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«Menschen mit Autismus betrachten ein Gesicht wie einen Gegenstand»

Von Andrea Schafroth. Aktualisiert am 07.10.2008

Matthias Huber ist Psychologe, diagnostiziert Menschen mit Autismus und ist selber ein Autist.

Herr Huber, am Treffen der Selbsthilfegruppe autistischer Menschen waren Beziehungen das grosse Thema. Autismus und Beziehungen – ist das kein Widerspruch?
Der Mensch ist ein soziales Wesen: Dass Menschen mit Autismus Mühe haben, sich sozial einzufädeln, heisst nicht, dass sie es nicht möchten.

Warum haben sie denn Mühe?
Sie können nicht intuitiv erfassen, weil sie anders wahrnehmen. Wenn ein Mensch mit Autismus etwa in ein Gesicht schaut, werden andere Hirnareale aktiviert als bei «normalen» Menschen.

Was genau passiert dann?
Anstatt die Mimik zu verarbeiten, betrachten sie das Gesicht wie einen Gegenstand und sehen lauter Details: eine Augenbraue, die sich schräg stellt, ein Mundwinkel, der sich verzieht. Weil sie sie nicht automatisch verstehen, verwirren sie diese Details. Darum vermeiden Menschen mit Autismus oft den Blickkontakt.

Sie können ein Lachen nicht identifizieren?
Sie lernen es mit der Zeit, müssen aber jedes Mal überlegen, ob das nun ein Lachen ist oder sich der Mund aus einem anderen Grund öffnet. Es gibt so viele Varianten in der Körpersprache. Ein Mensch, der wütend ist, macht einmal die Faust, ein anderes Mal fuchtelt er mit den Armen.

Auch der Umgang mit Sprache ist anders.
Menschen ohne Autismus reden für uns sehr ungenau. Sie sagen zum Beispiel: «Kannst du mir die Butter geben?», wollen aber keineswegs wissen, ob ich in der Lage bin, ihnen die Butter zu geben, sondern bitten mich, es zu tun. Die vielen umgangssprachlichen Wendungen, Zwischentöne und unfertigen Sätze müssen sich Menschen mit Autismus mühsam aneignen.

Das muss sehr anstrengend sein.
Ja, ich zum Beispiel empfinde soziale Situationen wie im Zeitraffer: Weil ich bei allem überlegen muss, wie es zu deuten ist, habe ich oft nicht genug Zeit, um adäquat zu reagieren. Autistische Menschen sind überfordert von all den Wahrnehmungseindrücken, die sie nicht deuten und filtern können. Sie nehmen die Welt um sich herum als sehr chaotisch wahr und suchen deshalb überall nach Gesetzmässigkeiten, nach Mustern, an denen sie sich festhalten können. Das drückt sich auch in ihren ausgeprägten Spezialinteressen aus: Sie sammeln Flaggen, lernen alles über Pinguine.

Und merken sich Daten und Jahreszahlen.
Zeiten, Orte, Strukturen sind wie ein roter Faden, an dem sie sich orientieren und der ihnen beim Auswendiglernen hilft.

Autistische Menschen haben nicht nur Mühe, sich einzufühlen, sondern auch, ihre eigenen Gefühle auszudrücken.
Wenn man mich als Kind fragte, «Freust du dich?», konnte ich nur ein verkorkstes «Ja» herausbringen, auch wenn ich vor Freude platzte. Wir spüren implizite Ausdrucksmöglichkeiten nicht und verfügen auch nicht darüber. Deshalb wirken wir auf andere distanziert oder geistig behindert und werden oft unterschätzt.

Sie selbst haben einen IQ von über 145.
Eine Zeitlang dachte ich, dass ich deswegen so anders bin und als Kind immer geplagt, im Studium gemobbt wurde. Dann wurde ich Mitglied des Hochbegabten-Vereins Mensa und merkte, dass ich da auch nicht richtig dazugehöre. Als ich dann die Diagnose Autismus erhielt, war ich sehr erleichtert.

Am Telefon merkt man Ihnen kaum etwas an. Ist so ein Interview kein Problem für Sie?
Meine Stimme habe ich trainiert, damit sie nicht monoton klingt. Das Gespräch war für mich nicht schwierig, weil die Thematik mein Leben und mein Beruf ist. Aber ich habe schon den Wecker gestellt und bin die möglichen Abläufe durchgegangen.

Wir haben das Gespräch einmal unterbrochen und vereinbart, dass ich eine halbe Stunde später wieder anrufe. Da haben Sie wieder den Wecker gestellt?
Ja, Sie haben 6 Minuten zu spät angerufen. Aber es hat mich nicht gestört.

* Matthias Huber, selbst vom Asperger Syndrom betroffen, hat Pädagogik und Psychologie studiert. Er arbeitet in der Autismussprechstunde der Kinder- und Jugendpsychiatrischen Poliklinik Bern (Direktor: Prof. W. Felder) in einem interdisziplinären Team (Leitung Dr. med. E. Manser). (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.10.2008, 08:27 Uhr

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