«Der Präzedenzfall M13 könnte dem Bären zum Verhängnis werden»

Erneut zieht ein Bär durch Graubünden. Nach seiner ersten Begegnung beschreibt ein 75-Jähriger M25 als elegant und zärtlich. Bären-Expertin Joanna Schönenberger macht sich Sorgen um das Raubtier.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

«Ich hätte mich direkt verlieben können», beschreibt Peter Balscheit seine erste Begegnung mit einem Bären. Der Tschierver war mit dem Auto von Zernez nach Samedan unterwegs, als es geschah. Am linken Strassenrand stand ein Bär auf einer etwa sechs Meter hohen Mauer. «Ich hielt an und schaute ihn an. Ich war begeistert von seiner Eleganz und seiner Anmut und sprach ihm laut ein Kompliment aus», erzählt er Tagesanzeiger.ch/Newsnet. Das Tier habe sich bei ihm mit einem zärtlichen Blick zurück bedankt und sich kurz darauf etwas mehr in Waldnähe zurückgezogen. Der 75-Jährige genoss den Moment, schoss zwei Bilder und informierte kurz drauf den Wildhüter.

Spätestens seit dem Zusammentreffen ist klar: In der Schweiz treibt sich wieder ein Bär herum. Er heisst M25, ist zwei Jahre alt und männlich. Das Tier war im Februar im Südtirol eingefangen und mit einem Sender versehen worden (sehen Sie hier das Video). Die dortige Wildhut habe Graubünden am Freitag über sein Einwandern in die Schweiz informiert, wie Georg Brosi, Leiter des Bündner Amts für Jagd und Fischerei sagt.

Neugierig und weniger vorsichtig

Dass Jungtiere aus der Trentiner Bärenpopulation in die Schweiz kommen, ist keine Seltenheit. «Es ist typisch für junge Männchen, sich auf den Weg zu machen und Erfahrungen zu sammeln», sagt Joanna Schönenberger, Bären-Expertin beim WWF. In jungen Jahren seien die Tiere neugieriger und weniger vorsichtig. Erfahrungsgemäss würden sie bei Geschlechtsreife mit vier bis fünf Jahren zu ihren Weibchen zurückkehren.

Im Südtirol ist M25 bekannt, weil er bereits mehrere Schäden angerichtet und vereinzelt Schafe gerissen hat, deshalb wurde er mit einem Sender versehen. Von systematischen Angriffen auf Nutztiere kann dabei laut Schönenberger nicht die Rede sein. «Das Radiohalsband könnte dem Bären mehr schaden, als dass es Schafe vor seinen Angriffen beschützt», sagt sie. Nun werde M25 hierzulande bereits als Problembär angesehen, obwohl er offiziell noch gar keiner sei. «Wir müssen aufpassen, dass der Präzedenzfall M13 dem M25 nicht zum Verhängnis wird.»

Ein Präzedenzfall

M13 war der letzte Bär, der sich im Kanton Graubünden herumtrieb. Das Männchen wurde dreijährig im Februar 2013 im Südtal Puschlav abgeschossen. Immer wieder kam er Siedlungen zu nahe und liess sich am Schluss selbst mit Gummischrot-Geschossen nicht mehr vertreiben.

Auch wenn sich viele Gemeinden und Täler noch dagegen sträuben, hat sich im Puschlav seit dem Abschuss von M13 viel in Sachen Vorbereitung auf ein Leben mit Bären getan. So wurde zum Beispiel in einigen Orten ein bärenfreundliches Abfallsystem eingeführt. «Bären bleiben den Menschen fern, wenn es sich für sie nicht lohnt», sagt Schönenberger. Es gilt also keinen Abfall oder Futter draussen stehen zu lassen, Abfallkübel zu verschliessen und Bienenhäuser und Schafsherden zu schützen.

Bei ihrer Rückkehr in die Schweiz haben es Raubtiere nicht einfach. Die Angst vor ihnen ist gross, der Platz in den Köpfen der Menschen für sie klein. Nach M13 bekamen dies in den letzten Monaten zwei Wölfe zu spüren. Im September wurde der Wolf M35 in Obergoms zum Abschuss freigegeben. Anfang Jahr schliesslich hat ein Wilderer das Jungtier M42 in Tamins illegal erlegt.

Verständlich, aber unberechtigt

Für Schönenberger ist die Angst vor den Tieren verständlich, aber unberechtigt. «Für die Menschen ist es schwierig, sich an die Präsenz von Grossraubtieren zu gewöhnen», sagt sie. Helfen würden da vor allem Massnahmen der zuständigen Behörden. Im Calandagebiet, wo das Wolfsrudel lebt, zähle man zum Beispiel sehr wenige Risse.

Als positives Beispiel im Umgang mit Wildtieren und der Vorbereitung auf deren Wiederansiedlung nennt Schönenberger auch das Bündner Münstertal. Über dieses Gebiet wanderte M25 am Freitag in die Schweiz ein. Peter Balscheit freuts: «Ich nehme an, der Bär ist auf seinem Weg an meinem Haus vorbeigelaufen», sagt er lachend. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 10.05.2014, 16:58 Uhr)

Joanna Schönenberger ist Bären-Expertin bei WWF Schweiz.

In der Schweiz besteht keine residente Population von Braunbären. Die Karte zeigt, wo sich die in der Periode von 2010-2012 eingewanderten einzelnen Bären aufhielten. (Grossansicht durch Doppelklick)

Artikel zum Thema

Wieder ist ein Bär nach Graubünden eingewandert

Ein Autofahrer hat bei Zernez im Unterengadin einen Bären gesichtet. Beim Bären handelt es sich um M25 – ein zweijähriges, männliches Jungtier, das als «Schafkiller» aufgefallen sein soll. Mehr...

Mit Gummischwert gegen Bär

Die ukrainische Regierung wehrt sich verzweifelt gegen den prorussischen Aufstand. Doch Ineffizienz, Korruption sowie mangelnde Loyalität lähmen Sicherheitskräfte und Verwaltung. Mehr...

Schluss mit Wölfen

Hintergrund Die Walliser Behörden haben den Wolf M35 zum Abschuss freigegeben. Die Gommer sind erleichtert, aber noch nicht zufrieden. Ihre Forderungen gehen weiter. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Service

Ihre Kulturkarte

Abonnieren Sie den Carte Blanche-Newsletter und verpassen Sie kein Angebot.

Werbung

Kommentare

Weiterbildung

Trainieren oder verlieren

Mit Gedächtnistrainings die Lernfähigkeit verbessern.

Die Welt in Bildern

Auch Superhelden brauchen mal eine Pause: Ein Besucher im Spiderman-Kostüm ruht sich an der Messe Comic Con Tokio kurz aus. (2. Dezember 2016)
(Bild: Issei Kato) Mehr...