«Als Entdecker will man das tun, was andere nicht machen»

Frederik Paulsen tauchte am Nordpol 4300 Meter auf den Meeresgrund ab. Nun sponsert er eine Forschungsexpedition von russischen U-Booten im Genfersee.

Frederik Paulsen liebt das Extreme. So zieht es ihn immer wieder zu den Polen der Erde.

Frederik Paulsen liebt das Extreme. So zieht es ihn immer wieder zu den Polen der Erde. Bild: Odile Meylan

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Der Blickfang im Vorzimmer des Präsidenten des Pharmakonzerns Ferring ist ein riesiger Globus, der sich nach allen Seiten drehen lässt. Während des Gesprächs eilt Frederik Paulsen mehrmals aus dem Sitzungszimmer zum Globus, um dem Reporter entlegene Winkel in der Arktis und der Antarktis zu zeigen. Das sind die bevorzugten Reiseziele des 60-jährigen Schweden. «Ich gehe dorthin, wo andere nicht hingehen. Als Entdecker will man das tun, was andere nicht machen», sagt er.

Das trifft sicher auf seine grösste und teuerste Expedition zu: Im August 2007 tauchte Paulsen am geografischen Nordpol im russischen Forschungs-U-Boot Mir 2 unter das Packeis und 4300 Meter tief auf den Meeresboden. Eine halbe Stunde vor ihm hatte das Schwesterboot Mir 1 mit dem russischen Polarforscher Arthur Tchilingarow an Bord diese Stelle erreicht und eine Flagge der Russischen Föderation in den Grund gesteckt.

Die Flagge im Meeresgrund

Das Bild dieser Flagge ging damals um die Welt. Der Westen legte die Aktion als Beweis aus, Russland beanspruche die Herrschaft über den Nordpol und die Bodenschätze, die unter dem Meeresgrund schlummern. Paulsen widerspricht: «Das war überhaupt nicht die Absicht dieser rein privaten Expedition. Die Idee mit der Flagge kam uns zwei Tage vor dem Tauchgang. Wir wollten damit den ausserordentlichen Beitrag Russlands zu dem Abenteuer am Nordpol honorieren.» Der in Lausanne wohnende Schwede war der wichtigste Geldgeber der Expedition. Tchilingarow, der auch Vizepräsident des Parlaments der Russischen Föderation (Dumas) ist, hatte alle administrativen Hindernisse beseitigt und die Logistik bereitgestellt.

Wie viele Millionen Dollar das Abenteuer gekostet hat, verrät der Unternehmer ebenso wenig wie Gewinnzahlen seines Ferring-Konzerns. Paulsen, der den geografischen Nordpol schon mindestens 15-mal besucht hat, reizte die Pioniertat, den «echten» Nordpol auf dem Meeresgrund zu erreichen. Es ist auch die Stelle auf der Erdkruste, die dem Erdmittelpunkt am nächsten liegt. Denn die Erde ist keine kreisrunde Kugel, sondern wegen der Fliehkraft an den Polen abgeflacht.Paulsen ist seit der Expedition mit Tchilingarow sowie dem Chefkonstrukteur der nur 7,8 Meter langen und 3,6 Meter breiten U-Boote, Anatoli Sagalewitch, befreundet. Die Mir-Leute luden ihn an den Baikalsee in Sibirien ein, wo sie den tiefsten Süsswassersee der Welt erforschten. «Da dachte ich mir, man könnte so etwas auch im Genfersee machen», erinnert sich Paulsen an den Auslöser der sechswöchigen Expedition von Mir 1 und Mir 2 im Lac Léman, die Mitte Juni begonnen hat.

Honorarkonsul von Russland

Beim Tauchen entnehmen die Mini-U-Boote mit einem Fangarm Gesteins-, Sediments- sowie Wasserproben. Dank starken Scheinwerfern und einer 3-D-Kamera schiessen sie auch Bilder im Dunkel des bis 310 Meter tiefen Genfersees. Die ETH Lausanne koordiniert die 16 Teilprojekte, an denen Forscher der ETH, der Eawag, der Universitäten Genf und Neuenburg sowie dreier ausländischer Hochschulen beteiligt sind. Paulsen sponsert das Elemo genannte Projekt. Als Honorarkonsul Russlands in Lausanne will er so die wissenschaftlichen Beziehungen zwischen der Schweiz und Russland vertiefen. Zudem soll sich der Ferring-Konzern, der seine Zentrale 2002 an den Genfersee verlegte, in der Westschweiz profilieren.

«Ich bangte um mein Leben»

«Normalerweise trenne ich meine Unternehmerrolle vollständig von meinen Aktivitäten als Entdecker», beteuert Paulsen. Der Chemiker und Betriebswirtschafter hatte 1988 die Leitung des von seinem Vater gegründeten Pharmaunternehmens übernommen und baute es zu einem Konzern aus, der dieses Jahr einen Umsatz von 1,2 Milliarden Euro anstrebt. Heute ist Ferring in mehr als 45 Ländern vertreten und beschäftigt weltweit 3700 Mitarbeitende.

Seit sich Paulsen auf das Verwaltungsratspräsidium beschränkt, bleibt ihm genügend Zeit für neue Abenteuer in arktischen Breitengraden. Letzten Sommer überquerte der Vater von drei erwachsenen Kindern in einem Ultraleichtflugzeug die Beringstrasse: «Da bangte ich während einiger Minuten um mein Leben, als eine Böe die Tragfläche auf die Seite drückte und ich kopfüber in der Pilotenkanzel hing.» Vor zwei Monaten peilte er mithilfe eines kanadischen Forschers den magnetischen Nordpol, der sich pro Jahr etwa 30 Kilometer bewegt, exakt an und setzte in einem Loch im Packeis eine Boje mit Messgeräten und Sender aus.Paulsen ist auch Mitglied des exklusiven Explorers Club in New York. Bevor er mit russischer Hilfe zum geografischen Nordpol hinuntertauchte, musste der Schwede seine amerikanischen Freunde überreden, bis sie ihm erlaubten, an der nahsten Stelle zum Erdmittelpunkt die Flagge des Entdecker-Clubs in den Meeresgrund zu stecken. Jetzt hat sich Paulsen ein neues Expeditionsziel gesetzt: Er will die Flagge des Explorers Club auch auf die Stelle mit der grössten Distanz zum Erdmittelpunkt pflanzen. Das ist der Gipfel des 6267 Meter hohen Vulkans Chimborazo in Ecuador. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.06.2011, 20:51 Uhr

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