Wenn es juckt und schuppt
Gezeichnet: Viele Kranke fühlen sich stigmatisiert. (Bild: zvg)
Schuppen auf der Seele
US-Studien ergaben klar, dass Schuppenflechte auch zu einer enormen psychischen Belastung wird. So zeigten Umfragen der amerikanischen National Psoriasis Foundation, dass vor allem Patienten zwischen 18 und 34 Jahren unter der optisch unschönen Schuppenflechte leiden. 81 Prozent sagten, dass sie sich genierten, wenn andere die befallenen Hautpartien bemerkten. 75 Prozent fühlten sich wegen der Schuppenflechte schlicht unattraktiv, und 54 Prozent bezeichneten sich deswegen als depressiv. 40 Prozent der US-Psoriasis-Kranken berichteten, dass sie beim Coiffeur, in Fitnessklubs und Schwimmbädern zum Teil diskriminiert würden.
«Aus Angst vor negativen Reaktionen und erlebter Stigmatisierung ziehen sich viele Kranke zurück», sagt Benno Durrer, leitender Psychologe in der Abteilung für Psychosomatik am Berner Inselspital. Durch den Rückzug fehle es an positiven Erlebnissen und sozialen Kontakten. «Das wiederum wirkt sich negativ auf das Selbstwertgefühl aus. So entsteht leicht ein Teufelskreis», sagt Durrer. Er rät zur psychologischen Hilfe, wenn die Krankheitsbewältigung allein nicht gelingt.
Erstmals seit langem geht es Fernando Albala wieder richtig gut. Dank Stelara, einem neuen Biological. Darunter versteht man gentechnisch hergestellte Eiweisssubstanzen, die sich gegen entzündungsfördernde Botenstoffe des Körpers richten. Alle drei Monate wird dem 48-jährigen Berner der Wirkstoff gespritzt. «Schon nach wenigen Tagen kam die Besserung. Bis auf eine Stelle am Fuss sind die Schuppenflechten jetzt verschwunden», freut er sich.
Es ist jetzt knapp 17 Jahre her, dass bei Albala die Psoriasis ausbrach. Er war damals mit seiner Frau in den Mittleren Osten gezogen, um dort eine neue Stelle anzutreten. Doch die Dinge liefen nicht so, wie sie sollten. «Die Situation damals war mit viel Stress verbunden – und plötzlich waren die Schuppen da», erinnert sich der Verkäufer. Ellbogen, Knie, Kopfhaut, Rücken und Hände waren gerötet, geschwollen und zu allem Überfluss mit unschönen Hautschuppen bedeckt. Und juckten.
Ist der Körper zu mehr als zehn Prozent von der Schuppenflechte befallen, spricht man von einer schweren Form. Bei Albala waren es sogar 30 Prozent. «Trotz der Diagnose nicht heilbar versuchte ich, so gut wie möglich damit zu leben», erzählt er. Tapfer machte er viele Behandlungsversuche mit, ob sie nun Akupunktur oder Lichttherapie hiessen. Doch nichts half länger als ein paar Monate.
Unklare Ursachen
Die Wende kam erst mit Stelara. Da er sich bereit erklärte, an einer Anwendungsbeobachtung teilzunehmen, ist der teureWirkstoff vorerst kostenlos. Geht sie zu Ende, entscheidet Albalas Arzt Nikhil Yawalkar, Professor an der dermatologischen Uniklinik des Inselspitals Bern, ob die Therapie weitergeführt wird. Dann muss Albalas Krankenkasse die Kosten tragen.
Trotz intensiver Forschung liegen die genauen Gründe für den Ausbruch der Krankheit, an der in der Schweiz rund 150 000 Personen leiden, noch im Dunklen. Man geht von einer genetischen Veranlagung in Kombination mit gewissen Umweltfaktoren wie Verletzungen, Stress, Operationen oder Medikamenten aus.
