Das Vrenelisgärtli strahlt nicht mehr

Von Stefan Häne. Aktualisiert am 31.08.2009 9 Kommentare

Das Vrenelisgärtli ist seit einigen Tagen schneefrei, zum dritten Mal seit Menschengedenken. Weil die Sommer zu warm sind, schmilzt das Gipfel-Firnfeld rasch ab – jetzt wohl für immer.

So kannten die Bergsteiger das Vrenelisgärtli während Jahrzehnten, mit einer weithin sichtbaren Firnkappe.

So kannten die Bergsteiger das Vrenelisgärtli während Jahrzehnten, mit einer weithin sichtbaren Firnkappe.

Das kühne Vreneli

Der Gipfel des Vrenelisgärtli sieht wie ein gegen Norden geneigtes Gartenbeet aus. Die Gestalt des Berges gab der Sage vom Vrenelisgärtli Ort und Form.

Der Ursprung der Sage liegt in keltischen Mythen und christlichen Legenden: Eine junge Frau namens Verena, «e bäumig starchs Meitli», wie es heisst, will auf dem Gipfel des Glärnisch in Geröll und Eis einen Garten pflanzen. Dabei bricht sie alle Tabus, denn die Berge gelten als unantastbarer Sitz der Götter. «Das ist Gott versucht!», warnen sie die Menschen im Tal.

Verena macht sich jedoch unbeirrt auf den Weg, stülpt sich, als es zu schneien beginnt, einen Käsekessel über den Kopf. Das wird ihr zum Verhängnis: Die schwere Schneelast beginnt sie niederzudrücken, bis Verena im kalten Grund versinkt und für immer verschwindet. (sth)

Der August 2009, so meldete Meteo Schweiz am Montag, war extrem warm und überdurchschnittlich sonnig. Es war der drittwärmste August seit Messbeginn 1864, je nach Region 2,8 bis 3,5 Grad wärmer als im langjährigen Mittel. Das hat auch dem Vrenelisgärtli-Firn zugesetzt, der bereits zuvor auf dem Rückzug war.

An heissen Augusttagen glänzte sonst, von Zürich aus gut zu sehen, am gezackten Horizont ein weisses Viereck: das Vrenelisgärtli in den Glarner Alpen, 2000 Meter über dem Klöntalersee. Der ewige Schnee, in Sichtweite der Bahnhofstrasse, gehörte zum Panorama. Doch nun droht diese Erinnerung zu verschwinden.

Vollständig ausgeapert

Das markante, sagenumrankte Gipfel-Firnfeld (siehe Kasten) ist seit einigen Tagen schneefrei. Im Jahrhundertsommer 2003, als die Nullgradgrenze phasenweise bis auf 5000 Meter kletterte, war das «Gärtli» vollständig ausgeapert. In den folgenden Jahren konnte es den Schnee jeweils in den Winter hinüberretten – bis im letzten Jahr, als es im Spätsommer zu einem Schutthaufen mit einem Untergrund aus Eis verkam.

Welch Unterschied zum Sommer 1848! Damals, am 7. Juli, erkletterte der Zürcher Alpinist und Antiquar J. J. Siegfried zusammen mit dem Glarner Führer und Schneider Johann Madutz den 2904 Meter hohen Gipfel zum ersten Mal – das «Gärtli» fanden sie in gleissendem Weiss vor.

Heuer existieren nur noch zwei Eisflecken, beide zusammen so gross wie ein halbes Fussballfeld. Wer auf dem Weg zum Gipfel nicht genau hinschaut, übersieht das mit Geröll überdeckte Eis. Thomas Pfenninger, Bergführer aus dem Zürcher Oberland, spricht vom «kläglichen Rest» eines einst stolzen Firnfeldes. Er besuchte den Gipfel am Montag letzter Woche mit Gästen. «Noch ein Jahrhundertsommer, dann ist das Eis gänzlich weg», sagt Pfenninger.

Ein trauriger Anblick

Momentan zeigen viele Schweizer Gletscher, insbesondere diejenigen im Glarnerland und in Nordbünden, eine sehr weit fortgeschrittene Ausaperung, wie Martin Funk, Glaziologe an der ETH Zürich, sagt. Eine langjährige Messreihe für den Firn auf dem Vrenelisgärtli existiert zwar nicht. Funk schätzt aber, dass die Eisdicke dort seit 1990 pro Jahr 70 bis 80 Zentimeter abgenommen hat, insgesamt also um rund 15 Meter. Messungen der Schneeakkumulation und -schmelze am nahen Claridenfirn liessen diesen Schluss zu.

Einheimische und Bergsteiger können sich nicht daran erinnern, das Vrenelisgärtli vor 2003 je ohne weisse Kappe gesehen zu haben. «Das Gärtli ohne Schnee ist ein trauriger Anblick», sagt der Glarner Emil Zopfi, als Schriftsteller und Bergsteiger ein Kenner des Glärnischmassivs. Dreimal stand Zopfi oben. Die Empfindungen beim Anblick schwindender Gletscher, so Zopfi, seien nicht einfach zu beschreiben. «Ein starkes Gefühl von Vergänglichkeit vielleicht. Nichts ist fest.» Angst macht Zopfi vor allem die Geschwindigkeit, mit der das Eis und der Schnee schmelzen. «Die Beschleunigung aller Prozesse dieser Welt widerspiegeln sich am Berg.»

