Wenn die Psychose nach dem Kiffen bleibt

Ein früherer Kiffer ist überzeugt, dass die Droge bei ihm Panikattacken und Verfolgungswahn ausgelöst hat. Wissenschaftler halten einen kausalen Zusammenhang zwischen Cannabiskonsum und psychischen Erkrankungen für plausibel.

Erhöht das Risiko einer Psychose: Der hohe THC-Gehalt heutiger Hanfpflanzen.

Erhöht das Risiko einer Psychose: Der hohe THC-Gehalt heutiger Hanfpflanzen. Bild: Keystone

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Andreas Müller (Name geändert) sitzt im Bus und ist unruhig. Das Kiffen hat ihn nervös gemacht, wie oft in letzter Zeit. Er spürt die Blicke der anderen Passagiere auf sich – hat da gerade jemand etwas zu ihm gesagt? Auf einmal hört er die Stimme eines Kollegen, der von weit her nach ihm ruft. «Ich muss zu ihm», denkt sich Andreas Müller. Kreuz und quer fährt er durch die Stadt – den Kollegen findet er nicht. Plötzlich fällt ihm ein: Der wohnt ja grad bei mir im oberen Stock. Also fährt er nach Hause, zu seinen Eltern. Doch der Kollege wohnt gar nicht dort. Andreas Müller hat sich geirrt. Nun entgleitet ihm vollends die Kontrolle, er verhält sich «total überdreht». Die Eltern bringen ihn zum Hausarzt, der ihm ein Beruhigungsmittel gibt. Andreas Müller ist hingegen überzeugt: «Das ist jetzt die Todesspritze.»

Immer mehr Studien deuten darauf hin, dass Kiffen das Risiko für eine Psychose beeinflusst. Unter den Begriff «Psychose» fallen beispielsweise schwere Depressionen oder schizophrene Störungen. Diesen Krankheiten gemeinsam ist eine deutliche Einschränkung der Hirnfunktion und der zeitweise Verlust des Realitätsbezugs – es kommt zu Halluzinationen, Sinnestäuschungen und Paranoia. Nur ein kleiner Teil der Jugendlichen, die regelmässig kiffen, entwickelt eine Psychose. Aber unter Kiffenden sind es eindeutig mehr als unter Nichtkonsumenten.

Dreimal in der Psychiatrie

In der Kindheit von Andreas Müller deutet nichts darauf hin, dass er einmal psychische Probleme bekommen würde. Mit Schulkollegen spielt er Fussball, geht ins Hallenbad, an die Fasnacht. «Die Schulnoten waren da noch das grösste Problem», sagt der heute 39-Jährige lächelnd. Später trainiert er dreimal pro Woche im Sportverein. Verwandte mit einer psychischen Krankheit hat er nicht; so weit, so normal. Keine Rede von Halluzinationen, Verfolgungswahn oder Panikattacken.

Mit 16 probiert er mit einem Freund zusammen das erste Mal Cannabis. «Ich war einfach neugierig.» Bald kifft er regelmässig, mit Kollegen vor dem Jugendhaus oder alleine zu Hause. Als sich sein Sportverein auflöst, hat Andreas Müller plötzlich viel mehr freie Abende. Obwohl es ihm «nicht viel» gibt, braucht er das Kiffen. Er macht blau, hat keinen Bock zu arbeiten. Er fliegt durch die Lehrabschlussprüfung und merkt nicht, dass er in Schwierigkeiten steckt.

«Da will mich einer erschiessen»

Dabei hat sich neben der Sucht noch ein anderes Problem eingeschlichen. «Da will mich einer erschiessen», denkt er immer öfter, wenn er unterwegs ist. Oder er ist sich sicher, dass ihm jemand etwas ins Getränk getan hat. Wie er sich nach solchen Situationen fühlte, weiss er heute nicht mehr. Beunruhigt hat es ihn damals nicht: «In dem Alter hat man eh das Gefühl, man habe alles im Griff.» Zwischen 20 und 27 kommt Andreas Müller dreimal in die psychiatrische Klinik. Einmal, weil er mitten in der Nacht immer wieder bei einer Kollegin klingelte, später war er wegen seiner Paranoia aggressiv geworden, hatte Leute angeschrien und Sachen kaputt gemacht.

