Wo die Schulmedizin homöopathisch arbeitet
Von Martina Frei. Aktualisiert am 03.05.2009 20 Kommentare
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Dass Homöopathen bis zur Unendlichkeit verdünnte Arzneimittel einsetzen, ist gut bekannt. Weniger bekannt ist, wie sie den Verlauf einer Erkrankung einschätzen. Nach ihrer Lehre sollen Krankheiten von innen nach aussen verschwinden. Bessern zuerst die schlimmen Krankheiten und erst danach die leichteren, entwickelt sich die Erkrankung günstig. So das Postulat.
Dafür gibt es auch in der Schulmedizin Beispiele. Einige moderne Krebsmedikamente, etwa das sogenannte Cetuximab, können einen akne-artigen Hautausschlag verursachen. Studien haben nun gezeigt, dass dies prognostisch günstig ist. Darmkrebspatienten, die schwere Hautausschläge bekommen, sprechen auf die moderne Krebsbehandlung besser an als Kranke, die keine Hautprobleme entwickeln. Wessen Haut binnen drei Wochen nach Behandlungsbeginn reagierte, dessen durchschnittliche Überlebenszeit betrug 15 statt 9 Monate, ergab eine Studie.
Nicht vollständig erklärbar
Ein ähnliches Phänomen tritt bei einer modernen Brustkrebstherapie auf. In einer Studie mit dem Rezeptorblocker Tamoxifen und dem Hormonblocker Anastrozol zeigte sich, dass die Frauen bessere Chancen hatten, wenn sie Gelenkbeschwerden bekamen – ganz im Sinn der homöopathischen Behandlungregel. Patientinnen, die in den ersten drei Monaten der Therapie diese Nebenwirkung erfuhren, hatten ein rund 40 Prozent geringeres Risiko für einen Brustkrebs-Rückfall.
Vollständig erklären können die Forscher diese Mechanismen bisher nicht; im Fall von Cetuximab finden sich die Rezeptoren, welche das Medikament blockiert, nicht nur im Tumor, sondern auch in bestimmten Zellen der Haut. Das erklärt, weshalb sie mitreagieren kann.
Bienengift bei Bienenallergie
Der Grundpfeiler der Homöopathie ist die «Ähnlichkeitsregel». Ruft eine Substanz, beispielsweise eine Zwiebel, bestimmte Symptome bei Gesunden hervor (gerötete Augen und laufende Nase), kann sie genau diese Symptome bei Kranken heilen, glauben die Homöopathen. Deshalb bekommt ein Heuschnupfen-Patient unter Umständen «Küchenzwiebel homöopathisch». Eine Variante der Ähnlichkeitsregel ist die Isopathie: Dabei wird «Gleiches mit Gleichem» behandelt.
Auch die Schulmedizin verfährt punktuell nach diesen Prinzipien. Bei der Behandlung von Allergien etwa verabreichen die Ärzte dem Patienten Spritzen oder Tropfen einer hoch verdünnten Lösung, die den Stoff enthält, gegen den die Person allergisch ist. Die bekanntesten Beispiele sind Bienen- und Wespengiftallergien.
Ritalin ist homöopathisch nachvollziehebar
Dass hyperaktiven Kinder ausgerechnet ein Aufputschmittel wie Methylphendiat (z.B. Ritalin) hilft, sich besser zu konzentrieren, ist für den Laien erstaunlich – lässt sich mit dem homöopathischen Prinzip aber nachvollziehen. Das Problem dieser Kinder ist, dass sie nicht gut konzentrieren können. Bei einer bestimmten Konzentration hemmt Methylphenidat die Reizübertragung im Gehirn und fördert so die Aufmerksamkeit – aus schulmedizinischer Sicht ist der Wirkstoff deshalb nur pauschal betrachtet ein Aufputschmittel.
Ein anderes Beispiel ist Capsaicin: Der scharfe Wirkstoff aus Chilischoten reizt bestimmte Schmerzrezeptoren. Die Schmerzen, die Capsaicin verursacht, sind jenen nach einer Gürtelrose sehr ähnlich. Der schulmedizinische Einsatz von 0,025- bis 0,075-prozentigen Capsaicin-Zubereitungen als Schmerzmittel bei genau diesem Zustand mutet deshalb eigentlich widersinnig an – entspricht aber dem homöopathischen Vorgehen. Anzufügen ist jedoch, dass die Schulmediziner – anders als die Homöopathen – die Wirkstoffe in chemisch messbaren Dosen anwenden.
