Das Zeitalter des Menschen

Die Menschheit hat riesige Mengen von Stoffen produziert, die früher nicht auf der Erde existierten. Für Geologen leben wir deshalb im Anthropozän.

Elementares Aluminium war vor 1959 auf der Erde kaum vorhanden: Mit Rotschlamm kontaminierte Erde in Ungarn. Foto: Keystone

Elementares Aluminium war vor 1959 auf der Erde kaum vorhanden: Mit Rotschlamm kontaminierte Erde in Ungarn. Foto: Keystone

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Den Müll der Zivilisation müssen Geologen bei der Feldarbeit bislang stets leise fluchend wegräumen. Immer wieder stossen sie auf Plastikfetzen oder Reste von Aluminiumfolie, ihre Messgeräte finden Russ, Spuren von Plutonium oder Bleipartikel aus dem früher benutzten Benzin. Genau diese störenden Stoffe könnten bald zum eigentlichen Ziel wissenschaftlicher Expeditionen werden. Geoforscher diskutieren seit langem, welche permanenten Spuren die Menschheit in der Umwelt hinterlässt und ob sie deswegen ein neues Erdzeitalter definieren sollten: das Anthropozän (altgr.: «Das menschlich (gemachte) Neue»). «In jüngster Zeit haben sich viele neue Materialien rasant verbreitet», sagt Colin Waters vom Britischen Geologischen Dienst, «und sie hinterlassen Spuren in den Sedimenten.» Jan Zalasiewicz von der University of Leicester bestätigt: «Das Anthropozän zeigt sich im Gestein bereits als Grenze von unterschiedlichen Erdschichten.»

Die beiden britischen Geologen haben jetzt mit 22 Kollegen im Fachblatt «Science» alle verfügbaren Belege zusammengetragen, dass Mitte des 20. Jahrhunderts tatsächlich ein neues Erdzeitalter begonnen hat. Die Autoren gehören einer Arbeitsgruppe der Vereinigung für Stratigrafie an, also für die Lehre der Erdschichten und Erdzeitalter. Nach den Worten ihres Leiters Zalasiewicz bereitet sie nach jahrelanger Arbeit einen Bericht für den Weltkongress der Erdwissenschaften vor, der in diesem Sommer in Kapstadt beginnt. «Der Aufsatz in ‹Science› macht die Arbeit der Gruppe deutlich sichtbar», freut sich das Schweizer Mitglied Jacques Grinevald, emeritierter Professor vom Graduate Institute in Genf. «Viele Menschen haben unseren enormen Einfluss auf die Erde nicht erkannt. Wenn wir morgen verschwänden, liessen sich die Spuren noch Jahrtausende lang nachweisen.»

Klare Linie in Sedimenten

In der Tat enthält die Bilanz der Geologen beeindruckende Zahlen. So hat es elementares Aluminium auf der Erde vor dem 19. Jahrhundert praktisch nicht gegeben. Von den heute 500 Millionen Tonnen sind 98 Prozent nach 1950 produziert worden. Beton kannte zwar schon das antike Rom, aber mehr als die Hälfte der heute 50 Milliarden Tonnen wurde seit 1995 auf Baustellen verwendet. Jedes Jahr erzeugt die Industrie 300 Millionen Tonnen Kunststoffe, auch das hat erst 1950 angefangen. Russ aus unvollständig verbrannter Kohle oder Erdölprodukten gibt es in der Umwelt erst seit der Industrialisierung; ab 1970 habe der Ausstoss noch einmal deutlich zugenommen, stellt die Studie klar. Viele dieser Stoffe werden sich einst in Sedimenten oder Gletschereis als klare Linie nachweisen lassen, ist die Gruppe um Zalasiewicz überzeugt. Es sei die «grösste Verbreitung neuer Materialien seit der Sauerstoffkatastrophe vor 2,4 Milliarden Jahren» zu beobachten.

Der Einfluss der Menschheit prägt den Geologen zufolge die Kreisläufe der Natur. Kunstdünger hat die natürlichen Zyklen von Stickstoff und Phosphor erheblich verändert; das Verbrennen fossiler Energieträger bringt den Kohlenstoffkreislauf durcheinander. Bergwerke fördern pro Jahr 57 Milliarden Tonnen Material aus der Tiefe an die Oberfläche. Zugleich ist der Transport von Sedimenten in Flüssen aus dem Lot, weil einerseits aus abgeholztem Gelände mehr Boden ausgewaschen wird, andererseits 48'000 grosse Staudämme den Weitertransport des im Wasser schwebenden Materials ins Meer stoppen.

