Ewiges Leben soll möglich sein
Von Susanna Petrin. Aktualisiert am 11.03.2010 15 Kommentare
Und wenn er dereinst stirbt, so lebt er vielleicht übermorgen ewig weiter. Patrick Burgermeister (40), studierter Ökonom und Molekularbiologe, verheiratet, zwei Kinder, will sich nach seinem Tod einfrieren lassen. In einem minus 196 Grad kalten Thermos-Tank mit flüssigem Stickstoff wird er lagern, bis es eine Medizin gegen sein Leiden gibt. Dann, so hofft er, kann er aufgetaut, reanimiert und für weitere Jahrhunderte prallen Lebens fit gemacht werden.
100 000 Franken kostet der Spass, für den Burgermeister sein Sparschwein füttert. Weltweit erst drei Firmen bieten diese Körperkonservierung namens Kryonik an. Ob es je funktioniert, jemanden wieder zum Leben zu erwecken, ist höchst ungewiss. «Aber was ist die Alternative?», fragt Burgermeister rhetorisch. Genau, für immer tot zu bleiben. Seine Einfrierung bezeichnet Burgermeister als «letzte Wette» gegen den Tod.
Ein alter Menschheitstraum
Aber vielleicht wird es gar nie so weit kommen müssen. Burgermeister hofft, dass der Mensch dem Tod bald schon ein Schnippchen schlagen kann – lange bevor dieser eintritt. Denn der Finanzanalyst bei einer Firma, die Life-Sciences-Projekte fördert, ist ein Transhumanist. Anhänger dieser Bewegung glauben, dass der naturwissenschaftliche Fortschritt in naher Zukunft nicht nur Krankheiten verhindern, sondern gleichzeitig auch den Alterungsprozess anhalten kann. Für immer jung, der alte Menschheitstraum – in den Augen der Transhumanisten ist er zum Greifen nah.
In einer schönen neuen Welt könnten rüstige 200-Jährige ihr Viertstudium anpacken, mit 300 Jahren Eltern werden, mit 400 fährt man in einen 20-jährigen Urlaub, um danach erfrischt Mandarin als Zehntsprache zu lernen. «More of the same – mehr vom Gleichen», nicht mehr, nicht weniger wünscht sich Burgermeister. Das Leben schmeckt, es dürfte in Anbetracht der unendlichen Möglichkeiten ruhig länger dauern.
Bei etwa 120 Jahren liegt heute die Alters-Oberstgrenze unserer Spezies. Der Tod lauert von Anfang an unseren Zellen auf; der Stoff, aus dem wir sind, reagiert empfindlich auf Sauerstoff und auf Glukose. Was wir zum Leben brauchen, Luft und Nahrung, das tötet uns gleichzeitig. 122 Jahre und fünf Monate alt wurde die Französin Jeanne Calment, auf mehr Lebenszeit hat es, zumindest urkundlich bestätigt, noch kein Mensch gebracht. Wie viel mehr darfs denn, kanns denn sein?
Wie Benjamin Button
Die ersten Menschen, die 1000 Jahre alt werden, seien schon geboren. Das behauptet die Leitfigur der Transhumanisten, der Altersforscher Aubrey de Grey, Leiter einer Stiftung für ebensolche Forschung. Um zur Verbreitung seiner Ideen beizutragen, hat Patrick Burgermeister sein Werk «Ending Aging» in einjähriger Arbeit auf Deutsch übersetzt, nächsten Monat kommt es heraus unter dem Titel: «Niemals alt! – So lässt sich das Altern umkehren. Fortschritte der Verjüngungsforschung».
De Grey macht darin sieben Schadenskategorien fest, die Schuld am allmählichen Verfall des menschlichen Körpers tragen sollen: Ablagerungen inner- und ausserhalb von Zellen, Erbgutveränderungen im Zellkern und den Mitochondrien, unerwünschte Proteinverbindungen sowie Zellverluste und umgekehrt die Vermehrung unerwünschter Zellen. Gegen diese sieben Todbringer gelte es anzugehen, sagt de Grey und hält in der Theorie für jede ein Gegenmittel parat.
