«Dann schreien die Medien gleich auf: Wie kann er nur!»

Sprachforscherin Elisabeth Wehling untersucht, wie Politiker mit Begriffen Wähler manipulieren. Sie sagt, wie rechtspopulistische Sprache funktioniert – und wie wir damit umgehen.

«Angela Merkels ‹Wir schaffen das!› war eher unglücklich gewählt»: Elisabeth Wehling vermisst eine demokratische Vielfalt in der Sprache. Foto: Volker Hartmann (Funke Foto-Services)

«Angela Merkels ‹Wir schaffen das!› war eher unglücklich gewählt»: Elisabeth Wehling vermisst eine demokratische Vielfalt in der Sprache. Foto: Volker Hartmann (Funke Foto-Services)

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Hallo, ich rufe an als Vertreter der Fake-News-Branche.
Sagen Sie das nicht!

Warum?
Sie haben schon verloren, wenn Sie sich auf diese Debatte einlassen. Es ist ein Erfolg der rechtspopulistischen Seite, wenn die Medien den Begriff ­Fake-News ständig wiederholen und sich auf die Debatte einlassen, wie vertrauenswürdig und verlässlich sie sind. Damit haben sie sich in den gedanklichen Angriff der Gegenseite eingekauft und propagieren diesen Frame selber. Dasselbe gilt übrigens auch für die Debatte um die «Lügenpresse» im deutschsprachigen Raum.

Ein Frame steht für all das, was ­unterschwellig mitschwingt, wenn wir einen Begriff gebrauchen?
So kann man es sagen, ja. Wann immer Sie ein Wort benutzen oder hören, aktiviert Ihr Kopf einen sogenannten Frame. Das ist der Rahmen, der Ihre Welterfahrung und Ihr Weltwissen strukturiert. Wenn Sie zum Beispiel «Maus» hören, aktiviert ihr Kopf die Vorstellung einer schnellen Bewegung, oft auch den Gegensatz Katz und Maus, die ungefähre Grösse, die visuelle Erinnerung, wie eine Maus aussieht. Anders können Sie ein Wort nicht begreifen. Interessant ist nun, dass Sie, wenn Sie anschliessend die Geschwindigkeit eines Objekts einordnen sollen, es als schnell einschätzen – denn Mäuse bewegen sich schnell. Das ist Teil des Wissens im Frame, der aktiviert wurde. Selbst Wörter, von denen Sie denken, dass sie ganz objektiv sind, bringen einen Strauss von Assoziationen mit sich.

Wer eine Phobie vor Mäusen hat, wird sich schon ekeln, wenn er das Wort hört?
Genau. Auch Emotionen können Sie sehr gut über Sprache aktivieren. Vom Rechtspopulismus hören wir heute oft von Unreinem, Krankheiten, Parasiten – solche Begriffe bewirken als Reaktion im Hirn unverzüglich Angst und Abwehr. Viele Leute gehen dann automatisch nach rechts, hin zu konservativen, autoritären Weltbildern.

Der Rechtspopulismus stellt nicht nur die unabhängigen Medien infrage, sondern auch die unabhängigen Gerichte. Dasselbe Framing?
Der Angriff auf die Gerichte ist etwas Eigenes. Aber die Wirkung ist dieselbe: Wenn Donald Trump von «sogenannten Richtern» spricht, schreien die etablierten und sozialen Medien gleich auf: Wie kann er nur! Dann wird das Thema breitgetreten und diskutiert. Damit schafft man in den Köpfen der unentschiedenen Mitte erst die Möglichkeit, dass es so etwas wie einen «sogenannten Richter» gibt. Dem fällt gegenwärtig ein grosser Teil der Öffentlichkeit zum Opfer, inklusive der Demokraten.

Was tun, um dieser Mausefalle zu entgehen?
Man muss einen eigenen Frame setzen – gegen die «Lügenpresse» etwa: Schützen wir die Wahrheit! Mit der Negierung eines Frames kann man hingegen nichts gewinnen, im Gegenteil: Man bestätigt ihn. Die Medien sind mit daran schuld, dass wir heute eine so grosse Debatte über sie führen.

Unsere Sprache beruhe nur zu 2 Prozent auf ­rationalen Fakten und Einsichten, schreiben Sie. 98 Prozent seien Gefühle, Vorurteile, Mythen, Gerüchte, Bewegungen, die unbewusst mitschwingen. Wie konnte man das messen?
Das ist eine aktuelle Schätzung, die auf Metaanalysen der psychologischen und neurokognitiven Verhaltensforschung beruht.

Klingt geheimnisvoll. Und konkret?
Wenn wir beispielsweise sagen, jemand sei verbittert oder habe eine süsse Art, dann nutzen wir metaphorisch Geschmack , um über die Freundlichkeit eines Mitmenschen nachzudenken und zu sprechen. Es lässt sich mittels Gehirnscan nachweisen, dass solche Begriffe die entsprechenden Schaltkreise im Geschmackszentrum aktivieren, also jene, die für tatsächliches Schmecken zuständig sind.

Das heisst, es geht eigentlich nie nur um die Sache?
Es geht nie nur um Fakten. In einer Debatte über Umweltverschmutzung, Arbeitslosigkeit oder Einwanderung können wir kein Faktum verstehen, auch kein vermeintlich objektives, ohne dass unser Gehirn einen Frame rekuriert. Das macht das Framing in politischen Debatten so unglaublich wichtig. Die Frage, welcher Frame aktiviert wird, wird über Begriffe und Sätze entschieden.

