Zu früh, zu positiv

Die Frage nach der erblichen Optimierung kommt eindeutig zu früh angesichts ungelöster Fragen über die Langzeitfolgen.

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Manchmal sorgt das wenige, das nicht gesagt wird, für mehr Aufregung als tausend Sätze zum Thema. Die amerikanische Akademie der Wissenschaft zum Beispiel hat einen 267-seitigen Bericht über die Genmanipulation von Embryonen verfasst, die mit der neuen Methode des Genome-Editing so einfach wird wie noch nie. Das Papier schlägt strenge Kriterien vor, unter denen solche Versuche dereinst einmal möglich sein könnten. Aber – und das ist ein grosses Aber – die Wissenschaftler, Ethiker und Juristen, die fast ein Jahr über dem Bericht brüteten, haben kein Verbot gefordert.

Mittels Genome-Editing lässt sich das Erbgut heute mit gängigen Labormitteln präzise manipulieren, zum Beispiel, um kranke Gene auszuschneiden oder zu ersetzen. Die Aussichten dieser Methode sind vielversprechend – gerade für die Gentherapie, aber auch in der Pflanzen- und Tierforschung. Denn ­Präzision bedeutet auch Sicherheit, weniger Nebenwirkungen, bessere und schnellere Heilung.

Im besten Fall können Kinder von erbkranken Eltern vor verheerenden genetischen Krankheiten bewahrt ­werden.

Doch bei der Behandlung von Embryonen oder therapeutischen Eingriffen in die Keimbahn geht es um eine ganz andere Frage. Diese Änderungen können an die Nachkommen weitergegeben werden. Im besten Fall können Kinder von erbkranken Eltern vor verheerenden genetischen Krankheiten bewahrt ­werden. Doch der Schritt zum Designerbaby ist nicht mehr gross. Und damit die erbliche Optimierung von körperlicher und geistiger Leistungsfähigkeit, aber auch Aussehen oder Charaktereigenschaften. Ein ­kleiner Eingriff im Labor – mit unabsehbaren und möglicherweise unumkehrbaren Folgen.

Noch sind solche Versuche in vielen Ländern, darunter auch die Schweiz, verboten. Auch in den USA dürfen sie nicht mit öffentlichen Geldern durchgeführt werden – sozusagen ein Quasiverbot. Daran ändert der Bericht unmittelbar nichts, aber die zwar vorsichtige, aber grundsätzlich positive Stellungnahme einer ­gewichtigen Instanz der westlichen Forschungsgemeinschaft macht Keimbahneingriffe ein Stück weit ­salonfähiger. Doch solche Versuche kommen eindeutig zu früh angesichts der ungelösten Fragen über die Langzeitfolgen und offenen ethischen Fragen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.02.2017, 22:06 Uhr

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