Der Forscher, der Tiere als Botschafter sieht

Martin Wikelski will über das ­Satellitensystem Icarus weltweit Tiere beobachten. Auf diese Weise liessen sich auch Naturkatastrophen und Epidemien vorhersagen.

«Mit Icarus möchte ich ein Cern der Ökologen schaffen», sagt Martin Wikelski. Fotos: Urs Jaudas

«Mit Icarus möchte ich ein Cern der Ökologen schaffen», sagt Martin Wikelski. Fotos: Urs Jaudas

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Draussen im Wald zwitschern Mönchsgrasmücken, drinnen trällern Karla und Heinz lautstark vor sich hin. «Die zwei Bali-Stare aus dem Zoo Wuppertal gehören zu einer der seltensten Vogelarten der Erde, von denen es nur noch wenige Individuen in freier Wildbahn gibt», sagt Martin Wikelski, dessen Büro nur ein paar Meter von der grossen Voliere mitten im Treppenhaus des Gebäudes entfernt ist.

Wikelskis Arbeitsplatz am Max-Planck-Institut für Ornithologie liegt in einer idyllischen Hügellandschaft zwischen Streuobstwiesen und Wäldern bei Radolfzell am Bodensee. Von hier aus koordiniert der Zoologe und Vogelexperte das internationale Megaprojekt Icarus, bei dem Vögel, Insekten, Fische und Säugetiere von überall auf der ganzen Welt mithilfe von solarbetriebenen Minisendern wichtige Informationen aus dem Tierreich sammeln sollen und diese an die Internationale Raumstation (ISS) oder an Satelliten weiterleiten. «Ich möchte ein globales Netzwerk von lebenden Sensoren aufbauen», schwärmt Wikelski. Es liessen sich auf diese Weise nicht nur die enorm weiten Wanderbewegungen etwa von Zugvögeln oder Fledermäusen aus dem All verfolgen, sondern auch mobile Wetterstationen aufbauen oder sogar Naturkatastrophen und globale Seuchen vorhersagen.

Die Tiere haben ein paar Stunden vor dem Erdbeben reagiert.»

Während des Gesprächs im Neubau des Instituts klopft eine Kollegin an Wikelskis Tür. Sie ist für die Brieftauben verantwortlich, die gerade für den mehr als 500 Kilometer langen Flug von Wien nach Radolfzell trainiert werden. «Anstatt den Tauben wie früher einen Zettel in den Schnabel zu stecken oder ihnen ein Päckchen umzubinden, erhalten sie jetzt ein kleines Wettermesssystem auf den Rücken geklebt», erklärt Wikelski. «Die Tauben sind viel besser als irgendwelche Drohnen, da sie keinen Lärm machen, wenig kosten, autonom und ressourcensparend weite Strecken bewältigen und schlau sind.» Für den Wetterdienst könnten sie zum Beispiel an völlig entlegenen Orten zusätzlich Temperatur, Luftdruck, Feuchtigkeit, Windstärke oder die Luftturbulenz messen.

Der 51-jährige Professor für Zoologie und Direktor des Max-Planck-Instituts für Ornithologie vertritt eine neue Forschergeneration. Er entspricht nicht mehr dem klassischen Bild des Tierbeobachters, der draussen in der Natur mit Gummistiefeln und Fernglas steht und wie der berühmte Verhaltensforscher Konrad Lorenz noch in aller Ruhe seine Gänse anschaut. «Wir arbeiten heutzutage hoch technologisch, verwenden neuste Kommunikationssysteme, betreiben Satellitenbeobachtungen und setzen Grosscomputer für unsere Datenverarbeitung ein», sagt der gebürtige Münchner.

Ist es ethisch vertretbar, Tiere im Auftrag der Wissenschaft als eine Art Spion einzusetzen? «Diese Frage haben wir viel diskutiert», antwortet Wikelski. Doch zum einen würden sie nur jeweils wenige Tiere einer Gruppe besendern, und zum anderen sei der Sender so klein, dass er kaum störe. Die Methode gebe den Tieren auch die Möglichkeit, ihre Bedürfnisse und Probleme zu kommunizieren. Zum Beispiel wenn plötzlich mehrere in einer bestimmten Region sterben würden. Es sei wie ein Notrufsystem. Man könne zwar dem einzelnen Individuum nicht helfen, aber der ganzen Population.