Doch zumindest kann heute Kranken, die von der schweren Form der Psoriasis vulgaris, dem häufigsten Typ, betroffen sind, besser geholfen werden. «Seit etwa viereinhalb Jahren spritzen oder verabreichen wir per Infusion bestimmte Antikörper oder Fusionsproteine. Sie hemmen die sogenannten TNF alpha Zytokine. Dadurch beruhigt sich die Psoriasis, und Patienten werden beschwerdefrei, die bereits Jahrzehnte darunter gelitten haben», stellt Yawalkar fest. Allerdings gibt es auch eine Kehrseite: Der multifunktionale Stoff TNF (Tumornekrosefaktor) spielt auch bei der Infektabwehr eine Rolle. «Wenn wir auf DauerBotenstoffe wie TNF alpha hemmen, könnte es sein, dass diese Patienten eher zu Infektionen oder zu Tumoren neigen», räumt Yawalkar ein. Langzeitstudien stehen noch aus. Doch bis jetzt verlaufe die Entwicklung beruhigend. Leichtere Psoriasis-Formen werden mit Kortison, Vitamin D, Lichttherapie oder Methotrexat behandelt, einem Medikament, das die Zellteilung hemmt.
Neuer Hoffnungsschimmer
Völlig ohne Nebenwirkungen und damit vielleicht ein neuer Hoffnungsschimmer ist Regividerm. Voraussichtlich Mitte November kann man das Präparat, das auch für Kleinkinder zugelassen ist, in Apotheken kaufen. Sein Wirkstoff ist denkbar einfach: Vitamin B 12 auf einer Salbenbasis von Avocadoöl.
Die Entwicklungsgeschichte des Produkts ist dermassen interessant wie tragisch, sodass darüber letzte Woche sogar eigens eine Dokumentation des deutschen Fernsehsenders ARD berichtete. Bereits in den 80er-Jahren experimentierte der deutsche Student Karsten Klingelhöller mit einem Kollegen an einer Creme und liess sie mit Erfolg wissenschaftlich testen. Doch keine Pharmafirma zeigte sich interessiert. Vielleicht weil sich mit teureren Medikamenten an chronischen Beschwerden besser Geld verdienen lässt? Irgendwann musste Klingelhöller, finanziell und psychisch am Ende, aufgeben und sein Patent verkaufen. Unter dem Namen «Regividerm B12 Salbe» wird die Creme nun vom Badener Unternehmen Mavena Health Care in der Schweiz vertrieben.
Grosse psychische Last
Ein Aspekt, der bei Psoriasis-Kranken gerne übersehen wird, ist auch die enorme psychische Belastung. «Die Krankheit machte mir schon zu schaffen und hat mir manch dunklen Moment beschert», gesteht Fernando Albala. Ein Besuch in der Badi oder am Strand kam stets einem Spiessrutenlaufen gleich. «Alle starrten mich an und tuschelten dann über mich. Nur kleine Kinder hatten den Mut, zu fragen, was ich denn hätte», erzählt er. Zwar musste er nie erleben, dass ihm jemand wegen der Schuppen nicht die Hand geben wollte. «Doch angenehm ist diese Krankheit für das jeweilige Gegenüber sicher nicht», meint er. Und die meisten wüssten auch nicht, dass Psoriasis nicht ansteckend ist.
Fernando Albala hat wohl ein robustes Selbstbewusstsein, und das half ihm. Andere Psoriasispatienten, vor allem jüngere, kommen weniger gut damit zurecht, durch die Schuppenflechte entstellt zu sein (s.Kasten). «Viele Betroffene leiden deswegen an Depressionen. Man schätzt, dass etwa zehn Prozent von ihnen suizidgefährdet sind. Auch die Alkoholikerrate unter ihnen ist erhöht», sagt Yawalkar. Er räumt selbstkritisch ein, dass man noch viel zu wenig für die psychologische Betreuung der Betroffenen tue. «Aber in der normalen Sprechstunde ist es für die Ärzte wegen des dicht gedrängten Terminkalenders fast unmöglich, auch auf die psychologischen Aspekte einzugehen», so Yawalkar. Deshalb bietet man zum Beispiel am Inselspital vier Mal pro Jahr interdisziplinäre Schulungen für Betroffene an. «Da nehmen sich Experten dann so lange Zeit für die Patienten, wie es nötig ist», sagt der Facharzt. (Berner Zeitung)
Erstellt: 26.10.2009, 13:17 Uhr







