Wissen

Wenn Menschen mit Gefühlen nichts anfangen können

Von Anke Fossgreen. Aktualisiert am 19.05.2009 2 Kommentare

Etwa 10 Prozent der Bevölkerung können weder die eigenen noch die Gefühle ihrer Mitmenschen wahrnehmen. Oft leiden sie an psychosomatischen oder psychischen Krankheiten.

Gefühl: «I Love Them», ein Werk von Nedko Solakov, im Kunstmuseum St. Gallen.

Gefühl: «I Love Them», ein Werk von Nedko Solakov, im Kunstmuseum St. Gallen.
Bild: Keystone

Als das Ehepaar Roger und Simone L.* Rat bei Michael Rufer suchte, bemerkte der Psychotherapeut, dass der Mann nicht berichten konnte, wie er sich fühlt. Die Eheleute waren zu einer Paartherapie in die Psychiatrische Poliklinik Zürich gekommen. Ihre Beziehung lag seit einiger Zeit auf Eis. So wollten sie beide nicht weitermachen.

Doch das Paar hatte keine «normalen» Eheprobleme. Rufer erkannte bei Roger L. eine Alexithymie, eine Gefühlsblindheit. «Mir fiel zum Beispiel auf, dass Herr L. überhaupt nicht beschreiben konnte, was er bei seiner Hochzeit empfunden hat», erinnert sich der Therapeut. «Während seine Frau ganz emotional den besonderen Tag beschrieb und sich an lange zurückliegende Gefühle erinnerte, wirkte Roger L. regelrecht hilflos.»

10 Prozent betroffen

Menschen, die gefühlsblind sind, nehmen ihre eigenen Emotionen nicht oder nur schlecht wahr. Ebenso wenig erkennen sie die Gefühle ihrer Mitmenschen. Rund 10 Prozent der Bevölkerung sind von diesem Persönlichkeitsmerkmal betroffen – 9 Prozent der Frauen und 11 Prozent der Männer. Das fanden Forscher aus Düsseldorf und Leipzig heraus, die über 1800 zufällig ausgesuchte Personen in Deutschland befragt hatten.

Doch wie entdecken die Experten eine Alexithymie? «Auf die direkte Frage: ‹Meinen Sie, dass Sie wenig Zugang zu Gefühlen haben?› wird die Antwort der Betroffenen ‹Nein› sein», erläutert Rufer das Problem. Das ist, als würde man einen Farbenblinden bitten, einen Regenbogen zu beschreiben.

Kanadische Forscher haben deshalb kürzlich ein spezifisches Interview entwickelt, das Rufer zusammen mit Schweizer und deutschen Kollegen bei über 200 Patienten einsetzte. Dabei müssen Betroffene sich selber einschätzen, und der Therapeut fragt sie nach konkreten Beispielen. Etwa ob es zutrifft, dass sie oft nicht wissen, warum sie wütend sind. Oder ob sie es schwierig finden zu beschreiben, was sie für andere Menschen empfinden. Oder ob sie körperliche Leiden haben, die sogar Ärzte nicht verstehen.

Körperliche Schmerzen mit psychosomatisch Ursprung?

Roger L. beispielsweise litt seit Jahren unter chronischen Rückenschmerzen. Er hatte schon zahlreiche Ärzte aufgesucht – vergeblich. Niemand fand eine Ursache. Die Möglichkeit, dass seine Beschwerden psychosomatisch sein könnten, lehnte er ab.

Die Betroffenen können keine Freude, Liebe, Wut, Enttäuschung oder Angst wahrnehmen. Körperliche Reaktionen spüren sie jedoch. Zum Beispiel kann jemand ein Schwindelgefühl und Herzklopfen empfinden, aber nicht die dahinterstehenden Ängste. «Wenn die Ärzte vom Zentrum für Schwindel und Gleichgewichtsstörungen der Universität Zürich keine körperlichen Ursachen für die Probleme ihrer Patienten finden, ziehen sie uns regelmässig hinzu», sagt Rufer, dessen Büro in der Culmannstrasse ganz in der Nähe des Zentrums liegt.

