Brutale Hitze im persischen Golf

Eine brisante Studie zeigt, dass gerade die Erdöl produzierenden Länder besonders stark unter der globalen Erwärmung leiden würden. Was das bedeuten kann, zeigte sich diesen Sommer.

Muslimische Pilger schützen sich in der Heiligen Stadt Mekka vor der Hitze. Foto: Mosa Ab Elshamy (Keystone)

Muslimische Pilger schützen sich in der Heiligen Stadt Mekka vor der Hitze. Foto: Mosa Ab Elshamy (Keystone)

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Ältere Menschen und Kranke leiden sehr stark unter Hitzewellen. Das zeigten die extremen Ereignisse in Europa 2003 und in Russland 2010. Zehntausende Menschen starben etwa durch Kreislaufkollaps oder wegen Flüssigkeitsmangel.

Auf ein noch extremeres Ereignis haben sich die beiden amerikanischen Forscher des Massachusetts Institute of Technology (MIT), Jeremy Pal und Elfatih Eltahir, konzentriert. Sie modellierten Klimaszenarien für die Region um den Persischen Golf, falls die Emissionen an Treibhausgasen weiter ansteigen wie bisher. Dabei geht es um die schlimmsten Hitzewellen, die nicht nur ­Schwache, sondern für jeden Menschen zur äussersten körperlichen Belastung werden können. Bis Ende des Jahrhunderts können in tief gelegenen Städten die täglichen durchschnittlichen sommerlichen Temperaturmaxima von über 45 Grad Celsius zur Norm werden. In Kuwait City könnte das Thermometer auf über 60 Grad steigen.

«Anfänglich war ich skeptisch. Doch die vergangene Hitzewelle im Juli in der Region des Persischen Golfs zeigt, dass die Projektionen der Klimamodelle nicht unrealistisch sind», sagt Christoph Schär. Der ETH-Klimaforscher hat die neue Studie, die gestern in «Nature ­Climate Change» online veröffentlicht wurde, im Fachmagazin kommentiert.

Brutale Hitze und Feuchtigkeit

Ende Juli war es im Norden des Golfs so heiss und trocken wie in einer Wüste. In der irakischen Stadt Basra schwankten die täglichen Temperaturspitzen zwischen 48 bis 51 Grad. Am schlimmsten wurde es jedoch, als der Südostwind feuchte, warme Meeresluft vom Golf aufs aufgeheizte Land blies. In der Stadt Bandar Mahshahr stieg die Temperatur am 31. Juli auf 46 Grad, die relative Feuchtigkeit gleichzeitig auf knapp 50 Prozent. «Das sind fürchterliche Bedingungen», sagt ETH-Klimaforscher Chris­toph Schär. Der Mensch empfindet dies als extrem schwül, weil sich bei dieser Luftfeuchtigkeit sein Körper nur ein­geschränkt durch die Verdunstung von Schweiss regulieren kann.

Physikalisch lässt sich dieser Wert schlecht messen. Die US-Wissenschaftler führten deshalb in ihrer Arbeit einen Index ein, der bisher wenig bekannt war: die Kühl-Grenztemperatur. Sie gibt den Grenzwert an, bei dem es keinen ­natürlichen Kühlungseffekt mehr gibt, etwa durch Verdunstung von Wasser im Boden, offene Wasserflächen oder durch die Transpiration von Pflanzen. Je höher die relative Luftfeuchtigkeit, desto weniger kann verdunsten.

Im letzten ­Sommer waren die Temperatur und die Feuchtigkeitsbedingungen derart extrem, dass der Grenzwert in Bandar Mahshahr während Tagen zwischen 32 und 34 Grad lag. Liegt der Wert über 35 Grad, so die Definition der Wissenschaft, kann sich der menschliche Körper nicht mehr natürlich kühlen – das führt zu lebensbedrohlichen Bedingungen. Zum Vergleich: Während der Hitzewelle im Jahrhundertsommer 2003 lag der höchste Grenzwert in Lugano bei 25 Grad. «Hitzeextreme sind bei uns ­relativ trocken», sagt Christoph Schär.

