40 nackte Frauen halfen, Delfine zu erforschen
Von Anke Fossgreen. Aktualisiert am 27.05.2009
Die wahrscheinlich eindrücklichsten Filmaufnahmen aus der Sozialpsychologie: Der Wissenschafter Stanley Milgram zeigt, wie stark die Neigung der Menschen ist, zu gehorchen, indem er seine Versuchspersonen dazu bringt, einem 47-jährigen Buchhalter mit einem Herzfehler lebensgefährliche Elektroschocks zu verabreichen (der Buchhalter war ein Schauspieler und die Elektroschocks nicht richtige).
Reto U. Schneider: Das neue Buch der verrückten Experimente, C. Bertelsmann Verlag, ca. 35 Fr. Buchvernissage: Donnerstag, 28. Mai, 18 Uhr, Buchhandlung Orell-Füssli, Kramhof, Zürich.
Experimente
Experiment über das Verhalten eines Hundes bei der Begegnung mit einem Roboter.
Mit diesem Film konnte Étienne-Jules Marey das Rätsel lösen, wie es eine Katze schafft, immer auf allen Vieren zu landen.
Was geschieht wenn man acht Menschen mit einigen Schweinen und Hühnern in ein überdimensioniertes Gewächshaus steckt, das Ganze luftdicht abschliesst und zwei Jahre wartet?
In Ihrem Buch steht, wie ein Forscher versucht, einen Blitz mit einem Drachen einzufangen. Ein anderer testet den Energieverbrauch bei afrikanischen Frauen, die Gewichte auf dem Kopf transportieren. Nach der Lektüre kann man den Eindruck bekommen, dass Wissenschaftler merkwürdige Menschen mit merkwürdigen Ideen sind . . .
Ja, vielleicht habe ich dieses Bild ein bisschen befördert.
Ist es eine Auszeichnung oder eine Strafe für einen Forscher mit seinen Experimenten in Ihren Büchern verewigt zu werden?
Das scheinen die Betroffenen unterschiedlich zu empfinden. Ich habe zu einigen Wissenschaftlern einen guten Kontakt. Sie haben sich gefreut, dass noch jemand an ihre oft weit zurückliegenden Experimente gedacht hat. Probleme gab es nur einmal: Der Sohn eines verstorbenen Forschers verweigerte mir die Genehmigung, Bilder von einem Experiment seines Vaters zu veröffentlichen.
Worum ging es dabei?
Der russische Biomechaniker Yu Aleyev wollte wissen, warum Delfine so schnell schwimmen können. Jahre zuvor hatten andere Forscher berechnet, dass die Meeressäuger dazu eigentlich siebenmal mehr Muskeln haben müssten. Hochgeschwindigkeitsaufnahmen von schwimmenden Delfinen zeigten, dass ihre Haut wellenförmige Wülste bildete. Aleyev suchte nun nach vergleichbaren Versuchsobjekten, an denen er prüfen konnte, ob auch sie im Wasser diese Veränderungen zeigten. Er entschied sich für 40 nackte Frauen, die er zum Teil mit Seilwinden durchs Wasser zog. Es gibt davon beeindruckende Bilder. Doch der Sohn hatte das Gefühl, man mache sich über seinen Vater lustig.
Und? Machen Sie sich über die Forscher und ihre verrückten Experimente lustig?
Nein, das ist nicht meine Absicht. Ich möchte mit dem kuriosen Teil die Aufmerksamkeit der Leser fesseln und dann die Experimente erklären. Die chronologische Ordnung der Versuche lässt auch interessante Quervergleiche zu. Ende des 19. Jahrhunderts war die Physik zum Beispiel schon sehr weit, während bei anderen Versuchen aus der Zeit fast noch Aberglaube vorherrschte. Gestandene Ärzte versuchten damals etwa, aus dem Saft von gemahlenen Meerschweinchenhoden ein Jugendelixir herzustellen.
Sie stellen morgen* Ihr zweites Buch über verrückte Experimente vor. Das erste Buch erschien vor fünf Jahren. Was ist jetzt anders, ausser dass Sie weitere Experimente beschreiben?
Ich habe versucht, noch mehr mit den Leuten zu sprechen, die an den Experimenten beteiligt waren. Oft stehen die interessantesten Geschichten nicht in den wissenschaftlichen Veröffentlichungen.
Woran denken Sie?
