Zu frühe Stammzelltherapien bergen grosse Risiken

Noch sind Therapien mit Stammzellen nicht überprüft. In einigen Ländern werden sie jedoch bereits angeboten. Derzeit werden Regelungen diskutiert.

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Die Hoffnungen von Patienten in neuartige Therapien mit Stammzellen sind gross, doch die Risiken ebenfalls. Bisher sind so gut wie alle Stammzelltherapien – ausser Knochenmarkspenden für Blutkrankheiten – nicht wissenschaftlich abgesichert. Dennoch bieten Ärzte in einigen Ländern – etwa China, Russland oder Costa Rica – bereits ungeprüfte Therapien mit verschiedenen Stammzelltypen an.

Kürzlich ist erstmals ein tragischer Fall von schweren Nebenwirkungen nach einer ungeprüften Stammzelltherapie bekannt geworden. Vier Jahre nachdem ein israelischer Junge Stammzellen ins Gehirn und in die Wirbelsäule gespritzt bekommen hatte, wuchsen ihm Tumore.

Das Kind litt an einer seltenen Erbkrankheit, bei der langsam die Nervenzellen in den Gehirnregionen absterben, welche Sprache und Bewegung kontrollieren. In einer Moskauer Klinik transplantierten Mediziner dem Jungen 2001 sogenannte fötale Nervenstammzellen. Diese Stammzellen gewannen die Ärzte aus den Gehirnen von Föten, die aus Fehlgeburten oder Abtreibungen stammten. Einige der Krebsgeschwüre des Knaben hatten sich aus den fötalen Stammzellen entwickelt, fand ein Team aus israelischen und amerikanischen Forschern heraus («PLoS Med.», Bd. 6, S. e1000029).

Differenziertere Betrachtungsweise

Trotz dieses dramatischen Falls solle man den «Stammzellen-Tourismus» nicht verdammen, schreiben Olle Lindvall vom Universitätsspital im schwedischen Lund und Insoo Hyun von der Case-WesternReserve-Universität in Cleveland im Fachjournal «Science» (Bd. 324, S. 1664). Stattdessen sollten Ethiker und Forscher klar unterscheiden, wann eine nicht abgesicherte, neuartige Therapie den Patienten in die Irre führt und ihn einem Risiko aussetzt, und wann solche Therapien auch ausserhalb von klinischen Versuchen unheilbar Kranken angeboten werden könnten. Die beiden Autoren geben zu bedenken, dass in den letzten 40 Jahren nur 10 bis 20 Prozent aller heute etablierten Operationstechniken in dem gesicherten Prozess der klinischen Studien entwickelt wurden. Herztransplantationen wurden beispielsweise vollkommen ohne solche Studien an Schwerkranken durchgeführt.

Lindvall und Hyun warnen vor unseriösen Versprechungen etwa einer «magischen Heilung durch Stammzellen, für die es keine medizinische Erklärung gibt». Derartige Angebote müssten unter allen Umständen verdammt und Patienten davor geschützt werden. In naher Zukunft müssten jedoch Konditionen erarbeitet werden, unter welchen Umständen Patienten an «ungeprüften Stammzelltherapien ausserhalb von klinischen Versuchen teilnehmen könnten – etwa schwer kranke Menschen, die keine anderen Therapiemöglichkeiten und keine Zeit mehr haben, um auf geprüfte Behandlungen zu warten.

Unübersichtliche US-Regelung

In den USA arbeitet derzeit die oberste Gesundheitsbehörde NIH neue Richtlinien für die Forschung mit menschlichen embryonalen Stammzellen aus. US-Präsident Barack Obama hatte im März angekündigt, zukünftig entsprechende Forschungsprojekte mit staatlichen Geldern zu unterstützen. Die Regelung der Stammzellforschung in den USA war bisher kompliziert und unübersichtlich. Unter Präsident George W. Bush war zwar die Forschung mit den aus menschlichen Embryonen gewonnenen Zellen möglich. Aber nur Projekte mit Stammzellen, die vor einem bestimmten, willkürlich festgelegten Stichtag gewonnen worden waren, erhielten staatliche Gelder. Das soll sich ändern.

Doch der erste Entwurf der NIH-Richtlinien vermeide zum Beispiel die ethische Diskussion, ob auch das Klonen von Stammzellen zukünftig in den USA staatlich gefördert werden soll. Also wenn aus Eizellen und dem Erbgut von Körperzellen ein «Forschungsembryo» geschaffen und dann zerstört wird, um passende geklonte Stammzellen zu gewinnen. Das bemängeln die Ethiker Mary Majumder und Cynthia Cohen («Science», Bd. 324, S. 1648).

Diese Diskussionen haben in der Schweiz bereits stattgefunden. Das Klonen von menschlichen Embryonen und generell die Herstellung von Embryonen zu Forschungszwecken ist hierzulande verboten.

In den USA werden derzeit von der Food and Drug Administration (FDA) noch weitere ungeklärte Fragen diskutiert, die auch in der Schweiz relevant werden könnten. Schliesslich steigen jetzt die Firma Roche und andere Pharmafirmen in die Stammzellforschung ein. Noch betreiben sie zwar reine Grundlagenforschung (siehe Interview), doch das langfristige Ziel ist, neuartige Therapien zu entwickeln.

Die FDA ist die Behörde, welche die Sicherheit von klinischen Studien mit neuen Medikamenten oder Therapien überprüft. Sie muss zum Beispiel abwägen, wie sicher ein Versuch für Testpersonen ist, wenn diese Stammzellen transplantiert bekommen. Ein Problem ist, dass diese Zellen das Potenzial haben, sich selbst zu erneuern und – wie der Fall des israelischen Jungen gezeigt hat – Tumore zu bilden. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 01.07.2009, 09:03 Uhr)

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