Dorthin hatte der Hausarzt Franka S.* verwiesen. Die 35-Jährige litt seit einem Rodelunfall zwei Jahre zuvor an immer wiederkehrendem Schwindel. Auch wenn das Gleichgewichtsorgan vermutlich damals erschüttert wurde, so konnten die Ärzte keine körperlichen Ursachen mehr feststellen. Franka S. war inzwischen arbeitsunfähig. Sie vermied Situationen, in denen die Schwindelanfälle auftreten könnten: Sport, Einkäufe, Fahrten in öffentlichen Verkehrsmitteln. Manchmal verliess sie das Haus nicht mehr. «Bereits im ersten Gespräch wurde deutlich, dass die Patientin keine unangenehmen Gefühle empfand», erinnert sich Rufer. «Dabei verhielt sie sich so, als würde sie sich vor bestimmten Situationen fürchten, spürte aber keine Angst.» Der Therapeut vermutete, dass Franka S. den Schwindel anstelle von Panikgefühlen wahrnahm.

Adrenalin und Herzklopfen

Tatsächlich zeigen Gefühlsblinde zwar körperlich normale Reaktionen auf Emotionen: Sie schütten Adrenalin aus, das Herz schlägt schneller, Schweiss bricht aus. Doch die Betroffenen können diese Zeichen keinem Gefühl zuordnen. Wissenschaftler gehen davon aus, dass bei diesen Menschen zwei Gehirnregionen nicht richtig miteinander vernetzt sind: das sogenannte limbische System und der präfrontale Cortex, ein Teil des Stirnhirns. Im limbischen System entstehen die Gefühle. Die entsprechenden Signale werden dann in den präfrontalen Cortex weitergeleitet.

Vorteil für Manager

Erst dort werden die Gefühle bewusst wahrgenommen, zum Beispiel die Angst als Angst. Und wenn sich diese als unbegründet erweist, beispielsweise, wenn das Auto, dessen Scheinwerfer direkt auf uns zukamen, plötzlich abbiegt, dann gibt diese Region Entwarnung. Die Anspannung flaut ab. Bei Gefühlsblinden kann sich hingegen diese Anspannung aufstauen, da die Emotionen nicht erkannt werden. Dieser Dauerzustand unter Druck kann krank machen – psychosomatisch zum Beispiel mit Bluthochdruck oder Magen- und Darmstörungen oder psychisch mit Depressionen oder Essstörungen. «Unter psychisch Kranken finden wir viel mehr Menschen mit einer Alexithymie als in der Normalbevölkerung», sagt Rufer. Dort seien es 25 statt 10 Prozent.

Doch es scheint auch Betroffene zu geben, die davon profitieren, dass sie wenig Gefühle von anderen Menschen spüren und Entscheidungen streng analytisch treffen. Die Alexithymie wird auch «Managerphänomen» genannt. Das rationale Denken, das die Betroffenen auszeichnet, könne manchmal von Vorteil sein, bestätigt Rufer: «Wir haben in unserem Ambulatorium auch Patienten behandelt, die im Beruf sehr erfolgreich waren.» Häufiger sind jedoch Personen von der Gefühlsblindheit betroffen, die einen niedrigen sozialen Status und ein niedriges Bildungsniveau haben. Sie leben oft alleine und haben kaum soziale Kontakte.

Als Auslöser einer Gefühlsblindheit vermuten die Forscher, dass die alexithymen Menschen entweder nie als Kind gelernt haben, Emotionen zu spüren, etwa weil ein Elternteil gefühlsblind war, oder dass sie diese Wahrnehmung durch ein traumatisches Ereignis unterdrückt haben.

Familienleben hatte WG–Charakter

Franka S. beschrieb ihre Kindheit als «normal». Ihr Vater habe nicht viel mehr getan, als «bei der Familie zu übernachten», und ihre Mutter sei dauerhaft leicht depressiv gewesen. Das Familienleben hätte den Charakter einer Wohngemeinschaft gehabt. Über Probleme und Sorgen sprach die Familie praktisch nie. Als sich Frankas beste Schulfreundin in der neunten Klasse von ihr abwandte, habe sie über Monate sehr wenig gegessen und ihr sei oft übel gewesen. Franka S. glaubte aber auch im Nachhinein nicht, dass sie damals traurig oder ängstlich gewesen sei. Sie habe sich einfach «nicht gut» gefühlt.