Die Zürcher sehen es besser als die Glarner

Emil Zopfi hat erst durch den TA vom neuerlichen Schneeschmelzen auf dem Vrenelisgärtli erfahren. Nicht zufällig: Wie alle Glarner hat Zopfi vom Tal aus keinen direkten Blick zum Firnfeld. Anders die Zürcher, für die das Vrenelisgärtli bei klarer Sicht – etwa bei Föhn – zum Greifen nah scheint. Der Berg übt auf die Zürcher denn auch eine eigentümliche Faszination aus.

Die Glarner Bergführerin Evi Kummer hat die Erfahrung gemacht, dass bei Touren aufs Vrenelisgärtli unter den Gäste regelmässig viele Zürcher sind. Die Diskussionen drehten sich dabei jedoch weniger um den Zustand des Vrenelisgärtli als vielmehr um den Gletscherschwund generell. «Eine Problematik, die auch mich nachdenklich stimmt», sagt Kummer und warnt, es werde in den Bergen künftig «steinschlägiger».

Glärnischfirn 400 Meter weniger lang

Bergführerin Kummer stand zuletzt vor zwei Wochen auf dem Vrenelisgärtli, Schnee lag nicht mehr viel. Gar blank war bereits der Glärnischfirn, jener Gletscher, über den die Normalroute zum Vrenelisgärtli verläuft. Früher blieben die Steigeisen oft im Rucksack, da der sanft ansteigende Gletscher zugefirnt war, heute gehören die Zacken in der Regel zwingend an die Bergschuhe.

Dies sagt auch Monika Bont, die in der Glärnischhütte (1993 m.ü.M.) als Gehilfin arbeitet: «Der Gletscher schmilzt in rasantem Tempo.» Auffallend sei, dass der Zeitpunkt seiner Ausaperung zunehmend in den Sommer vorrücke. Früher sei dies meist erst im Herbst der Fall gewesen. Seit 1923 ist der Gletscher um rund 400 Meter geschrumpft. 1973 war er 2,5 Kilometer lang, jetzt sind es 200 Meter weniger.

Auch die Normalroute auf den Gipfel hat sich verändert. Wegen des Firnschwunds lässt sich das Felsfenster zum Verbindungsgrat des Vrenelisgärtli nur noch schwerlich passieren; die Schlüsselstelle führt deshalb über eine steil abfallende, ausgesetzte Felsstufe am Schwander Grat. Um Staus auf der beliebten Route zu verhindern, ist sie seit letztem Jahr nicht mehr nur mit einer, sondern mit zwei Ketten gesichert.

Firn wird sich nicht mehr erholen

Berggänger, die nach Jahren wieder ins Gebiet zurückkehren, sind erstaunt über die augenfälligen Veränderungen im Gebiet. Und manch einer bangt um den Reiz des Glärnischmassivs, wenn es einmal nicht mehr eis- und schneebepanzert sein sollte. Dass sich wieder eine dicke Firnkappe bilden wird, taxiert Glaziologe Funk als «sehr unwahrscheinlich». Er hält es zwar für möglich, dass in einem Jahr wieder Schnee vom Winter her liegen bleibt, als Resultat eines isolierten nass-kalten Sommers. Im darauffolgenden Jahr jedoch werde diese Akkumulation mit grosser Wahrscheinlichkeit wieder wegschmelzen, sagt Funk. «Der Grund dafür ist das zurzeit generell zu warme Klima, vor allem im Sommer.» Und dies werde sich in den kommenden Jahrzehnten kaum ändern.

Die Bergführer und Einheimischen wissen um diese Aussicht. Schwarzmalen möchten sie aber nicht. In den nächsten Jahren bleibe die Tour aufs Vrenelisgärtli «mit Sicherheit genial», sagt Bergführerin Kummer. Schmelze der Gletscher dereinst ganz weg, führe der Weg eben über Geröll auf den Gipfel. Dann biete die Tour möglicherweise zwar nicht mehr alles, was das Berglerherz sich wünsche, räumt Kummer ein. «Für die Zürcher bleibt das Vrenelisgärtli aber sicher ein Traumberg.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 31.08.2009, 21:37 Uhr

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9 Kommentare

Rolf Raess

01.09.2009, 12:22 Uhr
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Alles nicht wahr! Keine Erderwärmung - schon gar nicht hausgemacht - das haben uns, es ist gar nicht lange her, die Bush/Cheney Administration und alle "bösen Rechten" (auch hierzulande, da nachgeplappert) weisgemacht… Wähle… Antworten


Peter Broger

01.09.2009, 10:02 Uhr
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Wirklich schade, aber leider bewegen wir uns uns von der Eiszeit weg. Die letzte Eiszeit (Würm) ist erst seit 10'000 Jahren zu Ende und die nächste folgt, statistisch gesehen, erst in ca. 55'000 Jahren. Wir müssen uns mit dem Gedanken abfinden, dass eines Tages keine Gleschter mehr da sind. Trotzdem müssen wir mit den Resourcen und Belastungen der Umwelt vorsichtiger umgehen. Antworten



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