Der Wolfskommissar

Aufgrund des milden Winters gebe es derzeit keine Probleme mit dem Calanda-Rudel, sagt Georg Brosi. Umso mehr bedauert er es, dass vor kurzem auch in Graubünden ein Jungwolf illegal geschossen wurde.

Den Rückkehrer Wolf müsse man erziehen, meint Georg Brosi. Foto: Thomas Egli

Den Rückkehrer Wolf müsse man erziehen, meint Georg Brosi. Foto: Thomas Egli

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Letzten Sommer bei Flims: Zwei Kinder spielen auf einer Wiese, wo sich gerade ein Wolf ausruht. Der Vater verscheucht das dösende Tier umgehend. ­Etwas mehr als zehn Meter vom Mann entfernt schleicht der Wolf wieder ins Gebüsch und verschwindet, als wäre nichts gewesen. Ein paar Monate zuvor hetzten drei Wölfe ein Reh aus dem nah gelegenen Wald in Trin zwischen Häuser und töteten es. Als sie gestört wurden, liessen sie die Beute liegen. Später kam einer von ihnen zum gerissenen Reh zurück. Auch in diesem Fall liess sich der Wolf vertreiben. Alles lief glimpflich ab.

«Obwohl es bisher noch keine direkten gefährlichen Situationen gab, ist ein Übergriff auf den Menschen ein absolutes No-Go», sagt der Bündner Jagdinspektor Georg Brosi bei unserem Treffen im Amt für Jagd und Fischerei in Chur diese Woche. Denn ein solcher Vorfall würde das ganze Wolfs­projekt um Jahrzehnte zurückwerfen. Aus diesem Grund müsse man den Rückkehrer Wolf erziehen und sein Verhalten in der vielfältig genutzten Kultur­landschaft beobachten. Weil es im Jahr 2015 häufig zu problematischen Begegnungen zwischen Menschen und Wölfen in oder um Siedlungen kam, hat das Bundesamt für Umwelt den Abschuss zweier Jungwölfe aus dem Calanda-Rudel genehmigt. Mit der Begründung, dadurch eine Verhaltensänderung bei den anderen Tieren zu bewirken.

Ein solcher Abschuss ist noch bis Ende März erlaubt und an strikte Bedingungen geknüpft. So darf nur ein Jungwolf aufs Mal geschossen werden. Und auch nur, wenn die Tiere in Siedlungsnähe sind und zu Aktivitätszeiten des Menschen umherziehen. «Momentan haben wir nicht mehr die Probleme wie im letzten Winter», sagt Brosi. Die Calanda-Wölfe würden sich aufgrund des milden Winters viel weiter weg von der Talsohle und den Dörfern aufhalten, weil dort die Beutetiere seien. Im Augenblick jage das Rudel zum Beispiel Rotwild in höheren Lagen. Allerdings könne sich dies auch schnell wieder ändern, und sichere Vorhersagen gebe es nicht.

Täter gesucht

Dennoch ist es jetzt zum zweiten Mal zu einem illegalen Abschuss in Graubünden gekommen. Waldarbeiter haben vor ein paar Tagen unterhalb einer Strassenbrücke auf dem Gemeindegebiet von Sils im Domleschg den Kadaver gefunden. «Nach bisherigen Erkenntnissen handelt es sich um einen im Jahr 2015 geborenen, männlichen Jungwolf», sagt Brosi. Er bedauere den Abschuss und werde den Täter mit allen Mitteln strafrechtlich verfolgen. Dabei zähle er auf die Unterstützung der Bevölkerung, die vielleicht Hinweise geben kann.

Die Verbreitung des Wolfs spaltet die Gesellschaft. Auf der einen Seite stehen Naturschützer und Tierfreunde, die ihn als Ökoikone und Garant der Biodiversität für eine intakte Umwelt sehen. Auf der anderen Seite Bauern, die ihn als bedrohliches Raubtier wahrnehmen, das Nutztiere angreift und nur noch Kopf, Wirbelsäule, Haut und Fell auf der Weide zurücklässt. Der reale Wolfsalltag sehe aber weit weniger dramatisch aus, sagt Brosi. Dennoch muss er von beiden Seiten immer wieder Kritik einstecken und wird entweder als «Wolfsfreund» oder «Wolfsfeind» beschimpft. Zart besaitet darf er in diesem Amt nicht sein, beim Abschuss der Problembären JJ3 und M13 erhielt er sogar Morddrohungen.