In der Klinik hat er therapeutische Gespräche. «Hören Sie auf zu kiffen, Sie verschlimmern damit Ihre Psychose», sagen ihm die Ärzte. Doch jedes Mal, wenn er rauskommt, fällt er wieder in den alten Trott, raucht drei bis vier Joints pro Tag. Zuletzt bleibt er vier Monate in der Psychiatrie. Die Diagnose: «chronisch-paranoid mit schizophrenen Zügen». Die Klinik organisiert ihm einen Platz im Wohnheim, einen Vormund und eine Arbeitsstelle. Doch Andreas Müller kifft noch immer. Eines Abends erwischt ihn der Betreuer des Wohnheims und mahnt: «Lass die Finger davon, bei dir ist das zu gefährlich.» Und diesmal dringen die Worte durch.

Die Psychose bleibt

Zwischen Weihnachten und Neujahr hört Müller mit dem Kiffen auf. Wie er das geschafft hat, ist ihm selbst ein Rätsel. Sein Vater, vor zwei Jahren verstorben, erlebt diesen Wandel nicht mehr. Heute ist Andreas Müller seit 12 Jahren clean und wohnt alleine. Er hat eine neue Psychiaterin, nimmt Medikamente – den Vormund braucht er nicht mehr.

Die Psychose ist trotzdem noch da. Zum Beispiel vor der Fleischtheke im Supermarkt. Manchmal wird ihm plötzlich unwohl, er erinnert sich an seinen Nervenzusammenbruch vor vielen Jahren. Panik steigt in ihm auf: Wie würden die Leute reagieren? Er bricht den Einkauf ab und hastet aus dem Laden. «Jeder hat irgendwelche Probleme», versucht er sich danach jeweils zu trösten. Und wenigstens sind seine Medikamente gut eingestellt. Ein Beruhigungsmittel hat er zur Sicherheit immer dabei. Andreas Müller ist überzeugt davon, dass Cannabis seine Psychose geweckt hat: «Das hat in mir geschlummert, durchs Kiffen ist es ausgebrochen», sagt er. Die Schuld gibt er trotzdem nicht der Droge. «Ich habe mein Leben selbst so gelebt.» Die Hoffnung, eines Tages wieder ohne die Krankheit zu leben, jetzt da er schon so lange nicht mehr kifft, ist immer noch da.

Komplexer Zusammenhang

Gregor Berger, Chefarzt der Adoleszentenpsychiatrie der Integrierten Psychiatrie Winterthur–Zürcher Unterland therapiert seit bald 20 Jahren Jugendliche und junge Erwachsene mit psychotischen Erkrankungen. Der Zusammenhang zwischen Cannabis und Psychosen sei nicht so eindeutig, wie manche meinen. Berger warnt vor schnellen Rückschlüssen – etwa, dass man vom Kiffen zwangsläufig eine Psychose bekomme. Wissenschaftlich erwiesen sei, dass regelmässiges Kiffen bei bestimmten Jugendlichen das Psychose-Risiko erhöhe. Und dass Cannabiskonsum den Krankheitsverlauf einer bereits ausgebrochenen Psychose deutlich verschlechtere. Nicht aber, dass Cannabis eine Erstpsychose zwingend auslöse.

Cannabis ist nur einer von vielen Faktoren, die das Psychose-Risiko bestimmen. Die Gene spielen laut Berger eine wichtige Rolle. Hat jemand einen Vater, eine Mutter oder Geschwister, die an einer Psychose erkrankt sind, steigt sein eigenes Psychose-Risiko von einem auf 10 Prozent. Trotzdem entwickeln 90 Prozent dieser erblich vorbelasteten Personen nie eine Psychose. «Die Kombination von genetischen und umweltbedingten Faktoren macht diesen Zusammenhang so komplex», sagt Berger. «Sich einfach in der Verwandtschaft umzusehen und daraus sein eigenes Risiko abzuleiten, ist keine gute Idee.» Zumal auch Traumata, unbehandelte psychische Krankheiten oder eben Drogenkonsum als begünstigende Faktoren und Auslöser infrage kommen.