Sein allem zugrunde liegender Ansatz: Der menschliche Körper muss regelmässig in den Service gebracht werden – wie ein Auto. Der Körper als biologische Maschine, die regelmässig gereinigt und gewartet werden muss. Bei jeder Generalüberholung, so stellt sich de Grey vor, würden zum Beispiel Immunzellen durch unser Gehirn geschickt, um Ablagerungen wegzuputzen, via Gentherapie eingeschleuste Bodenbakterien könnten unsere Zellen reinigen, und alte Stammzellen würden regelmässig gänzlich durch frische ersetzt. De Grey nennt sich einen Ingenieur. Ein Mechaniker, der anpackt – und nicht wie andere so lange über Ursachen sinniert, bis alle rundum tot sind. Das Altern sei nichts anderes als eine Krankheit wie jede andere auch. Eine besonders letale. 100'000 Menschen sterben weltweit täglich daran. De Grey hält nun Rezepte dagegen parat, und sie leuchten Burgermeister ein.
Ex–Lehrer ist anderer Meinung
Ausgerechnet sein einstiger Lehrer am Biozentrum in Basel, Gottfried Schatz, sieht das komplett anders: «Für jedes komplexe Problem gibt es eine einfache Lösung – und diese ist falsch», lautet ein Lieblingszitat von Schatz. Der mehrfach preisgekrönte Biochemiker lässt kein gutes Haar an den Visionen de Greys. Transhumanismus sei keine Wissenschaft, sondern Sciencefiction. Diese Ideen seien zum heutigen Zeitpunkt etwa so seriös wie das Propagieren solarbetriebener Raketen als Lösung aller Verkehrsprobleme. «Keiner meiner Kollegen nimmt es ernst.»
Eine der sieben Verjüngungsthesen de Greys betrifft Schatz' Spezialgebiet, die Mitochondrien, deren DNS er mitentdeckt hat. Wenn Schatz nun in «Niemals alt!» liest, dass man dieses Erbmaterial doch an einen geschützteren, weniger dem Sauerstoff ausgesetzten Platz im Körper transferieren solle, bleibt ihm die Luft weg: «Das ist nach heutigen Erkenntnissen schlicht undenkbar!» Und das sei ja erst eines der vorgeschlagenen Heilmittel gegen das Altern, die alle zusammen angewendet werden müssten. «Alle sieben sind jedoch Fantasmen, die den guten Ruf der Wissenschaft gefährden», sagt Schatz.
Dasselbe fürchten auch einige seiner Kollegen: «Leere Fantasien über Unsterblichkeit, kunstfertig verkleidet als Wissenschaft, bedrohen wahre, seriöse Forschung», warnen 28 Forscherinnen und Forscher in einer Publikation der European Molecular Biology Organization (Embo). Solchen Skeptikern wirft de Grey wiederum Engstirnigkeit und Dogmatismus vor. Auch das Apollo-Programm oder das humane Genom-Projekt seien, wie jedes grosse Unterfangen, nicht von Anfang an in jedem Detail komplett gewesen.
Wird es nicht langweilig?
Ob wir länger leben können, ist die eine Frage. Die andere lautet: Wollen wir das überhaupt? Macht denn nicht erst der Tod das Leben wertvoll? Und würden wir uns nach ein paar 100 Jahren nicht allmählich langweilen, so wie Fosca, der Held in Simone de Beauvoirs «Tous les hommes sont mortelles», der nach ein paar Jahrhunderten nur noch angeödet in einem Liegestuhl vor sich hindämmert? «Niemand kann 300 Jahre lang lieben», sagt Emilia, eine Figur in Karel Capeks «Die Sache Makropulos».
Ein erfüllteres Leben
Anders sieht es der Philosoph Sebastian Knell; er kommt im Buch «Länger leben?» zum Schluss, dass «unter gewissen Rahmenbedingungen eine signifikant verlängerte Lebensspanne eine gute Chance böte, ein erfüllteres Leben zu führen und in diesem Sinne die Qualität des Lebensganzen zu steigern».
Langeweile sei «ein Luxusproblem», das er erst mal gerne hätte, findet auch Burgermeister: «Wir reden uns vermeintliche Probleme ein, um uns über das bisher Unvermeidliche hinwegzutrösten.» Ihn ärgert, dass ein verlängertes Leben von «Todesakzeptierern», wie er andere schimpft, negativ betrachtet oder gar verteufelt werde.
