Wer Selbstgespräche führt, ist ein zufriedenerer Mensch

Mit sich selber zu reden, ist nicht verrückt, sondern vernünftig. Forscher haben die positive psychohygienische Wirkung von Selbstgesprächen nachgewiesen.

«Packe ich das?»: Jim Carey als Truman Burbank im Film «The Truman Show».

«Packe ich das?»: Jim Carey als Truman Burbank im Film «The Truman Show». Bild: Keystone

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Neulich im Supermarkt stand eine Dame mittleren Alters vor dem Wurstregal und wollte gerade nach einer Packung Mortadella greifen, als sie plötzlich vor sich hin murmelte: «Nein, noch genug da.» Schon komisch, Erwachsene mit sich selbst reden zu hören.

Unweigerlich denkt man an Singles, die schon zu lange Singles sind. Oder an eine psychische Störung: Vielleicht halluziniert sie und antwortet einer nicht existenten Stimme. Könnte sein. Ist allerdings eher selten. Denn zunehmend erheben Forscher das Selbstgespräch auf das Podest des Nützlichen. Die Psychologin Dolores Albarracin von der Universität von Illinois hält es für «eines der wichtigsten Werkzeuge, um unser Verhalten zu leiten». Dass ein Lebewesen sich selbst Nachrichten vermitteln könne, sei schlichtweg einzigartig. Beispielsweise «schicken wir uns ständig Botschaften, um uns zu kontrollieren», pflichtet ihre Kollegin Alexa Tullett von der Universität im kanadischen Toronto nach einer neuen Studie bei. So verhindert der Dialog mit dem Selbst offenbar vielfach, «sich impulsiven Entscheidungen hinzugeben».

Oscar Wildes grosses Vergnügen

Den Schluss zieht die Psychologin aus einer Serie von Experimenten. So sollten die Probanden einen Knopf drücken, sobald auf einem Bildschirm ein bestimmtes Symbol erschien. Leuchtete ein anderes Symbol auf, waren sie angehalten, sich zurückzuhalten. Die Selbstkontrolle wurde den Teilnehmern erschwert, indem sie viel häufiger drücken als nicht drücken mussten – was zum impulsiven Betätigen des Knopfes verführt. Um Selbstgespräche auszuschalten, wiederholten einige der Studienteilnehmer leierkastenartig ein x-beliebiges Wort, während sie den Test erledigten. Ergebnis: Im Vergleich zu den Probanden mit einer «freien» inneren Stimme versagte ihre Selbstkontrolle deutlich öfter.

Wohl kaum aus Gründen der Selbstkontrolle bedeutete das Selbstgespräch für den Schriftsteller und Bonvivant Oscar Wilde eines der «grössten Vergnügen», wohingegen sein Kollege Jean Giraudoux den Mangel an Selbstgesprächen «heutzutage» beklagte. Man habe wohl Angst, «sich selbst die Meinung zu sagen». Ein Irrtum: 96 Prozent aller Frauen wie Männer, so das Ergebnis einer US-Untersuchung, geben ihrer inneren Stimme regelmässig Ausdruck. Meist nach dem Motto «Wie konnte ich nur . . .?» – also wenn sie sich über sich selbst ärgern. Oder sich loben. Und meist, wenn sie sich unbeobachtet wähnen und andere nicht damit stören.

Hilfe beim Problemelösen

«Psychologisch gesehen ist das Selbstgespräch gesund und verständlich», sagt Thomas Brinthaupt von der amerikanischen Middle Tennessee State University, einer der renommiertesten Selbstgespräch-Experten. Frustration, Trauer und Wut bekommen so eine Art Ventil, Freude und Vergnügen nicht minder. Das alles wissen Kinder ganz intuitiv. Mit etwa zwei Jahren fangen sie an, das Selbstgespräch in einem ganz normalen Prozess zu kultivieren. Von drei bis fünf Jahren gipfelt die Entwicklung, bevor ab dem sechsten Lebensjahr die laut vor sich hin gesprochene Gedankenwelt mehrheitlich ins Unhörbare verbannt wird, wenngleich die innere Stimme jederzeit hörbar reaktiviert werden kann. Etwa die Hälfte der Kleinkinder reflektiert über den Dialog mit dem Ich vor dem Einschlafen die täglichen Erlebnisse. Alle «nutzen das Selbstgespräch als Werkzeug des Denkens», sagt der Psychologe Adam Winsler von der George Mason University in Virginia, der das Phänomen seit Jahren beleuchtet. Der Autodialog helfe ihnen, «ihre Aufmerksamkeit zu fokussieren».

