Zürcher Forscher erhalten Okay für Versuch an Rhesusaffen

Neurowissenschaftler planen mit drei Primaten Versuche zur Erforschung des Gehirns. Nun haben sie die Bewilligung – fast. Denn es regt sich Widerstand.

Bald in wissenschaftlichen Versuchen eingesetzt? Affe in einem Labor.

Bald in wissenschaftlichen Versuchen eingesetzt? Affe in einem Labor. Bild: Giorgia Müller

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Seit sechs Jahren werden am Institut für Neuroinformatik der Universität und ETH Zürich keine Tierversuche mit Primaten mehr durchgeführt. Dies kann sich nun ändern, da der Regierungsrat den Rekurs von drei Mitgliedern der elfköpfigen Tierversuchskommission des Kantons Zürich jetzt abgelehnt hat. Zuvor hat das kantonale Veterinäramt auf Antrag der Tierversuchskommission das Gesuch für die tierexerimperimentelle Studie bewilligt.

Der Neurowissenschaftler Valerio Mante plant mit drei Rhesusaffen Versuche zur Erforschung von Gehirnprozessen zu machen. Für die Experimente wird den Tieren ein kleines Elektrodenarray ins Gehirn implantiert. Die Versuchstiere werden gemäss dem Forscher schrittweise trainiert, so dass sie sich freiwillig in einen so genannten Primatenstuhl setzen würden. Für die zu lösenden Aufgaben sitzen die Rhesusaffen vor einem Bildschirm und müssen auf relevante Reize reagieren und Irrelevantes ignorieren.

Erforschung von Schizophrenie

Ziel der Forschung ist es, die Ursache kognitiver Störungen wie etwa bei Schizophrenie zu erforschen. Wie die Universität Zürich mitteilt, versprechen sich die Wissenschaftler dadurch wegweisende Ansätze für die künftige Behandlung von psychischen Erkrankungen. Für diese spezielle Fragestellung gebe es leider keine Alternativen, sagt Christoph Hock, Prorektor der Unversität Zürich. Es sei sehr wichtig, diese Art von Versuchen durchzuführen.

Umfrage

Wie stehen Sie zu Tierversuchen?

Das dient der Forschung und ist okay

 
15.1%

Sind nur in Ausnahmen zu bewilligen

 
14.5%

Sollten komplett verboten werden

 
70.3%

3500 Stimmen


Ob die Versuche tatsächlich durchgeführt werden, ist aber dennoch ungewiss. «Für uns wird die Würde des Tiers bei den Versuchen missachtet», sagt Vanessa Gerritsen von der Stiftung für das Tier im Recht und Tierschutzvertreterin in der Tierversuchskommission des Kantons Zürich. Es sei ein massiver Rückschritt, da seit 2008 die Würde des Tiers im revidierten Tierschutzgesetz explizit berücksichtigt werden muss und auch das Bundesgericht 2009 eine wegweisende Entscheidung in diese Richtung gefällt habe. Zudem sehe sie in naher Zukunft keine konkrete Anwendung für Patienten, wie es etwa bei den zuletzt im Jahr 2007 genehmigten Versuch des Neuroprothesen-Forschers Hansjörg Scherberger gegeben habe. «Aus unserer Sicht ist die Entscheidung des Regierungsrats gesetzeswidrig und stossend. Deshalb werden wir jetzt weiter an das Verwaltungsgericht gehen», sagt die Juristin. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 10.12.2015, 10:38 Uhr)

Jahrelanger Streit

November 2006

Die Tierversuchskommission des Kantons Zürich stoppt im November 2006 zwei umstrittene Versuche mit Rhesusaffen. Die Forscher Daniel Kiper und Kevan Martin dürfen unabhängig voneinander ihre geplanten Experimente nicht weiterführen. Kiper hat mithilfe von visuellen Lernaufgaben festellen wollen, wie sich das Hirn etwa nach einer Schädigung reorganisiert (Versuch mit insgesamt 4 Primaten, vom Veterinäramt als Schweregrad 2 eingestuft). Martin hat Versuche mit Rhesusaffen durchgeführt, um die unbekannte anatomische Struktur verschiedener Hirnareale zu entschlüsseln (12 Tiere, Schweregrad 1 oder 2). Begründung der beiden Rekurse: Es handelt sich um Grundlagenforschung, eine Anwendung ist nicht garantiert, weshalb die Belastungen für das Tier nicht gerechtfertigt seien. Durch die Versuche sei die Würde der Tiere verletzt.

April 2007

Der Neurobiologe Hansjörg Scherberger erhält als einziger in Zürich noch eine Erlaubnis für ähnliche wie bei Kiper ablaufende, neurowissenschaftliche Versuche mit Rhesusaffen. Er untersuchte die neuronalen Signale im Hirn, die Greifbewegungen steuern (maximal 8 Primaten, Schweregrad 2). Der Spezialist für Neuroprothesen geht 2009 jedoch ans Deutsche Primatenzentrum nach Göttingen. Damals sagte er, dass die Situation für ihn in Zürich zu unsicher gewesen sei.

November 2009

Das Bundesgericht hat Ende 2009 ein Verbot für die Weiterführung der Versuche von Kiper und Martin bestätigt. Scherberger ist noch vor diesem Beschluss nach Deutschland gegangen und hat seine Versuchstiere mitgenommen. Ein Tier musste eingeschläfert werden.

April 2014

Der Neurowissenschaftler Valerio Mante reicht sein Gesuch bei der Tierversuchskommission ein. Er möchte den Präfrontalen Cortex im Gehirn besser verstehen, der für Entscheidungsprozesse wichtig ist. Zum Beispiel, wie es uns gelingt, Reize kontextbezogen einzuordnen und Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden. Bei psychisch Kranken sind diese Prozesse oft gestört. Den Versuchstieren wird ein kleines Elektrodenarray ins Gehirn implantiert. Während der Experimente sitzen sie in einem Primatenstuhl und können den Kopf nicht bewegen. Geplanter Versuch mit 3 Primaten, Schweregrad 3.

Juli 2014

Veterinäramt bewilligt den Versuch.

August 2014

Einsprache durch drei Mitglieder der Tierversuchskommission.

Dezember 2015

Der Regierungsrat hat den Rekurs abgewiesen und das Gesuch bestätigt.

Artikel zum Thema

Besser hier als in China

Kommentar Die Entscheidung des Regierungsrats für Affenversuche an der Universität Zürich wird sicherlich angefochten. Obwohl der Entscheid auch aus tierschützerischer Sicht positive Aspekte hat. Mehr...

Besuch bei Jo und Lue

In Zürich finden seit 2009 keine Primatenversuche mehr statt. Nun gibt es wieder ein Gesuch. Mehr...

«Das Hirn spürt keinen Schmerz»

Der Neurowissenschaftler Valerio Mante sagt, dass die Affen freiwillig mitmachen. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Werbung

Werbung

Kommentare

Weiterbildung

Trainieren oder verlieren

Mit Gedächtnistrainings die Lernfähigkeit verbessern.

Die Welt in Bildern

Für die Bösen: Die Grenadiers fribourgeois schiessen eine Ehrensalve am Eidgenössischen Schwing- und Älplerfest in Estavayer-le-Lac. (26. August 2016)
(Bild: Jean-Christophe Bott) Mehr...