Das Matterhorn ist überall

Das Schweizer Wahrzeichen ist kein Unikat – auf der ganzen Welt finden sich Berge, die dem Matterhorn gleichen. Eine Kopie steht im Himalaja.

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Für Purna, den jungen Sherpa, gibt es keinen Zweifel: Es ist die Ama Dablam. Der 6814 Meter hohe Berg, der als einer der schönsten des Himalajas gilt. Doch Purna liegt falsch. Das mit goldener Farbe gestanzte Relief ist nicht jenes der Ama Dablam. Toblerone, die wohl bekannteste Schweizer Schokolade, wirbt nicht mit einem Himalajaberg, sondern mit dem eigenen, dem Matterhorn.

Das Missverständnis ereignete sich in einem kleinen Teehaus in Tengboche, quasi am Fusse der Ama Dablam. Der junge Sherpa liess sich von seinem Irrtum fast nicht abbringen. Im Schatten des stolzen Bergs, nach dem hier alles benannt ist, soll eine Schokolade verkauft werden, die mit einem anderen – zugegeben nicht minder stolzen Berg – wirbt? Schliesslich gelang es dennoch, Purna zu überzeugen, und man war sich einig: Die Verwechslung ist naheliegend. Die Ama Dablam wird gerne auch das «Matterhorn des Himalajas» genannt. Aber weil sie hier über allem steht und schliesslich auch höher ist, wird das Matterhorn von Purna kurzerhand «Ama Dab­lam der Alpen» getauft.

Matterhorn Mountains

Die beiden Berge sind nicht die höchsten Spitzen ihres Gebirges, aber wohl die schönsten. Von allen Seiten ziehen scharfe Grate und steile Wände zum markanten Gipfel, der sich mit einer zuletzt senkrechten Front wie eine Sphinx erhebt. Ist es Zufall, dass sie sich derart gleichen? Oder kennt die Natur einen Matterhorn-Bauplan?

Tatsächlich entstand in den 90er-Jahren der Begriff Matterhorn Mountains, weil man überall auf der Welt das berühmte Matterhorn wiederzuerkennen glaubte. Es gibt das Matterhorn der Dolomiten (Cimon della Pala), das Matterhorn des Allgäus (Trettachspitze), das Matterhorn der Rocky Mountains (Mount Assiniboine) oder das Matterhorn der Anden (Jirishanca). Im antarktischen Neuschwabenland wurde ganz unverfroren gar auf den geografischen Beinamen verzichtet. Dort steht der Ulvetanna, der aber konsequent Matterhorn genannt wird. Nur Matterhorn.

Bei einigen dieser Matterhörner braucht es allerdings etwas Fantasie, um die Ähnlichkeit mit dem Original zu entdecken. Ihr grosser gemeinsamer Nenner ist die Vergangenheit im Eis. Ein «Horn» ist in der Geomorphologie im Allgemeinen ein Berg, welcher übrig geblieben ist, nachdem Gletscher von mehreren Seiten das Gestein abgetragen ­haben. «Solche Formen sind typisch in glazial überprägten Gebieten. Alle Seiten eines Horns sind sogenannte Kare, also vom Eis geformte Hohlformen», sagt ­Adrian Pfiffner, Professor für Geologie an der Uni Bern.

Eine Hohlform ist nicht das, was man auf den ersten Blick mit einem Gipfel verbindet. Schaut man aber auf die topografische Karte, erkennt man gut, was Pfiffner meint: Die vier Wände, die zum Matterhornspitz zusammenlaufen, sind alle nach innen gewölbt, leicht U-förmig. Genau das gleiche Bild gibt die Ama Dablam auf der Karte ab. «Treffen an einem Berg durch rückschreitende Erosion mehrere Kare zusammen, so erhält der Gipfel die typische Form eines Horns. Ein klassisches Beispiel dafür ist das Matterhorn», sagt Pfiffner. Rückschreitende Erosion bedeutet: Der Gletscher bewegt sich talwärts und nimmt dabei Teile des Felsuntergrunds mit. An der Gletscherbasis bleibt das Eis nämlich trotz Schmelzens hartnäckig an den Fels gefroren, wodurch ganze Felsbrocken ausgeräumt werden. Zurück bleibt eine steile, hohlförmige Felswand.