Zum Beispiel an den Zoologen Craig Smith, der herausfinden wollte, wie in der Tiefsee ein Wal-Kadaver verwest. Er beschloss, dazu selber einen toten Wal zu versenken. Wenn man die wissenschaftliche Veröffentlichung liest, hat man den Eindruck, alles sei glattgegangen. Doch der erste Versuch misslang, da der Koloss einfach nicht unterging. Beim zweiten Mal sank der Wal zwar in die Tiefe, aber Smith konnte kein Forschungs-U-Boot auftreiben, mit dem er das tote Tier hätte beobachten können. Erst der dritte Versuch gelang. Smith fand nach drei Jahren nur noch das Skelett, von Zehntausenden Muscheln und Schnecken bevölkert, am Meeresgrund. Seine Tauchausrüstung und sämtliche Kleidung musste er übrigens wegwerfen. Den bestialischen Gestank des Kadavers konnte kein Waschmittel entfernen.
Ihr Vorgehen ist manchmal geradezu detektivisch, um an sehr alte Veröffentlichungen zu kommen oder mit den Wissenschaftlern Kontakt aufzunehmen, die häufig schon im Ruhestand sind . . .
Oft ist es wie eine Schatzsuche. Es war beispielsweise schwierig, den Autor einer Studie zu finden, der vor 30 Jahren testete, ob Kellnerinnen mehr als sieben Dinge im Kurzzeitgedächtnis behalten können. Damals war Henry Bennett noch Medizinstudent. Ich war mir nicht sicher, ob der Anästhesist, den ich anrief, der gleiche Mann war. Er war es. In den 70er-Jahren nahmen die Forscher an, dass das Kurzzeitgedächtnis nur eine begrenzte Kapazität hat. Bennett fand heraus, dass dem nicht so war. Vielen seiner Testpersonen gelang es leicht, sich, ohne mitzuschreiben, 33 verschiedene Bestellungen einzuprägen.
Ein grosser Teil der von Ihnen beschriebenen Experimente ist aus dem Bereich der Psychologie. Gibt es auf dem Gebiet besonders abstruse Forschung?
Nein, aber diese Versuche erschliessen sich dem Leser leicht. Zum Beispiel das Experiment in der U-Bahn. Der Psychologe Stanley Milgram schickte seine Studenten los, andere Fahrgäste um ihren Sitzplatz zu bitten, und zwar ohne eine Begründung zu nennen. Für die Studenten war diese Aufgabe so unangenehm, dass ihnen zum Teil regelrecht schlecht wurde.
Sie sind mit einigen renommierten Preisen ausgezeichnet worden, und das erste Buch über die verrückten Experimente war ein Bestseller. Was ist Ihr Geheimnis?
Es gibt kein Geheimnis. Diese Dinge lassen sich nicht planen. Ich habe einfach meine Art zu arbeiten und meine Vorlieben. Ich habe mir zum Beispiel schon immer Themen ausgesucht, die kurios und überraschend sind und bei denen ich denke, dass ich der Einzige bin, der darüber schreibt. Pressekonferenzen sind mir deshalb ein Gräuel. Wenn da 20 Journalisten sitzen, warum soll ich auch noch darüber berichten? Aus dem gleichen Grund spreche ich auch nicht gerne mit berühmten Leuten, die schon unzählige Interviews gegeben haben.
Sie waren vier Jahre lang der Präsident des Schweizer Klubs für Wissenschaftsjournalismus. Wie sehen Sie den Wissenschaftsjournalismus?
Ich halte das Konzept der «News», der aktuellen Berichterstattung, im Wissenschaftsjournalismus für zu hoch gewichtet. Sicher ist es wichtig, gesellschaftlich relevante Themen zu dem Zeitpunkt aufzunehmen, wenn darüber diskutiert wird. Aber andere Themen, wie zum Beispiel Newtons Theorien, sind für viele Leser ebenfalls News.
Gehen Ihnen auch mal die Ideen aus, oder werden wir weiter über kuriose Experimente von Ihnen lesen?
Die monatliche Kolumne über verrückte Experimente, die ich seit acht Jahren im «NZZ Folio» schreibe, läuft natürlich weiter. Ich entdecke immer wieder ganz neue Themengebiete, wie zum Beispiel die Trinkgeldforschung. Davon hatte ich zuvor noch nie etwas gehört.
www.verrueckte-experimente.de
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 27.05.2009, 09:31 Uhr



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