Wie ein lockeres Mundwerk krank machen kann
Von Martina Frei. Aktualisiert am 10.11.2009 1 Kommentar
Kann krank machen: Haftcrème für die dritten Zähne.
Bei einer 41-jährigen Frau begannen die Probleme mit einem losen Mundwerk. Dann wurden ihre Arme und Beine zunehmend schwächer und gefühlloser. Schliesslich war die Frau auf den Rollstuhl angewiesen. Auch ihre geistigen Leistungen liessen nach. Und sie wurde inkontinent.
Ein ebenfalls betroffener Mann beschrieb zunächst ein ungewohntes Kribbeln und Taubheitsgefühle in den Beinen. Als Nächstes befiel die Erkrankung zusätzlich seine Fingerspitzen. Ein halbes Jahr später konnte der 42-Jährige nicht mehr richtig laufen, und Gegenstände in den Händen zu halten, fiel ihm immer schwerer. Er spürte sie einfach nicht mehr.
Fehlendes Kupfer
Irgendetwas war mit den Nerven nicht in Ordnung, so viel stand fest. Ausserdem diagnostizierten die Ärzte bei dem Mann eine Blutarmut. Sie vermuteten, dass er ein Problem mit der Blutbildung habe, und schickten ihn an die Universitätsklinik in Dallas.
Dort sahen die Ärzte weitere Patienten mit ähnlichen Symptomen. Ein Detail fiel bei allen auf: Sie hatten zu wenig Kupfer und zu viel Zink im Blut. Kupfer ist ein lebenswichtiges Spurenelement. Fehlt es, werden weniger rote Blutkörperchen gebildet; sie gehen überdies schneller als sonst zugrunde. So kommt es zur Blutarmut. Auch bei der Bildung von Bindegewebe und für das Funktionieren von Hirn und Rückenmark spielt das Element eine wichtige Rolle.
Gute Haftung, teuer erkauft
Doch wie in aller Welt kamen diese Kranken zu einem Kupfermangel? Die insgesamt vier Patienten hatten weder eine Darmerkrankung, was die Aufnahme des Spurenelements behindern könnte, noch enthielt ihre Nahrung zu wenig Kupfer.
Vermutlich war ihr lockeres Mundwerk daran schuld, genauer gesagt der Wunsch, es zu befestigen. Alle vier benützten in rauhen Mengen Haftcrème für ihre dritten Zähne. Der 42-jährige Mann verbrauchte seit Jahren täglich eine Tube, um seine Zahnprothese zu befestigen (und verspeiste nebenbei gelegentlich ein Kügelchen der Crème).
Die 41-jährige Frau trug seit zwei Jahren ein künstliches Gebiss; sie benützte zwei Tuben Haftcrème pro Woche – eigentlich sollte diese Menge für mindestens zwei Monate ausreichen.
Schädliche Haftcrème
Die Haftcrèmes enthielten eine Kalzium-Zink-Verbindung, um das Gebiss am Gaumen festzukleben. Es war unvermeidlich, dass die Benutzer auch etwas von dem Zink schluckten.
Was die Erkrankten nicht wussten: Im Dünndarm konkurriert Kupfer mit Zink und Eisen um die Aufnahme in den Körper. Ist das Angebot von Zink oder Eisen riesig, hat Kupfer das Nachsehen. Überdies führt ein Zuviel an Zink zur verstärkten Ausscheidung von Kupfer.
So litten alle vier Prothesenträger an Kupfermangel. Als sie ihre dritten Zähne nicht mehr mit den Haftcrèmes befestigten, sanken prompt die Zinkwerte im Blut. Der Kupferspiegel liess sich mit entsprechenden Präparaten rasch anheben. Die Beschwerden der Patienten aber besserten sich leider nur wenig. Der Schaden war gesetzt.
Quellen: - Willis MS et al.Zinc-induced copper deficiency: A report of three cases initially recognized on bone marrow examination. «Am J Clin Pathol» 2005, Bd. 123, S. 125 - Nations SP et al. Denture cream: an unusual source of excess zinc, leading to hypocupremia and neurologic disease. «Neurology» 2008, Bd. 71, S. 639 - Lothar Thomas (Hrsg.): Labor und Diagnose. 5.Aufl. TH-Books Verlagsgesellschaft mbH, Frankfurt/Main 2000. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 10.11.2009, 14:48 Uhr
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Oft verlieren Raucher und Alkoholiker früher als andere ihre Zähne. Und der Mensch meint oft: mehr sei besser! Zusammen endet das fast schon tödlich. Aber davon leben wir wiederum, darum sowenig Information als möglich. Die Industrie lebt ja davon. Das nennt man Fortschritt. Wir schreiten fort vom normalen und guten Leben.
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