Weniger Antibiotika als vor 15 Jahren
Stark sind die Homöopathen im ausführlichen Erheben der Krankengeschichte. Einen grossen Teil der Zeit widmen sie dem Zuhören und Sprechen mit dem Patienten. In der Medizin gilt: Ein gutes, ärztliches Gespräch führt in etwa 70 Prozent der Fälle zur richtigen Diagnose. Ein Bonmot der Schulmedizin aber lautet: «Weil das Computertomogramm keinen Befund ergab, entschlossen wir uns zur Anamnese.» Beachtung findet die ärztliche Gesprächskunst in der Schulmedizin meist aus Zeitgründen nur wenig, und nicht einmal drei Prozent der medizinischen Publikationen befassen sich damit.
Was technische Untersuchungen oder das Verschreiben von Medikamenten betrifft, sind Homöopathen meist zurückhaltender als ihre schulmedizinischen Kollegen. Die Gefahr ist, dass sie so frühzeitige Diagnosen oder notwendige Therapien versäumen. Bei einigen Erkrankungen hat aber selbst die Schulmedizin nun – durch Studien belegt – ein «homöopathisches» Niveau im Verordnen von Medikamenten.
Noch vor etwa 15 Jahren etwa bekamen Kinder mit Mittelohrentzündungen in der Mehrzahl der Fälle ein Antibiotikum. Heute verordnen die Kinderärzte dies in der Minderheit der Fälle. Denn inzwischen ist erwiesen, dass die Mittel bei diesen Beschwerden meist keinen Nutzen bringen, sondern – im Gegenteil – das Entstehen von Resistenzen begünstigen.
Dies sind einige Beispiele, wo sich das homöopathische Vorgehen in der Schulmedizin zu bestätigen scheint. Es gäbe weitere Gebiete, in denen die Schulmediziner von den Homöopathen lernen könnten (und umgekehrt). Sie müssten aber dazu bereit sein wollen. Und die Homöopathen müssten nach Wegen suchen, ihre Hypothesen mit Hilfe ihrer Kollegen wissenschaftlich zu überprüfen. Denn der wissenschaftliche Beweis, dass sie mit ihren Annahmen richtig liegen, fehlt – leider.
Die TA-Redaktorin hat bis Ende 2000 als homoöpathische Ärztin gearbeitet. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 03.05.2009, 06:47 Uhr
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20 Kommentare
Dieser Artikel ist sehr gutes Beispiel für Desinformation. Die Autorin verschweigt, dass Capsaicin bei Gürtelrose nach einer Lokalanästhesie gegeben wird. Der Patient selbst spürt die Hitze bzw. die Schmerzen nicht - das ist der Grund, nicht irgendwelche "homöopathischen Prinzipien". Schade, dass es ein gewisses Fachwissen braucht, um alle Unwahrheiten in diesem Artikel zu erkennen. Antworten
Naturheilkundliche Behandlungen sind teilweise (vor allem längerfristig) eher günstiger und verträglicher als schulmedizinische. Es ist unsinnig zu streiten, ob es den naturheilkundlichen Weg oder die Schulmedizin braucht. Es ist immer die Frage, was wird geheilt und wer wird geheilt. Leider nützt bei mir Schulmedizin nichts, nur Ganzheitliches; sprich Ausleiten+Stärken anstelle Unterdrücken. Antworten
Ein wirklich peinlicher Beitrag kurz vor der Abstimmung. Es sei nach wie vor erwähnt: Es gibt keine einzige unabhängige Studie, wonach Homöopathie gegen irgendwelche Krankheit je gewirkt hat. Ich wurde auch schon homöop. behandelt. Es war zum lachen: 1 Stunde ausfragen, u.a. was man am liebsten isst, dann bekommt man Kügelis, die zufälligerweise seinem Geschmack entsprechen, aber nichts enthalten! Antworten
Ketzerisch geschrieben ist Impfen auch „Aehnliches mit Aehnlichem heilen“ - das Heilprinzip der Homöopathie. Die Impfung und die Homöopathie sind etwa zur gleichen Zeit entstanden. Jenner impfte 1796 einen Jungen mit Kuhpocken, das Jahr, indem Hahnemann seinen Leitspruch publizierte. Ist ein Grippe-Impfstoff dem Erreger nicht ähnlich genug, stimuliert er das Immunsystem nicht angemessen und ist wirkungslos. Antworten
ist das nun schleichwerbung für die abstimmung? meine gegenfrage: wer soll das bezahlen? einerseits schimpfen die leute über steigende prämien (10%!), andererseits will man alles gratis. man hat die freiheit, sich "homöopathisch" zu versichern - mache ich auch. 2. problem: verfassung! wenn man das in die verfassung schreibt, was kommt dann als nächstes? pendeln? strömen? shiatsu? wer zahlt das? Antworten
