Der Müllmann der Meere

Der 20-jährige Boyan Slat ist überzeugt, dass er die Ozeane vom Plastikmüll befreien kann. Mit einer Art Kehrichtabfuhr auf hoher See.

Seine Idee der Meermüllentsorgung beschäftigt ihn ständig, «wie ein Unterhosenetikett, das zwickt»: Boyan Slat. Foto: PD

Seine Idee der Meermüllentsorgung beschäftigt ihn ständig, «wie ein Unterhosenetikett, das zwickt»: Boyan Slat. Foto: PD

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Boyan Slat ist besessen. Der Holländer arbeitet seit vier Jahren am gleichen Problem, derzeit 80 bis 90 Stunden pro Woche. Slat will die Ozeane vom Plastikmüll befreien. Das wollen viele, aber er hat eine neue Idee. Er hält sie für die beste – weil sie simpel ist.

Slat erzählt seine Geschichte, so wie er es in unzähligen Vorträgen und Interviews getan hat: Als 16-Jähriger verbrachte er seine Ferien am griechischen Mittelmeer. Als er tauchen ging, sah er kaum Fische, dafür viele Plastiksäcke.

Andere hatten diese Erfahrung vor ihm gemacht. Der Meeresforscher Charles Moore war der Erste, der das Ausmass der Verschmutzung mit eigenen Augen sah. 1997 war Moore auf dem Rückweg von Hawaii nach Kalifornien. Tausende Kilometer von der Küste entfernt geriet sein Schiff in ein Meer aus Plastik. Flaschen, Verpackungen, Säcke – Moore trieb inmitten eines gigantischen Abfallwirbels. Draussen auf dem Ozean dreht sich der Müll mit der Meeresströmung im Kreis. Fünf solcher Abfallwirbel gibt es, zwei im Atlantik, zwei im Pazifik und ­einen im Indischen Ozean. Wie gross sie sind, weiss niemand genau, weil der Müll auch unter der Wasseroberfläche treibt und in winzige Stücke zerfällt. Der von Moore entdeckte Wirbel wird auf die ­Fläche Westeuropas geschätzt.

Boyan Slat lässt sich von der Grösse des Problems nicht abschrecken. Während eines halbjährigen Forschungsprojekts an der Schule arbeitet er sich in das Thema ein. «Unter den Wissenschaftlern gab es eine Art Konsens: Es ist unglaublich schwierig, das Plastikproblem zu ­lösen.» Also suchte Slat eine Studie, ­welche die Unlösbarkeit des Problems beweist. Er fand sie nicht.

Suche nach Sponsoren

«Bei einem komplizierten Problem scheinen die Leute zu glauben, dass die Lösung automatisch auch kompliziert sein muss», sagt Slat. Er brauchte ein Jahr, um von komplizierten Ansätzen mit Booten und Netzen zu seiner Idee zu kommen: Warum sich mit Schiffen durch den Ozean bewegen, wenn sich der Ozean selbst bewegt? Slat denkt dies, als er an einem Sommerabend draussen auf der Terrasse sitzt. Er kritzelt einen ersten Entwurf auf die Serviette: eine gigantische Auffangeinrichtung in der Form eines V. Die Arme bestehen aus je 50 Kilometer langen Barrieren, die auf dem Wasser treiben. Festgemacht sind sie an einer Plattform, die am Meeresboden verankert ist. Unter den treibenden Barrieren hängen Vorhänge drei Meter in die Tiefe – damit auch absinkender Müll aufgefangen wird. Slat glaubt, dass die Meeresströme den Müll automatisch in die Arme der Anlage treiben, wo er entlang der Barrieren bis zur Plattform in der Mitte schwimmt. Dort wird er gesammelt, bis etwa nach 45 Tagen die Müllabfuhr in der Form eines Schiffes kommt.

Boyan Slat – dessen Vorname «Kämpfer» bedeutet – ist zu diesem Zeitpunkt ein Teenager mit einer Idee, mehr nicht. Er beginnt, in Delft Raumfahrttechnik zu studieren, immer wieder denkt er an seine Skizze – «wie an ein Unterhosen­etikett, das ständig zwickt». Er verlässt die Uni. Er ruft bei 300 Unternehmen an und bittet um Sponsoring: «Hier ist Boyan Slat, ich bin 18 und ich will die Ozeane retten.» Er erhält 300 Absagen.

«Noch nicht praktikabel» – sagt auch Lars Gutow, Meeresbiologe am Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven, zu Slats Projekt. Das System ziehe eine Reihe von Problemen nach sich, «die offensichtlich nicht gelöst sind». Zum Beispiel die Stabilität der Anlage: Slat geht davon aus, dass 95 Prozent der Wellen auf dem Ozean unter 5,5 Meter hoch sind. Er sei kein Ingenieur, betont Gutow. «Aber ich befürchte, dass die wenigen aussergewöhnlich hohen Wellen der Sache das Genick brechen könnten.» Er habe selbst eine Plattform in der Nordsee besichtigt, deren Geländer 20 Meter über dem ­Wasser lag. Nach einem Sturm war es komplett verbogen.

Gutow glaubt, dass sich zwischen den Armen der Anlage nicht nur Plastik, sondern auch deutlich mehr Plankton und Algen als erwartet sammeln werden. Zudem sei das System nur darauf angelegt, Müll zu sammeln, der an oder knapp unter der Oberfläche treibt: Doch Plastik wird im Meer von Organismen bewachsen; er wird schwer und sinkt. Gleichzeitig zerfällt er durch Sonnenstrahlung in immer kleinere Teile, die schwer herauszufiltern sind.

Tausende Unterstützer

Trotz Kritik verbreitet sich Slats Idee schlagartig: Vor einem Jahr hält er einen Vortrag bei Tedx, einer bekannten Plattform für Forscher. Slat sieht aus wie ein Teenager: Jeans, zerknittertes Hemd, lange Haare und ein jungenhaftes Gesicht. Aber er spricht wie ein Profi. Das elfminütige Video des Vortrags wird über eine Million Mal angesehen. Nach dem Auftritt kommen Forscher, Professoren, Wissenschaftler auf ihn zu und bieten ihm ihre Hilfe an. Aus Slats Idee wird ein Projekt: The Ocean Cleanup, 100 Mitstreiter, überall auf der Welt verstreut. Innerhalb eines Jahres erstellen Slat und sein Team eine Machbarkeitsstudie, 500 Seiten dick, autorisiert von über 70 Wissenschaftlern: Die Plattform kann stabil verankert werden, das Plankton wird unter der Anlage durchtauchen, das System ist profitabel, der gesammelte Abfall kann wiederverwertet werden.

Über 1,5 Millionen Dollar hat Slat per Crowdfunding bereits gesammelt. 2 Millionen braucht er, etwa um geeignete Materialien zu testen und sein Team auszubauen. In drei bis vier Jahren will er die erste Anlage im Nordpazifik bauen.

Slat ist vor kurzem 20 Jahre alt geworden und wohnt noch bei seinen Eltern. Derzeit ist das Projekt sein Leben. «Besessenheit», sagt Slat, – «ist doch nichts Schlechtes.»

www.theoceancleanup.com (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 23.08.2014, 02:40 Uhr)

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