Der Sender ist so klein, dass er die Vögel kaum stört.
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Wikelski ist durch und durch der Wissenschaftler. Bereits als Schulkind in der 5. Klasse entdeckte er eine Invasion von Kuhreihern auf der Wiese des Bauernhofs seines Grossvaters, fotografierte die Vogelschar aus Afrika und schickte das Bild an die damalige Vogelwarte Radolfzell. Ein paar Jahre später beringte er nicht nur ein paar Dutzend Rauch- und Mehlschwalben in der Nähe seines Eltern­hauses bei Schlagenhofen am Wörthsee, sondern auch in der Sahara. Im Dschungel von Panama erforschte der studierte Biologe dann zuerst die ­Fleckenbrustwaldwächter sowie anschliessend auf den Galapagos-Inseln die faszinierenden Meeresechsen, die Charles Darwin schon in seinem legendären Tagebuch beschrieb. Obwohl Wikelski an der Eliteuniversität Princeton in den USA eine Professur auf Lebenszeit innehatte, kehrte er mit seiner Familie Ende 2006 zurück nach Süddeutschland. Denn dort habe die Wissenschaftskultur damals ­gerade einen Riesenaufschwung erlebt, sagt er rückblickend.

Hat er den Schritt zurück in die Heimat bereut? «Nein», sagt er und lacht. Im Gegenteil, er habe auch hier viele Freiheiten und Möglichkeiten, seine Projekte und Ideen zu verwirklichen. Gerade kommt er von einem spannenden Flug mit der Cessna 172 zurück, um die am Vorabend beobachtete Zugstrecke einer besenderten Fledermaus abzufliegen. Daraus gewinnen Studenten der Universität Konstanz Informationen, um Flugbewegungen von Fledermäusen im Bereich von Windturbinen vorherzusagen und tödliche Kollisionen zu vermeiden. Gleich wird der umtriebige Zoologe noch nach den 80 Amselpaaren aus Deutschland, Russland, Frankreich und Spanien sehen, deren Junge für den Flug in den Süden besendert und genetisch analysiert werden sollen. Denn er will ­unter anderem herausfinden, was der Antrieb für eine solche strapaziöse Reise ist: das Erbgut oder die Umweltbedingungen.

Um das zu untersuchen, sind Wikelski oder sein Mitarbeiter Jesko Partecke bei den bisherigen Versuchen immer den besenderten Amseln mit dem Auto bis zum Winterquartier nach Südfrankreich hinterhergefahren. Doch nun hofft er, dass solche Fahndungsaktionen vom Boden aus, die vergleichbar mit einer Schnitzeljagd sind, ein Ende haben. Wenn alles nach Plan läuft, bringt im Oktober ein Progress-Transporter eine Spezialantenne zur ISS. «Mit Icarus möchte ich ein Cern der Ökologen schaffen», sagt er. Weltweit und aus allen Ländern könnten Forscher zusammenarbeiten, Tiere besendern und Daten auswerten. Einfach fantastisch.

Vor Katastrophen warnen

Profitiert auch der Mensch von der Big Data aus dem Tierreich? «Ja», antwortet er. Denn die global gesammelten Informationen erlauben Rückschlüsse auf bestimmte, von Tieren auf Menschen übertragene Krankheitserreger, zum Beispiel bei der Vogelgrippe durch Enten. Zudem könnten die Tiere in Zukunft als Botschafter Naturkatastrophen gezielt vorhersagen. Letztes Jahr machte er die Probe aufs Exempel und reiste mit seinem Team unmittelbar nach dem ersten heftigen Erdbeben in Italien in die Nähe des Epizentrums. Auf einem Bauernhof beim Dorf Visso in den Abruzzen rüsteten sie Schafe, Kühe, Hunde, Truthähne, Hühner und Hasen mit Sendern aus.

«Erstaunlich ist», sagt Wikelski, «dass die Tiere schon ein paar Stunden vor dem zweiten heftigen Erdstoss und auch jeweils vor den Nachbeben deutlich reagierten.» Bisher habe man immer nur Anekdoten über den «sechsten Sinn» der Tiere bei Erdbeben gehört. Dies sei nun ein erstes wissenschaftliches Experiment, dass da tatsächlich etwas dran sei.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.05.2017, 23:08 Uhr

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