Ähnliches beschrieb Roger L. Auch er wuchs in einer gefühlsarmen Familie auf. «Es sah nicht so aus, als hätten die Eltern sich oft gestritten», sagt Rufer. «Aber sie lebten aneinander vorbei und sprachen meist über Fakten, kaum über Gefühle.»

Und wie können Therapeuten alexithymen Menschen helfen? Das alleinige Sprechen über Gefühle sei meist nicht geeignet, erklärt der Fachmann. Da die Patienten genau das nicht können.

«Die Psychotherapie muss sich den Besonderheiten alexithymer Patienten anpassen», empfiehlt Rufer. Mit Franka S. redete er zum Beispiel zu Beginn der Therapie in der gleichen technischen Sprache, die sie verwendete. Er konfrontierte sie nicht damit, dass ihr Schwindel psychosomatisch sein könnte, denn sie selbst war sich sicher, dass die Halswirbel die Probleme verursacht haben. Stattdessen führte Rufer mit seiner Patientin konkrete «Übungen gegen den Schwindel» durch. Er fuhr zum Beispiel mit ihr Tram und sprach die dabei auftretenden Gefühle an. Die junge Frau konnte nach einigen Monaten wieder voll arbeiten. Sie hatte zwar noch gelegentlich Schwindelanfälle, lernte jedoch, damit umzugehen. Sie wusste nun, den Schwindel als Zeichen zu deuten, dass ihr eine Situation unangenehm war.

Fast frei von Schmerzen

Roger L., der ursprünglich zur Paartherapie gekommen war, profitierte schliesslich von Einzelgesprächen. «Der grösste Erfolg für Roger L. war, dass er erstmals seit Jahren wieder fast ohne Schmerzen war», erzählt Rufer. Seiner Ehefrau half es, die mangelnde Empathie ihres Mannes nicht mehr als Ablehnung aufzufassen. «Völlig verändern kann man einen alexithymen Menschen allerdings nicht», räumt Rufer ein. Doch das sei auch nicht das Ziel.

* Namen von der Redaktion geändert.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.05.2009, 23:50 Uhr

2

Kommentar schreiben







 Ausland



Verbleibende Anzahl Zeichen:

Mit dem Absenden des Kommentars erklärt sich der Leser mit nachfolgenden Bedingungen einverstanden: Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt. Telefonische Auskünfte werden keine erteilt. Ihr Kommentar kann auch auf Google und anderen Suchseiten gefunden werden.

2 Kommentare

Ronnie König

20.05.2009, 10:06 Uhr
Melden

Es gibt auch eine genetsiche Disposition die dazu führt. Durch einen Unfall können Schädigungen am Hirn auch zum Gefühls und Seelenschwund führen. Interessantes dazu hat kürzlich Prof. Lüthi aus Basel publiziert! Das Zentrum im lymb. System (Amygdala/Mandelkern) wird dort entspr. erwähnt. Mann kann auch dazu konditioniert werden (erzogen quasi). Ein fantastisches Forschungsgebiet. Antworten


Christian D Schweizer

20.05.2009, 06:13 Uhr
Melden

Ein tramatisches Erlebnis (insbesondere Todesangst oder masslose Ueberforderung in der Wehr- oder Lohnsklaverei) loest Existenzangst aus. Wird das PTBS dann statt traditionell humanmedizinisch mit langen Kuren an der Wurzel behandelt, sondern versicherungs"medizinisch" mit Angstkillern, Schlaftabletten, Aufputschpillen usw. pp, verschwindet nicht nur die Angst, sondern auch jedes andere Gefuehl. Antworten



Populär auf Facebook Privatsphäre


Familie, Beruf und Studium

Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.

Live @ Sunset

11. bis 22. Juli - Zürich Dolder u.a. mit B.B. King, Elton John und Alanis Morissette!

Online-Kadermarkt

ALPHA.CH: der online-Kadermarkt der Schweiz.