Der 63-jährige Bündner hat sich in dieser Beziehung ein dickes Fell zugelegt und ist mit seiner sachlichen, ruhigen Art ein gefragter Experte bei den hitzigen Debatten. «Der Wolf ist kein Lamm und auch keine Bestie», sagt der Veterinärmediziner am grossen Holztisch im Sitzungszimmer neben seinem Büro. Diesen Satz wiederholt er eine Stunde später bei der öffentlichen Podiumsdiskussion über das Wolfsmanagement im voll besetzten Loësaal, ein paar Schritte von seinem Arbeitsplatz entfernt, mit rund 100 Besuchern, darunter auch Schafzüchter, die ihre Sorgen und Ängste anbringen. Seit 2012 lebt im Gebiet des Calanda-Ringelspitz-Massivs das erste Wolfsrudel der Schweiz. Die beiden Alphatiere M30 und F07 vermehren sich dort prächtig und haben bereits zum vierten Mal in Folge Nachwuchs. In Mitteleuropa findet die Verpaarung in der Regel Ende Februar oder Anfang März statt. Nach zwei Monaten Tragzeit kommen meist vier bis sechs Welpen zur Welt. Doch Krankheiten oder Verkehrsunfälle führen dazu, dass nur etwa jeder zweite das erste Lebensjahr übersteht. Im Alter von 11 bis 24 Monaten verlassen die Jungwölfe meist das Rudel, um sich ein eigenes Revier zu suchen. Seit letztem Sommer gibt es auch ein Rudel im Tessin. Und ein Pärchen im Wallis.

Hat er schon oft einen Wolf im Wald gesehen? Nur dreimal, sagt Brosi. Im Gegensatz zu seinen Wildhütern habe er seltener die Gelegenheit dazu. Dennoch ist er vor allem in seiner Freizeit viel draussen und liebt es, etwa im Unterengadin zu wandern, zu fischen, zu klettern oder auf die Jagd zu gehen. Seit Jahren setzt er sich als Jagdinspektor des Kantons Graubünden für einen pragmatischen Umgang mit dem Wolf ein. Dazu gehöre es auch, dass Schafzüchter Herdenschutzhunde einsetzen, Menschen in den Bergregionen keine Abfälle draussen lassen und Jäger in der Nähe von Siedlungen keine Füchse anfüttern.

Obwohl das etwa zehnköpfige Calanda-Rudel grosse Mengen Fleisch braucht, findet es in der Wildnis genug Futter, erklärt Brosi. Ist die Beute einmal erlegt, läuft es hierarchisch ab: zuerst die Alphatiere, danach die Vorjährigen und am Schluss die Jüngsten. Ein Rudel verwerte anders als allein herumstreifende Rüden alles, weil Letztere nach dem Fressen meist weiterziehen und nicht mehr zum erlegten Beutetier zurückkehren.

Verwechslung im Schnee

Gibt es nicht nur illegale Abschüsse, sondern auch irrtümliche? Ja, leider, antwortet Brosi und zeigt auf das Schwarzweissbild an der Wand im Sitzungszimmer. Es handelt sich um Wolf M44 aus dem ­Calanda-Rudel, den der Zürcher Künstler Michael Günzburger vor der üblichen veterinärmedizinischen Untersuchung mit einer speziellen Abdrucktechnik verewigt und auf Papier gebannt hat. Das Kunstwerk des Kadavers erinnert an eine filigrane Bleistiftzeichnung eines schlafenden Wolfs. «Der ­Jäger hat sich damals entschuldigt und selbst angezeigt», sagt Brosi, «weil er den Wolf durch den schwerfälligen Gang im Neuschnee versehentlich mit einem Fuchs verwechselt hatte.»

Kann man nicht alle Wölfe in der Schweiz besendern, um sie besser zu kontrollieren und zu managen? Im Moment sei er froh, sagt Brosi, dass nur noch der Wolf bei Einsiedeln einen Peilsender habe. Ein Wildtier solle ein Wildtier bleiben und sei kein Spielzeug. Ein GPS-Sender mache nur in Spezialfällen Sinn, wenn eine spezifische Fragestellung vorliege. Nur zur Überwachung komme das für ihn nicht infrage. Ganz abgesehen davon, dass der Einfang eines Wolfs mit hohem Aufwand verbunden sei.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.03.2016, 23:22 Uhr

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