Kämpferin für Gerechtigkeit in der Medizin

Samia Hurst verteidigt das ­Solidaritätsprinzip in der Medizin. Niemand, sagt sie, trage Schuld am eigenen Leiden – auch nicht ­Raucher oder Übergewichtige.

«Fragen wir nach dem Warum, finden wir fast immer eine Lösung», sagt Samia Hurst. Foto: Olivier Vogelsang

«Fragen wir nach dem Warum, finden wir fast immer eine Lösung», sagt Samia Hurst. Foto: Olivier Vogelsang

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Sie war eine junge Assistenzärztin am Anfang ihrer Ausbildung, fest entschlossen, Onkologin zu werden, als Samia Hurst sich mit ihrem Chef anlegte. Es ging um einen schwer kranken Patienten, der dringend eine lebenserhaltende Operation brauchte. Er lehnte diese aber ab. «Der Chefarzt wollte trotzdem operieren, weil sonst, wie er argumentierte, der Mann ja sterben würde», erzählt Samia Hurst. «Ich jedoch fand es falsch, den Willen des Patienten nicht zu respektieren.»

Dass eine junge Frau vom anderen Ende der Hierarchie so dezidiert ihre Meinung vertrat, überraschte den Chef. Es gab ein Hin und Her und Gespräche mit dem Patienten, worauf dieser der Operation dann doch zustimmte. Alle ­waren zufrieden. Zu der beherzten Assistenzärztin gewandt, meinte der Chefarzt: «Und Sie sollten nicht Onkologie machen, sondern sich auf Bioethik spezialisieren.»

Ihre Meinung hat Gewicht

Der Ratschlag war wegweisend: 20 Jahre später ist Samia Hurst in der Schweiz eine viel beachtete Bioethikerin. Nach dem Erwerb eines Facharzttitels in Innerer Medizin hat sie sich in den USA das bioethische Rüstzeug geholt, am Departement für Bioethik der National Institutes of Health in Bethesda. Die Stimme der 44-jährigen Genferin mit englischen Wurzeln hat hierzulande Gewicht. Etwa bei der Diskussion um die Präimplantationsdiagnostik (PID), die seit der Abstimmung vom 5. Juni nun auch in der Schweiz erlaubt ist.

Hurst hat das Verfahren, welches die genetische Untersuchung künstlich befruchteter Embryos ermöglicht, befürwortet und mit klugen Argumenten verteidigt. «Das PID-Verbot weiterhin beizubehalten, würde bedeuten, das Leben betroffener Eltern unnötig schwer zu machen, ohne dabei jemanden wirklich zu schützen», schrieb sie in «Le Temps». Und während des Gesprächs sagt sie: «Es war höchste Zeit, die PID endlich zuzulassen und gesetzlich zu regeln.» Hurst hat keine leiblichen Kinder, ist aber engagierte Stiefmutter von vier Kindern, die ihr Mann in die Ehe gebracht hat.

Medizin ist keine moralische Instanz

Unser Treffen findet im Institut Ethique Histoire Humanités der Universität Genf statt. Dessen Leitung hat Samia Hurst 2015 übernommen. Das winzige Institut ist in einiger Distanz zur medizinischen Fakultät an einer verschlafenen Allee untergebracht, umgeben von medizinischen Praxen, Privatwohnungen, einem Antiquitätenladen und einem Import-Export-Geschäft – für Ortsunkundige nicht leicht zu finden. Zudem ist der 8. September in Genf ein Feiertag («Jeûne genevois»), an dem Réceptions unbesetzt bleiben und viele Einheimische aus der Stadt fliehen, vor allem, wenn die Temperatur wie an diesem Nachmittag auf 36 Grad klettert.

Samia Hurst jedoch bleibt auch bei grosser Hitze glasklar. Was beschäftigt sie im Moment am meisten? «Fragen der Verteilgerechtigkeit, ja überhaupt der Gerechtigkeit im Gesundheitswesen», antwortet sie, ohne zu zögern. Sie beobachte nämlich zunehmend die Tendenz, dass Menschen für ihre Leiden verantwortlich gemacht würden, dass Krankheit als persönliches Versagen angesehen werde. Die Raucherin hat «Schuld» an ihrem Lungenkrebs, der Fettleibige an seinem Diabetes II, Eltern haben «Schuld» am Erbleiden ihres Kindes, dessen Geburt sie nicht verhindert haben. Und als ob solche Schicksale nicht schon schlimm genug wären, sollen die Betroffenen für ihr «Versagen» auch noch bezahlen. Nach dieser Logik sollen ihnen die Kosten für die Behandlung aufgebürdet oder medizinische Leistungen verwehrt werden. Warum ist das falsch und unethisch?

