals einfach nicht vorstellen, dass die Geschehnisse auf eine weisse Leinwand gebunden waren. Antworten


Marco Lardi

02.08.2010, 16:01 Uhr
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Und so ein Land wil in die Europäische Union? Antworten


Peter Meier

02.08.2010, 15:07 Uhr
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In Südamerika wurden vor Jahrzehnten ähnliche Versuche mit Filmvorführungen auf einer Leinwand gemacht. Die einheimische Bevölkerung reagierte völlig gelangweilt und enttäuscht. Sie erlebten durch diverse Naturdrogen ganze andere Erfahrungen, in 3D quasi, die viel intensiver wirkten als die laufenden Bilder auf der Leinwand. Antworten


Heinz Müller

02.08.2010, 13:03 Uhr
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Google ist dein Freund: das Zitat ist von Heinz Erhardt. Antworten


Mario Rossi

02.08.2010, 12:52 Uhr
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Heinz Erhardt Antworten


Franz Kipork

02.08.2010, 11:29 Uhr
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Auf dass man sehe, nicht nur höre erfand herr Braun die "Braun'sche röhre" doch viele wär'n ihm sehr verbunden hätt' er die röhre nicht erfunden … (Weiss jemand zufällil, von wem das ist ?) Danke. Antworten



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