Nehmen wir ein aktuelles Bespiel: die Zuwanderung.
Diese Debatte wird nahezu nie über die Zahl der Zuwanderer geführt, gestritten wird meist über dieselbe Faktenlage mit ideologisch geprägten Begriffen. Da werden dann Bilder verwendet wie Flüchtlingsströme, Migrationswellen, die automatisch Abwehr und Dämme aktivieren – kaum jemand spricht von Schutz oder Chancen. Wir haben da einen absoluten Mangel an demokratischer Vielfalt. Dasselbe gilt für die Steuerdebatte unter dem Frame Steuerlast.

Die Schweiz führt die Migrationsdebatte unter dem von einer Initiative gesetzten Begriff der «Masseneinwanderung». Ist die Haltung dazu durch den Frame vorentschieden?
Zumindest ist er stark beeinflusst durch den Frame. Eine Masse hat nichts Individuelles, sie ist etwas Grosses, Gesichtsloses, Gefährliches – wir sind da emotional wieder bei den Wassermassen und Flutströmen. Das vernetzt sich zu einer wahrgenommen Bedrohung. Die Ideologie dahinter ist, dass die nationalen Ressourcen nicht geteilt werden sollen mit Menschen, die Schutz oder Chancen suchen. Das kann man niemandem an und für sich vorwerfen, über Ideologie lässt sich nicht streiten und hier formulieren einige Leute sehr deutlich, was sie denken. Aber wem wichtiger ist, Menschen Schutz zu geben vor Schaden, Empathie für ihre Lage zu zeigen, sie zu integrieren – der muss starke eigene Bilder schaffen. Sonst führen wir keine transparente Debatte.

Angela Merkel versuchte dies mit ihrem «Wir schaffen das!» – es bekam ihr politisch schlecht.
Angela Merkels Satz war eher unglücklich gewählt. Sie hatte zwar eine Entscheidung getroffen, die auf Schutz, Solidarität und Empathie beruhte. Sie hat aber diesen politischen Moment sprachlich wenig gut umgesetzt: Etwas zu schaffen, heisst nicht etwas zu wollen oder sich mit einem politischen Beschluss zu identifizieren. Es heisst nicht, die Werte der Empathie hoch zu halten, zu sagen: Das macht uns als Menschen moralisch aus. Das wäre gut gewesen, um die besondere Herausforderung in diesem Moment zu bestehen.

Die Botschaft der Empathie hat es schwerer als die Hassbotschaft. In Europa und in den USA sehen sich viele angesichts von Globalisierung und digitaler Revolution als Verlierer. Ist das Ressentiment hier deshalb gegenwärtig ­populärer als das Wohlwollen?
Die Hassbotschaft ist stark von Ideologie getrieben. In den USA etwa denkt ein knappes Drittel in einem strengen Weltbild: autoritäre Werte im Kampf von Gut gegen Böse, Fürsorge nur für die eigene Gruppe, Selbstdisziplin durch Belohnung und Bestrafung, natürliche Selektion durch die Marktwirtschaft. Dieses Drittel konnte Trumps Wahlstrategie mit dem richtigen Set von Werten und Emotionen abholen.

Nutzte er dazu Erkenntnisse aus der Hirnforschung?
Wir wissen aus der Gehirnforschung, dass Menschen tendenziell weniger Empathie gegenüber solchen Menschen empfinden, die ihnen selbst nicht ähnlich sind, etwa eine andere Hautfarbe haben. Trump bediente das. Und, es ging um die Wechselwähler in der Mitte, rund 25 Prozent, die ideologisch flexibel sind. Sie lassen sich von den Frames beider Seiten ansprechen – Trump hat über seine Sprache seine strengen, autoritären Werte besser verdeutlicht als Hillary Clinton ihre fürsorglichen, progressiven. So fanden viele Wechselwähler bei ihr keinen Punkt zum Andocken.

Wenn man Sprache so bewusst und empathisch wählt, macht man sich aber der Political ­Correctness verdächtig – deren Ablehnung eine Ursache von Trumps Wahlerfolg gewesen zu sein scheint. Seine Wähler hielten ihm zugute, dass er aussprach, was andere nur dachten.
Ja, aber einen strengen, autoritären Blick auf die Welt zu formulieren ist nicht wünschenswert per se. Trumps Sprache beruht darauf, dass man Menschen aufgrund ihrer Merkmale sortiert und auch abwertet, weil man davon ausgeht, manche Menschen seien besser als andere. Das nennt sich Soziale Dominanz, gehört zur strengen Ideologie und kann gleichermassen Frauen, Behinderte, Homosexuelle, Mexikaner oder Arme betreffen. Auf das Spiel, dass das Propagieren dieser Weltsicht ein ’jeder denkt doch so’ darstellt, darf man sich nicht einlassen.

Was empfehlen Sie, um bewusst mit Sprache umzugehen?
Das aussprechen, was man denkt. Trumps Framing von Kampf und Ausschluss ein empathisches Framing entgegensetzen – das macht den fürsorglichen, progressiven Menschen aus.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.03.2017, 10:25 Uhr

Elisabeth Wehling

Linguistin, Soziologin, Buchautorin

Elisabeth Wehling (35) forscht am International Computer Science Institute der kalifornischen Universität Berkeley. Im vergangenen Jahr publizierte die Hamburger Sprachforscherin das viel beachtete Sachbuch «Politisches Framing. Wie eine Nation sich ihr Denken einredet».(rs)

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