Interesse von Künstlern

Das neue Zeitalter unterscheidet sich in den Augen der Wissenschaftler vor allem deswegen vom bisherigen, dem Holozän, weil die ungewöhnliche Stabilität der Epoche seit der Eiszeit einem rapiden Wandel gewichen ist. Drei verknüpfte Faktoren machen die Autoren des «Science»-Artikels dafür verantwortlich: die schnelle Entwicklung neuer Technologie, das starke Wachstum der Bevölkerung und ihr gesteigerter Bedarf an Ressourcen.

Diese Worte enthalten nicht zufällig latente Kritik an der heutigen Lebensweise und machen das Konzept des Anthropozän für viele Zeitgenossen ausserhalb der Naturwissenschaften attraktiv. Jan Zalasiewicz wird nach Vorträgen regelmässig von Künstlern angesprochen: «Männer mit schwarzen Brillenrahmen und Frauen mit Jean-Seberg-Frisuren» drängten sich um ihn, hat die britische Zeitschrift «The Economist» vor kurzem beobachtet.

Natur und Kultur nicht mehr zu trennen

Als sich seine Arbeitsgruppe 2014 nach langem E-Mail-Wechsel persönlich traf, geschah das am Rande einer Ausstellung zum Anthropozän im Haus der Kulturen der Welt, einem Berliner Museum in der als «Schwangere Auster» bekannt gewordenen ehemaligen Kongresshalle beim Reichstag. «Der Begriff macht ja auch klar, dass Natur und Kultur nicht mehr auseinanderzuhalten sind», sagt Reinhold Leinfelder, als Paläontologe von der Freien Universität in Berlin ebenfalls Mitglied der Gruppe.

Solche Sätze nähren das Unbehagen bei Geologen wie Philip Gibbard von der Universität im britischen Cambridge. Er bestreitet den Einfluss des Menschen auf Umwelt und Klima keineswegs und nennt die Beweise in dem «Science»-Aufsatz überzeugend. Aber er weiss nicht recht, was seine Wissenschaft mit dem Terminus Anthropozän anfangen soll, sie beschäftige sich schliesslich mit der Vergangenheit, nicht mit der Zukunft. «Viele, die das Wort gebrauchen, haben keine Vorstellung davon, dass wir es erst richtig definieren müssten», sagt er. «Wenn wir über ein Kilogramm sprechen, sollten Sie und ich doch auch das Gleiche meinen.»

1950 als Startpunkt

Gibbard ist für solche Definitionen zuständig, er ist seit diesem Jahr Generalsekretär der Internationalen Kommission für Stratigraphie (ICS). Damit Anthropozän als Erdschicht und Erdzeitalter zum geologischen Fachbegriff wird, müsste die Arbeitsgruppe einen formellen Vorschlag machen, dem dann qualifizierte Mehrheiten in der zuständigen Untergruppe der ICS, der ICS selbst und in deren Mutterorganisation, der Internationalen Union der Geowissenschaften, zustimmen.

Für den formellen Vorschlag müssten sich die Verfechter des Anthropozäns nach Gibbards Worten auf ein spezifisches Phänomen in den Sedimenten und einen genauen Zeitpunkt einigen. Dazu sei die Diskussion im Feld aber zu uneinheitlich, denn als Startpunkte des Anthropozäns werden der Beginn der Landwirtschaft im Nahen Osten, die Eroberung Amerikas durch die Europäer, der Beginn der Industrialisierung und Ereignisse zwischen Zweitem Weltkrieg und 1964 gehandelt. Zalasiewicz’ Team immerhin hat sich nun auf ungefähr 1950 geeinigt, wo sich viele Veränderungen als definierendes Merkmal anbieten. Womöglich lässt sich der Start des Anthropozäns sogar auf den Tag genau fixieren: Am 16. Juli 1945 explodierte in der Wüste von New Mexico die erste Atombombe. Das danach bis zum Stopp oberirdischer Waffentests freigesetzte Plutonium-239 gab es vorher kaum auf der Welt.

Dennoch ist der Arbeitsgruppe klar, dass ihr Vorschlag, das Anthropozän auszurufen, auf viel Opposition treffen wird. Obwohl Jan Zalasiewicz mit seinem Kollegen Philip Gibbard befreundet ist, sagt er: «Die ICS ist eine ziemlich konservative Organisation.» (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 08.01.2016, 10:14 Uhr)

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