Informieren statt verbieten

«Das Kiffen ist bei vielen Jugendlichen ein zeitlich begrenztes Phänomen», relativiert Berger. «Und nur etwa 10 Prozent der Jugendlichen kiffen mehr als sechsmal pro Monat.» Wer jedoch sehr früh mit dem Kiffen beginnt und sehr viel kifft, erhöhe sein Risiko für Psychosen und andere psychische Erkrankungen. Nicht zuletzt aufgrund der heutigen Indoor-Pflanzen. Diese können einen bis zu 14-mal höheren THC-Gehalt haben als früher übliche Hanfpflanzen. Gleichzeitig nimmt die Konzentration des Cannabidiols ab. Der Substanz, die vor den toxischen Wirkungen des THC schützt. «Beim Alkohol wissen Jugendliche, dass es zwischen einem Glas Bier und derselben Menge Wodka einen beträchtlichen Unterschied gibt.» Beim Cannabis hingegen könne er nicht abschätzen, wie stark das Gerauchte sei.

«Cannabis wird immer zu unserer Gesellschaft gehören», sagt Gregor Berger. «Deshalb sind Aufklärung und Prävention so wichtig.» Und Berger meint: «Früher oder später wird Cannabis bei Erwachsenen legalisiert werden.» Aber eine Legalisierung bedeute kein Laisser-faire. Besonders bei Minderjährigen sei Vorsicht geboten: «Die Familien und Schulen sollten mit ihren Kindern über die möglichen Folgen eines frühen Konsums sprechen.» Berger findet es absurd, dass Kinder in der Schule über Zahnpflege informiert werden, aber nicht über den Zusammenhang zwischen psychischen Krankheiten und Drogen. «Bei Cannabis lassen sich keine exakten Prognosen treffen. Gerade darum darf das Thema nicht unter den Tisch gekehrt werden.» Seinen eigenen Kindern würde er vom Kiffen abraten, gleichzeitig glaubt er nicht an die Kraft von Verboten.

Und Andreas Müller? Er fände eine Legalisierung gut, sagt er. Allerdings mit einer Alterslimite bei gut 20. «Man unterschätzt das Kiffen ein wenig. Heute ist es so normal wie ein Glas Bier», sagt er. Verteufeln will er Cannabis trotzdem nicht. «Es gibt Menschen, die kiffen ein Leben lang, und trotzdem passiert ihnen nichts. Mich hat es halt erwischt.» (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 06.04.2013, 09:59 Uhr)

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Neue Studien
Cannabis und Psychosen

Cannabiskonsum kann Psychosen begünstigen. Zu diesem Schluss kamen Forscher der Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel. Sie analysierten unlängst alle publizierten Studien zu diesem Thema. Fazit: Ein kausaler Zusammenhang sei «zwar nicht eindeutig belegbar, aber doch zumindest plausibel». Besonders der Cannabiskonsum bei sehr jungen Teenagern erhöhe das Risiko für schizophrene Psychosen.

Eine zweite Studie derselben Klinik fand heraus, dass Cannabiskonsum bei ­Psychosepatienten zu einem Abbau des Hirn­volumens führt. Bei gesunden Menschen, die kiffen, konnte dies nicht im gleichen Ausmass festgestellt werden. Studienleiterin Charlotte Rapp sieht zwischen dem Abbau des Hirnvolumens und dem Ausbruch einer Psychose einen Zusammenhang. Trotzdem ist sie vorsichtig: «Eindeutig erwiesen ist dies jedoch noch nicht.»

Etwa drei Prozent der Gesamtbevölkerung haben einmal im Leben einen psychotischen Zustand. Einer von hundert entwickelt eine schizophrene Grunderkrankung. Am häufigsten tritt die erste Psychose im Alter von 14 bis 25 auf. Das Risiko einer Erstpsychose liegt bei Schweizer Oberstufenschülern bei 0,05 bis 0,1 Prozent. Je früher eine Psychose ausbricht, umso wichtiger ist eine frühzeitige Diagnose und Behandlung. (sly)

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