Kommentar

Das Schweigen der Geologen

Zum Felssturz von Gurtnellen äussern sich nur Geologen der SBB. Der Rest der Geologenzunft schweigt. Aus Angst.

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Die SBB haben die heutige Sprengung als gekonntes Medienspektakel aufgezogen. Sie besorgten den Medien eigens eine sichere Tribüne in einem Steinbruch auf der gegenüberliegenden Talseite, von der aus sie die Sprengung beobachten konnten. Das Schweizer Fernsehen schaltete sogar eine aufwendige Livesendung. Zwar ist eine Sprengung dieser Grösse sehenswert und eine spannende Sache. Aber wichtiger wäre eigentlich zu wissen, weshalb gesprengt werden musste. Und ob diese Sprengung den Gotthard für Bahn und Auto in Zukunft sicherer macht. Diese Fragen gingen im Explosionslärm unter.

Die wiederkehrenden Felsstürze im Gebiet Gurtnellen an der Gotthardstrecke beschäftigen die Schweizer. Sie wollen wissen, weshalb die Gotthard-Bahnlinie und die Autobahn A2 immer wieder verschüttet werden. Und vor allem, wie sicher die Gotthardroute eigentlich noch ist.

Die Antworten kennen die Geologen. Diese schweigen aber. Öffentlich melden sich nur Geologen der SBB und der Firma Geotest AG, die im Auftrag der SBB die geologische Projektleitung übernommen hat. Sie sind gewissermassen Partei. Ihre Erklärungen sind immer auch Marketing in eigener Sache. Für eine neutrale Einschätzung der Lage wären weitere, von der SBB unabhängige Stimmen wichtig. Zum Beispiel die Stimme des Geologischen Instituts der ETH Zürich. Dort will sich aber niemand zu den Felsstürzen äussern. Der Grund: Beim Felssturz vom 5. Juni kam ein Bauarbeiter ums Leben. Das Institut fürchtet, mit Aussagen in ein laufendes juristisches Verfahren einzugreifen.

Ebenso auf Granit beisst, wer Geologen aus der Privatwirtschaft anfragt. Zwar sprechen alle gerne über die Beschaffenheit der Alpen und erklären die geologische Situation im Gebiet Gurtnellen ausführlich. Aber fast niemand will sich mit geologischen Ausführungen zitieren lassen. Hakt man nach, kommt ans Licht, dass viele Geologen entweder direkt oder indirekt Aufträge von den SBB haben. Deshalb ziehen sie es vor zu schweigen, wie zwei Geologen gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet sagten. Auskunft gab nur ein Geologe, der zurzeit keine Aufträge der SBB hat.

Die Verschwiegenheit der Experten befremdet. Sie passt nicht in unser demokratisches System. Es sollte möglich sein, über Felsbewegungen ohne Angst sprechen zu können. Immerhin geht es um die wichtigste Verkehrsachse des Landes. Die Naturgewalten am Gotthard lassen sich nicht mit medienwirksamen Inszenierungen zähmen. Der Fels ist weiterhin in Bewegung. Und der nächste Felssturz ist nur eine Frage der Zeit.

Erstellt: 18.06.2012, 11:04 Uhr

Jan Derrer, Videoreporter für Tagesanzeiger.ch/Newsnet.

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