Seit der letzten Eiszeit bildeten sich vielerorts solche Kare, wo das Eis den Fels freigab. Am Matterhorn lassen sie sich besonders gut studieren: Alle vier Wände der Pyramide weisen die charakteristische Hohlform auf. Sehr deutlich ausgeprägt ist sie an der Ostwand, die erhaben über Zermatt steht. Tief in der Wand, auf rund 3500 Metern, zeugen Eisreste vom einst höhlenden Prozess.

Unterschiedliche Gesteine

Das Augenmerk nicht nur auf äussere, sondern auch auf interne Strukturen der Hörner richtet der kanadische Geo­morphologe David Cruden: «Matterhorn Mountains sind scharfe semi-pyramidale Berge, deren interne geologische Strukturen die Erosion nicht in eine bestimmte Richtung begünstigen. Dadurch werden sie von allen Seiten gleich­­mässig abgetragen», so Cruden. Er nennt etwa den Mount Assiniboine in den ­kanadischen Rockys einen Matterhorn Mountain. Dieser weist das in den Rockys oft präsente, horizontal gelagerte Meeresgestein auf. Cruden vermutet, dass die Symmetrie der Pyramide darauf basiert.

Beim echten Matterhorn und auch bei der Ama Dablam sind jedoch solche ursprüngliche Strukturen der sedimentären Ablagerung kaum mehr ­vorhanden. Sie bestehen vorwiegend aus umgewandelten und kristallinen Gesteinen wie Gneisen oder Granit. «Hörner sind sehr verbreitet in kristallinen Gesteinen», sagt Pfiffner. Mount Assiniboine und Matterhorn zeigen, dass sich die äussere Form durchaus gleichen kann, trotz intern andersartigen Gesteinen und Strukturen. Der Art des Gesteins kommt jedoch ohnehin eine sekundäre Rolle zu. Formbildend sind vor allem die Gletscher.

Beim Matterhorn werden die Gletscher in Zukunft kaum mehr etwas an der Form ändern – an allen Flanken haben sie sich weit abgesenkt. Anders bei der Ama Dablam. Zwar sind auch dort die Gletscher seit der letzten Eiszeit weitgehend verschwunden. Der Gipfel ist aber noch deutlich stärker von Eis bedeckt als jener des Matterhorns. Besonders ein Hängegletscher in Gipfelnähe dürfte das Bild der Ama Dablam in Zukunft noch verändern: Falls er im Zuge der Erwärmung abbricht, wird er dem Berg eine leicht andere Silhouette besorgen. Dann werden sich Matterhorn und Ama Dablam noch mehr gleichen. Denn besagter Eiswulst ist ein gutes Unterscheidungsmerkmal, will man die beiden Berge auf die Schnelle nicht verwechseln.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 10.06.2014, 22:26 Uhr)

Wie sieht die Topografie aus?

Was in der Umgangssprache als Horn bezeichnet wird, heisst in der Geomorphologie auch Karling: Felsen, die als Reste zwischen einst mächtigen Gletschern erhalten blieben und heute markante Spitzen bilden. Auf der topografischen Karte kann man die Architektur gut erfassen: Vier Wände laufen steil zu einer spitzen Pyramide zusammen und bilden vier scharfe Grate. Anhand der Höhenlinien kann man die Hohlform der Wände erkennen. Die beiden Karten zeigen Matterhorn und Ama Dablam – finden Sie heraus, welche Karte zu welchem Berg gehört! (do)

Reliefkarten. Zum Vergrössern auf Grafik klicken.

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