Dazu erzählt Samia Hurst eine persönliche Anek­dote: «Ich war an einem Kongress, zu dessen Abschluss wir gruppenweise eine Alpwanderung unternahmen», sagt sie, «und eine Teilnehmerin aus unserer Gruppe war wider besseres Wissen mit völlig ungeeigneten Schuhen unterwegs.» Es passierte das Vorhersehbare: Auf dem Gipfel rutschte die Kollegin aus und verstauchte sich bös den Knöchel. Die anderen halfen ihr, so gut es ging, den Berg hinunter. Ein Handy hatte niemand dabei, die Gruppe verlor viel Zeit, es begann einzudunkeln. Inzwischen waren vom Dorf, in dem sich alle treffen sollten, ein paar Freiwillige losgezogen, um nach den Vermissten zu suchen.

«Als sie uns fanden und der Anführer des Suchtrupps sah, was für Schuhe unsere Kollegin an den Füssen hatte, beschimpfte er sie», erzählt Samia Hurst. «Aber er hätte keinen Gedanken daran verschwendet, ihr deswegen nicht zu helfen.» Die Verletzte wurde medizinisch versorgt, auf die Trage gehoben und weggetragen. Die Moral der Geschichte: «Die Medizin ist keine moralische Instanz, ihre Logik ist eine andere als die der Strafe», sagt Samia Hurst. Und: «Es ist sehr gefährlich, Gesundheitspolitik mit den Prinzipien der Strafe zu verknüpfen. Das müssen wir verhindern.»

Hilfe bei konkreten Problemen im Spital

Für die Professorin gehört es zu den Grundfesten ihres Fachs: Medizin muss für alle zugänglich sein, basierend auf dem Prinzip der Solidarität. Das hört sich banal an – ist es aber nicht. Warum? «Stellen Sie sich ein schwieriges Feld wie die Alzheimerforschung vor», sagt Samia Hurst. «Für neue Medikamente braucht es klinische Studien, und dazu müssen Sie Teilnehmer einbinden, die vielleicht nicht mehr entscheidungsfähig sind.» Ein ähnliches Problem stellt sich auch bei der Forschung mit Kindern, die ebenfalls «vulnerabel», also in besonders hohem Masse verletzbar sind.

Kinder oder Alzheimerpatienten von der ­Forschung auszuschliessen, wäre aber falsch – weil man ihnen so den Zugang zu neuen, möglicherweise wirksamen Therapien vorenthalten würde. Es brauche deshalb zusätzliche Anstrengungen, um solche Studienteilnehmer zu schützen, sagt Samia Hurst, vor potenziellen Missbräuchen, aber auch, um ihnen den gleichberechtigten Zugang zur Medizin zu ­sichern. Kann eine Person nicht (mehr) für sich entscheiden, braucht sie einen Stellvertreter – in der Regel jemanden von der Familie. Aber auch das kann problematisch sein. Dann etwa, wenn Eltern ihr Kind nur deshalb in eine Studie einschliessen, um damit einem Geschwister zu helfen.

Hier kommt die Bioethik ins Spiel: Sie hilft, wie Samia Hurst erläutert, grundsätzlich das Niveau von Diskussionen wie derjenigen über die PID zu verbessern und die Klarheit der Argumente zu erhöhen. Sie hilft aber auch in ganz konkreten Zwickmühlen: Nicht selten wird Hurst oder jemand aus ihrem Team ins Universitätsspital gerufen, um bei scheinbar ausweglosen Situationen zu beraten, was zu tun sei. «Fragen wir nach dem Warum, finden wir fast immer eine Lösung», sagt Hurst: «Warum entscheidet man sich für eine Therapie? Warum setzt man eine bestimmte Technik ein? Warum kann eine Behandlung den Punkt des Nützlichen überschreiten?» Die Medizin sei schliesslich da, um den Rest des Lebens zu ermöglichen. Nicht um ihm zum Hindernis zu werden. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.09.2016, 14:35 Uhr

Artikel zum Thema

Fettleibige Frau im TV aufgeschnitten

Die BBC zeigt die Auswirkungen von starkem Übergewicht in einer Dokumentation. Kritik und Vorwürfe folgen prompt. Mehr...

Wer mehr wiegt, zahlt mehr

Analyse Im Interesse von uns allen ist es höchste Zeit für eine Politik, die vom Dickwerden abhält. Mehr...

Lifestyle-Daten für das Gemeinwohl

ETH-Professor Ernst Hafen stört es, dass Grosskonzerne medizinische Patientendaten vermarkten. Sein Gegenprojekt: eine Plattform, auf der sich Patienten und Forscher vernetzen. Den Anfang machen Übergewichtige. Mehr...

Dossiers

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

Digital Abos

Tages-Anzeiger unbeschränkt lesen:
Im 1. Monat nur CHF 1.-

Kommentare

Blogs

Mamablog So können Sie das Baby im Auto parkieren

Sweet Home 10 Schlafzimmerideen zum Selbermachen

Abo

Digital Abos

Tages-Anzeiger unbeschränkt lesen:
Im 1. Monat nur CHF 1.-

Die Welt in Bildern

Abgefeuert: Eine SpaceX-Rakete startet vom Kennedy Space Center in Florida, um Vorräte zur Raumstation ISS zu bringen. (19. Februar 2017)
(Bild: Joe Skipper) Mehr...