Lieber tauscht Burgermeister sich mit Gleichgesinnten aus: etwa mit den fünf Kollegen des kleinen Schweizer Transhumanisten-Vereins, dessen Gründer er ist. Monatlich trifft sich die Gruppe zum Mittagessen in einer Salat-Bar in Basel und diskutiert über aktuelle Forschungsergebnisse oder Neuigkeiten aus dem «Langlebigkeits-Newsletter» eines Kaliforniers. Die jüngste frohe Botschaft für die Szene ist, dass Forscher nach Hefepilzen nun auch Mäuse länger leben lassen können – allerdings mittels eines Medikaments, das beim Menschen starke Nebenwirkungen erzeugt. Die Gruppe, bestehend aus Informatikern und Biotechnologen, ist zudem überzeugt, dass der Fortschritt sich selbst beschleunigt. Sobald ein grosser Durchbruch gelinge, sollten ihm die nächsten sogleich folgen. Von de Greys sieben Ansätzen sei man auf dem Feld der Bekämpfung extrazellulärer Ablagerungen am weitesten: Eine irische Firma steckt laut Burgermeister in der letzten klinischen Phase.
Hedonismus pur
Andere Zukunftsvisionen, wie sie vor allem aus Kalifornien kommen, lassen jedoch selbst Burgermeister erschauern. Da ist etwa die Rede von «Uploading», vom Weiterleben als Daten auf einer Festplatte. Und von Menschen, die mit intelligenten Maschinen verschmelzen, gemeinsam neue Netzwerke bilden. Oder von der Abschaffung negativer Gefühle und seelischer Schmerzen. Das ist Burgermeister dann doch etwas zu posthuman. Und er achtet zwar sehr auf seine Gesundheit, mag es aber mit der Selbstkasteiung nicht dermassen übertreiben wie andere seiner Zunft, die Grüntee nippend, dauerjoggend und hungernd in erster Linie «überleben, um später ewig zu leben».
Doch zu all dem stellt sich die moralische Frage: Sollen wir überhaupt ewig jung bleiben wollen? «Nein», sagt Gottfried Schatz, nicht, so lange es so viele dringendere Probleme zu lösen gebe – Armut, Kriege, fehlende Bildung in einem grossen Teil der Welt. Er hält die Idee vom 1000-jährigen Leben nicht nur für «irr», sondern obendrein für «dumm und obszön». Hedonismus pur. «Wer das anstrebt, setzt schlicht die Prioritäten falsch.» Unbehagen bereitet Schatz zudem die Vorstellung eines Planeten voller alter Knacker, die nur spärlich von jungen Menschen mit frischen Ideen abgelöst werden. Denn die Geburtenkontrolle müsste wohl streng geregelt werden.
Vertiefen, nicht verlängern
Der Graben zwischen Befürwortern und Gegnern des Transhumanismus vertieft sich zwar, der Ton wird zunehmend schärfer. In einem ganz wesentlichen Punkt allerdings treffen sich die Antagonisten: Sie fordern mehr Geld für die Altersforschung. In den USA werden pro Jahr 80 Milliarden Dollar in die Betreuung von Demenzkranken gesteckt, im Jahr 2050 könnte sich der Betrag auf eine Billion Dollar belaufen. «Das kann keine Gesellschaft mehr bezahlen», sagt Schatz, «die Altersforschung braucht einen höheren Stellenwert – die seriöse Altersforschung.»
Für den 73-Jährigen ist eines klar: Die Qualität des Lebens sollte stetig verbessert werden – für alle. Oder in den Worten des Philosophen Luciano de Crescenzo: «Viele studieren, wie man das Leben verlängern kann, dabei müsste man es doch vertiefen.»
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 11.03.2010, 10:34 Uhr
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15 Kommentare
Ich bin mehr den 82. Jährchen bin guter Gesundheit auch vital habe 1 erfolgreiches Leben hinter mir, und finde Leute die viel länger leben wollen haben in Ihrem Leben etwas verpasst nämlich Ihr Leben und deren Sinn zu begreifen. Jede Alterstufe habe ich genossen und damit auch abgeschlossen. Der Rest meines Lebens anvertraue ich der Vorsehung die auch die heutige Forschung nicht kennt. Antworten
Es ist fraglich, ob die Leute, die nach ihrem Tod eingefroren werden, sich wieder zum Leben erwecken lassen. Vermutlich müssten sie sich einfrieren lassen, so lange sie noch leben. Der Gedanke ist mir heute gekommen, als ich einem Frosch-Schutzwall entlang gefahren bin. Die Frösche fallen auch in die Winterstarre und "tauen" im Frühjahr wieder auf. Antworten









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