Das zeigt sich vor allem, wenn sie Probleme lösen. Winslers Team stellte rund 80 Drei- bis Fünfjährigen diverse Aufgaben. Unter verschiedenen Bedingungen: Einmal wurde den kleinen Probanden ausdrücklich gesagt, mit sich selbst zu sprechen; einmal sollten sie das nicht tun. Und einmal wurde ihnen keine einschlägige Anweisung gegeben, woraufhin sie sich schlicht natürlich verhielten. Klares Ergebnis: Kinder, die mit sich reden, lösten ein Problem deutlich schneller und besser als Kinder, denen das Selbstgespräch verwehrt wurde.

Sich laut anspornen

Ein Dreijähriger bringt unter derlei Umständen die Leistung eines Vierjährigen. Winslers Botschaft an Eltern, Erzieherinnen und Lehrer: «Lasst sie reden. Es ist nützlich.» Mütter und Väter gingen zu oft davon aus, ihre Sprösslinge würden mit ihnen reden und sollten erstmal mit einer Antwort abwarten. Und manche Erzieherinnen und Lehrer pochten zu sehr auf absolute Ruhe. «Aber Kleinkinder brauchen das Selbstgespräch für eine gute Performance», erklärt der US-Psychologe.

Eher selten nutzen sie es, um sich selbst anzufeuern, Erwachsene aber sehr wohl. Sich mit Floskeln wie «Das packe ich» anzuspornen, gilt als eine der heiligen Kühe der Motivationspsychologie. Auf diese Weise, heisst es, erreicht man seine Ziele leichter und schneller. So sicher ist sich Dolores Albarracin da nicht. Gemeinsam mit zwei Kollegen ist die Psychologin der Sache auf den Grund gegangen und zum Schluss gekommen: Statt der bestätigenden Anfeuerung sei es zuweilen erfolgversprechender, sich zu fragen: «Packe ich das?»

Sich selbst fragen hilft weiter

Die Art der Sprache im Selbstgespräch – also auch die genutzte Grammatik – beeinflusst ihrer Ansicht nach, welche Gedanken daraus erwachsen und infolgedessen welche Handlungen. Um dem Phänomen auf die Spur zu kommen, bestellten die Wissenschaftler gut 50 junge Probanden in ihr Labor. Sie sollten unter Zeitdruck aus zehn Wörtern jeweils 10 andere Wörter (Anagramme) bilden – und sich zuvor eine Minute lang fragen, ob sie das schaffen oder sich einreden, dass sie es schaffen. In einem zweiten Versuch wurde den Probanden vorgegaukelt, man wolle ihre Handschrift analysieren. Dafür müssten sie die folgenden (englischen) Worte und Kurzsätze 20-mal aufschreiben: will I? (werde ich?), I will (ich werde), I (ich) und will (werde). Anschliessend folgte die Anagramm-Aufgabe. Resultat: In beiden Experimenten schnitten jene Probanden deutlich besser bei der Problemlösung ab, die sich die Frage stellten. Und im zweiten Experiment muss der Prozess völlig unbewusst abgelaufen sein.

In einem dritten Test wollte das Team wissen, ob die Frage statt der Anfeuerung wirklich die Motivation der Studienteilnehmer erhöhte. Wieder wurden sie mit den Worten und Kurzsätzen «vorbereitet» – und dann gefragt, wie viel Sport sie denn in der kommenden Woche treiben wollten. Mit einem standardisierten Test prüften die Forscherinnen schliesslich die Motivation. Resultat: Wer sich die Frage gestellt hatte, war deutlich höher motiviert, das Vorhaben zu verwirklichen. «Geht es um spezifische Aufgaben, ist diese Form der Motivation besser geeignet, um das Ziel zu erreichen», sagt Albarracin und sieht auch praktische Konsequenzen für die Psychotherapie: Es sei angeraten, Patienten zu einem Selbstgespräch mit entsprechenden Fragen zu motivieren. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 07.12.2010, 20:18 Uhr)

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