Sind Deos wirklich krebserregend?

Neue Laborversuche mit Aluminiumsalzen erhärten den Verdacht, dass die schweisshemmenden Substanzen Krebs begünstigen könnten. Der Bund reagiert zurückhaltend.

Im Kampf gegen Schweissflecken setzt die Industrie auf Aluminiumsalze in hohen Konzentrationen. Foto: Paul Catalin Pop (Alamy)

Im Kampf gegen Schweissflecken setzt die Industrie auf Aluminiumsalze in hohen Konzentrationen. Foto: Paul Catalin Pop (Alamy)

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Bewiesen ist nichts, definitiv schon gar nicht. Doch der Verdacht erhärtet sich: Aluminiumsalze, wie sie häufig in Deos verwendet werden, könnten Brustkrebs begünstigen. Zu diesem Schluss kommen Forscher um Stefano Mandriota von der Universität Genf in einer aktuellen Studie. In Versuchen mit Milch­drüsen­zellen von Mäusen konnten sie zeigen, dass Aluminiumsalze die Ent­stehung von Krebs und Metastasen fördern. Dabei arbeiteten die Forscher mit Substanzmengen, wie sie frühere Messungen in der menschlichen Brust nachgewiesen haben.

Die Studie im Fachblatt «International Journal of Cancer» erhärte frühere Befunde von 2012 derselben Autoren mit menschlichen Zellkulturen, sagt Mandriota. Auch wenn es noch weitere Studien brauche: «Wir wissen jetzt genug, um zu sagen, dass Aluminiumsalze toxisch sind», so der Krebsforscher. Durch die Nähe zur Achselhöhle sei das Brustgewebe dabei besonders exponiert.

Die Resultate aus Genf werden die Diskussionen um mögliche Risiken der Zusatzstoffe von Deos neu anheizen. Die Aluminiumsalze, die als Schweisshemmer beigesetzt sind, stehen seit einigen Jahren unter Verdacht. Einzelne Studien haben nahegelegt, dass die Substanzen an der Entstehung von Alzheimer sowie Brustkrebs beteiligt sein könnten. Vor ein paar Monaten debattierte sogar der Nationalrat darüber.

Kein Deo nach dem Raiseren

Das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) hält jedoch an seiner bisherigen Einschätzung fest. Es gebe keine Hinweise darauf, dass «die Verwendung von Aluminium enthaltenden Kosmetik- und Hautpflegeprodukten das Risiko von Brustkrebs oder anderen Krankheiten wie Alzheimer erhöht». Dabei stützt sich das Amt auf eine Bewertung des wissen­schaft­lichen Ausschusses für Ver­braucher­sicher­heit der EU von 2014. Man könne noch nicht definitiv Stellung nehmen, schreibt das BLV auf Anfrage. Doch die Resultate aus dem Tierversuch würden es nicht erlauben, «das effektive Risiko im Rahmen des normalen Gebrauchs von Deodorants zu bestimmen».

Das BLV empfiehlt weiterhin, Deos mit Aluminium nicht auf gereizter oder verletzter Haut, zum Beispiel nach dem Rasieren, zu verwenden. Das gleiche Vorgehen schlägt auch das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung (BFR) vor, um die Aufnahme von Aluminiumsalzen zu reduzieren. Die aktuellen Resultate aus Genf analysiert das BFR zurzeit noch.

Dass die Studie einen Einfluss auf künftige Bewertungen haben wird, ist aus einem einfachen Grund wahrscheinlich: Es gibt zum Thema nur sehr wenige Untersuchungen mit teilweise widersprüchlichen Ergebnissen. Beispielsweise fand eine epidemiologische Studie eine Korrelation zwischen Deo-Gebrauch und Brustkrebs, zwei Studien hingegen keine.

Aluminium findet sich auch in Lippenstiften, Zahnpasten oder Sonnencremes. Und in Lebensmittelzusätzen.

Krebsforscher Mandriota hofft, dass die Ämter nun Konsequenzen aus seiner Studie ziehen: «Es wäre klug, die Verwendung von Aluminiumsalzen stärker zu beschränken», sagt er. Dafür seien seine Tierversuche genügend aussagekräftig: «Mäuse sind die wichtigsten Modellorganismen.» Die Krebswirkung von Substanzen lasse sich nun mal nicht direkt am Menschen untersuchen.

Deos sind für den Menschen bei weitem nicht die einzige Quelle von Aluminium. Der Stoff findet sich auch in Kosmetika wie Lippenstift und Lidschatten sowie Zahnpasten oder Sonnencremes. Zudem werden einige Aluminiumverbindungen als Lebensmittelzusatzstoffe verwendet. Und grundsätzlich ist Aluminium als häufiges Element auf der Erde auch in vielen pflanzlichen Lebens­mitteln und in Trinkwasser natürlicherweise enthalten. Allerdings wird nur ­wenig davon über den Verdauungstrakt aufgenommen (unter einem Prozent).

Welcher Anteil des Aluminiums, das im menschlichen Körper nachgewiesen werden kann, aus Deos und ähnlichen Produkten stammt, ist unklar. Das BFR geht davon aus, dass bei einem Teil der Bevölkerung die wöchentlich tolerierbare Aufnahmemenge bereits mit der Ernährung ausgeschöpft ist. Gemäss Schätzungen des Instituts überschreitet auch die tägliche Verwendung von Kosmetika mit Aluminiumsalzen diese Aufnahmemenge.

Wie viel der Aluminiumsalze in Deos die Haut tatsächlich durchqueren, ist ebenfalls schlecht untersucht. Gemäss Mandriota aus Genf haben Experimente mit radioaktiv markiertem Aluminium gezeigt, dass es die Haut durchquert und sich sogar im Urin der Probanden nachweisen lässt. «Das Hauptproblem ist, dass die schweisshemmenden Substanzen in Deos in sehr hohen Konzentrationen vorhanden sind», sagt Mandriota. Die tägliche Anwendung führe dadurch zu einer starken Exposition. «Es ist wichtig, dass die Leute darüber Bescheid wissen und wählen können.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.09.2016, 20:23 Uhr

Alternativen zu Aluminium

Hemmend und antibakteriell

Die Aluminiumsalze in den Deodorants hemmen die Schweissentwicklung. Korrekt handelt es sich bei diesen Produkten auch nicht um Deos, sondern um Antitranspirantien. Laut dem Bundesamt für Lebensmittel und Verbraucherschutz (BLV) wird das Aluminium darin als Aluminiumhydroxychlorid, Aluminiumchlorid und Aluminium-Zirkonium-Komplexe verwendet. Diese Substanzen verschliessen temporär die Schweisskanäle auf der Haut und wirken auch antibakteriell. Sie reduzieren die Schweissbildung um bis zu 50 Prozent.

Eine Alternative zu den Metallsalzen, die ebenso effektiv ist, gibt es zurzeit nicht. Die aluminiumfreien Deos auf dem Markt können zwar das Schwitzen nicht verhindern, doch mit antibakteriellen Stoffen oder Enzymhemmern bekämpfen sie den unangenehmen Geruch. Oft sind auch geruchsabsorbierende und feuchtigkeitsaufsaugende Stoffe enthalten. Häufig überlagern Parfümöle die negativ empfundenen Schweissgerüche. Allerdings sind auch Deos mit antibakteriellen Wirkstoffen nicht unumstritten, weil sie die natürliche Keimflora auf der Haut dezimieren. (mma)

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