Herzlichen Dank fuer diesen Artikel, lieber TA. Und am Montag laden Sie dann bitte Monika Kissling ein, die uns dann erklaärt, wie sie die Astrologie wissenschaftlich begründet und zeigt, dass das Italien Erdbeben korrekt vorausgesagt wurde (leider erst nach dem Beben) und dass auch der Weltuntergang zur SoFi 2001 von ihr korrekt vorausgesagt wurde (ups, wir sind ja immer noch da...) Antworten
@ P. Zurbrügg: Und wem, bitte schön, nützen die Medikamente der Pharmaindustrie? Untersuchungen haben ergeben, dass 30% der eingesetzten schulmedizinischen Mittel Nebenwirkungen haben, die ihrerseits behandelt wieder werden müssen. Hier läge echtes Sparpotential. Diese Kosten muss ich mit meiner Grundversicherung "solidarisch" mitfinanzieren. Antworten
Interessanter Artikel. @ Martin Bruderer: In der Homöopathie werden keine Krankheiten bekämpft! In der Homöopathie wird die Abwehr des Patienten gestärkt. Deshalb ist man bei einem guten Homöopathen auch bei Schweinegrippe gut aufgehoben.@ Vera Häusler: Die Homöopathie lässt sich seriös nicht in ein paar Abendkursen erlernen. Was vielerorts als Homöopathie praktiziert wird, ist deshalb auch keine Homöopathie, sondern Wellness. Antworten
Dieser Versuch von Martina Frei sich als homoöpathische Ärztin bei der Schulmedizin anzubiedern scheint gar unbeholfen. Da die Homöopathie angeblich so erfolgreich und der Schulmedizin teilweise überlegen ist, wäre es interessant zu erfahren, wie die Schweinegrippe mit homoöpathischen Mitteln bekämpft werden kann. Sich im Nachhinein mit den Erfolgen anderer zu schmücken ist leider zu wenig. Antworten
Meiner Meinung nach ist der Titel dieses Artikels irreführend. Man kann nicht Aepfel mit Birnen vergleichen. Nur zu einem Punkt noch: Dass die Schulmedizin das Gespräch vernachlässigt, hat leider stark mit der immer schlechteren Abgeltung v.a. der Allgemeinärzten zu tun. Die zeitaufwändige Gesprächsdiagnostik wird durch für die Allgemeinheit teurere technische Diagnostik ersetzt. Antworten
In diesem Artikel werden Äpfel mit Birnen gleichgesetzt. Es ist nicht per se homöopathisches Prinzip, dass Nebenwirkungen etwas über die Wirksamkeit der Therapie sagt. Auch der Vergleich der Hyposensibilisierung gegen Allergene mit Homöopathie ist an den Haaren herbeigezogen: Es geht hierbei darum, durch wiederholte Konfrontation des Immunsystems mit Allergen immunologische Toleranz zu evozieren. Antworten
Jetzt hat der TA also eine Homöopatin (mit medizin. Doktortitel) in der Redaktion, die die Konfusion über die abgründigen Differenzen in den Weltbildern der wissenschaftlichen und im pseudowissenschaftlichen Medizin alle paar Tage weitervernebelt, statt klärt. Antworten
Vielleicht sollten sie als Aerztin wieder einmal das Basiswissen zur Pharmakologie, Infektiologie und Allergiologie aufarbeiten. Oben genannte Beispiele haben nichts mit dem homoöpath. Gedankengut zu tun sondern erfordern differenziertes Denken. Die Pharmakotherapie der Schulmedizin ist komplex und im Gegensatz zur Homoöpath. Lehre daher auch nicht in ein paar Abendkursen zu erlernen. Antworten
Die Beispiele haben aber gar nichts zu tun, mit den lächerlichen "Medikamenten" die diese Quaksalber an die dummen verkaufen. Die Behandlungsmethoden mögen in einzelnen Fällen nützlich sein, aber die Medikamente nützen garantiert nur den Herstellern! Antworten
Endlich mal ein Artikel für die Homöopahtie;-) Dank diesen Mitteln habe ich die Folgen zweier schweren Unfällen viel besser kurieren können.Auch für die Menopause-Zeit gibts Mittel, die "normale" Veränderungen des Körpers positiv unterstützen helfen! Hunde und Pferde reagieren übrigens ausserordentlich gut auf die homöop.Mittel.Seit ein paar Jahren behandle ich unsere Tiere mit grossem Erfolg! Antworten
young adult
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Melanie Meier
Bei H. ist u.a. der Gag an der Sache,dass sie so stark verdünnt ist, dass sie nicht mehr nachweisbar ist.Somit heilt H. mit 'nichts'.Das mit Impfen zu vergleichen,zeigt einfach, dass Sie keine Ahnung haben,wie Impfen funktionert!Viele Patienten schätzen doch die stundenlange Anamnese&werden desshalb gesund weil Ihnen mal jemand zuhört.Vielleicht sollten eher die Psychologen in die GV aufgenommen w Antworten