Risikozone Mekka

Die US-Studie zeigt auf, dass die bisherige Erderwärmung mit den globalen Emissionen an Treibhausgasen zwischen 1976 und 2005 dazu führte, dass primär in der Golfregion und den umliegenden Küstengebieten der Kühl-Grenzwert bereits bei über 31 Grad liegt. Steigen die Emissionen weiter an wie bisher, dann sind bis Ende des Jahrhunderts laut den Klimamodellen in Städten wie Abu Dhabi, Dubai, Doha oder der iranischen Stadt Bandar Abbas solche extreme Hitzeereignisse keine Seltenheit mehr. In diesen und anderen neuen Städten in der Region ist das Bevölkerungswachstum gross.

Die US-Forscher werden in ihrer Studie auch konkret: Ein grosses Risiko ­sehen sie zum Beispiel beim Hadsch, der islamischen Pilgerfahrt nach Mekka. ­Jedes Jahr fahren etwa zwei Millionen Menschen dorthin. Sie beten im Freien, vom Morgen bis zur Abenddämmerung. Das exakte Datum lässt sich jeweils ­gemäss Mondkalender bestimmen. Es könne also vorkommen, so schreiben die Autoren in «Nature», dass die Pilgerfahrt während der heissesten Jahreszeit stattfinde. Das Ritual werde dann vor allem für viele ältere Pilger zum grossen gesundheitlichen Risiko.

Die «Nature»-Studie wurde über ein Jahr lang bis zur Veröffentlichung von Experten geprüft und nachgebessert. Denn die Resultates sind brisant, weil Länder extrem betroffen sind, die zu den grössten Erdölproduzenten gehören. «Die Studie ist nun höchst bemerkenswert, auch wenn es noch Unsicherheiten gibt», sagt ETH-Forscher Chris­toph Schär. Er ist sicher, dass nun ­verschiedene Forschergruppen sich daran machen, um die Modelldaten noch ­robuster zu machen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.10.2015, 19:42 Uhr

Klimakonferenz in Paris

Knackpunkt ist die Finanzierung

Die neue Studie zu den möglichen extremen Hitzewellen im Persischen Golf geht zwar vom schlimmsten Fall aus, ­einer globalen Erwärmung von über 4?Grad. Dieses Szenario ist allerdings nicht so abwegig, nimmt man die Entwicklung der Emissionen in den letzten Jahren und die gegenwärtigen Massnahmen im internationalen Klimaschutz als Massstab. Die Erde wird sich laut der Forschungsgruppe Climate Action Tracker bis Ende des Jahrhunderts um 3,6 Grad erwärmen, falls die Treibhausgase nicht deutlich reduziert werden.
Die grössten CO2-Produzenten – China, die USA und die EU – haben zwar ihre Reduktionszusicherungen für die Zeit nach 2020 abge­geben. Das würde die Erderwärmung auf 2,7 Grad reduzieren. Dennoch wird das politische Ziel nicht erreicht, nämlich eine kritische globale Erwärmung von mehr als 2?Grad zu verhindern.

Jene Erdöl produzierenden Staaten, die nach der neuen Studie besonders von extremen Hitzewellen betroffen wären, namentlich Saudiarabien, der Iran und der Irak, haben bisher keine Klimazusicherungen gemacht. Im Gegenteil. Länder wie Saudiarabien versuchen laut Umweltorganisationen nach wie vor, den politischen Prozess für einen neuen starken internationalen Klimavertrag zu bremsen.

Derzeit ist es schwierig abzuschätzen, ob die in wenigen Wochen in Paris ­beginnende UNO-Klimakonferenz zu ­einem Erfolg wird. Der Vertragsentwurf, der gegenwärtig vorliegt, ist umfangreich, allerdings mit zahlreichen Optionen und schwachen Formulierungen. Ein zentraler Punkt wird sein, wie die Industrieländer in Zukunft die hundert Milliarden Dollar generieren, welche ab 2020 gemäss einem früheren ­Beschluss jährlich für den Klimaschutz in den Entwicklungsländern zur Ver­fügung stehen müssen. Viele Entwicklungs- und Schwellenländer seien grundsätzlich bereit, ehrgeizige Pläne für den Umstieg auf erneuerbare Energien zu entwickeln, kommentiert die deutsche Entwicklungsorganisation Germanwatch. Deshalb müssten die Finanzzusagen der reichen Staaten regelmässig überprüft und angepasst werden. Es fehle zudem ein Paragraf, der ­sicherstellt, dass bis Mitte des Jahrhunderts der Ausstieg aus den fossilen Energien weit fortgeschritten sein wird. (lae)

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