Die Abgründe des Gletscherforschers

Eine Ausstellung im Grindelwald-Museum widmet sich dem unheimlichen Rassismus des bekannten Freiburger Naturwissenschaftlers Louis Agassiz, nach dem sogar ein Berg benannt wurde.

Louis Agassiz: Der Naturwissenschaftler, 33-jährig, auf einem Gemälde von Fritz Zuberbühler.

Louis Agassiz: Der Naturwissenschaftler, 33-jährig, auf einem Gemälde von Fritz Zuberbühler. Bild: PD

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Es war eine unternehmungslustige Forschertruppe, die damals hoch über Grindelwald in den Bergen herumstiefelte und auf dem Unteraargletscher Beweise für die Wahrheit ihrer glaziologischen Theorie suchte. Die Forscher unter Führung von Louis Agassiz bohrten sich in das Eis, nach eigenen Angaben bis zu 140 Fuss tief, hackten einen Graben quer über den Gletscher und seilten sich in Spalten ab. Unter einem grossen Schieferblock auf der Mittelmoräne richteten die Männer aus Neuenburg ihr Quartier ein, das «Hôtel des Neuchâtelois» auf 2477 Meter über Meer.

Im Jahr 1840 kam es zum Taufakt, der auch heute noch zu reden gibt. Auf die Frage nach den Namen umliegender Bergriesen vermochte der Bergführer keine Auskunft zu geben, nur das Finsteraarhorn und das Unteraarhorn waren mit Namen bekannt. Agassiz, dessen Sekretär Edouard Desor und die übrigen Expeditionsteilnehmer, die vom Grimselpass her aufgestiegen waren, schritten zur Tat und benannten die Gipfel nach berühmten Schweizer Naturforschern: Scheuchzerhorn! Grunerhorn! Altmann! Studerhorn! Escherhorn! Hugihorn! Hoch sollen sie leben! Der Anführer der Expedition wurde ebenfalls in der Alpenwelt verewigt – im Agassizhorn, das als «steile Pyramide» beschrieben wurde. «Das Publikum, das wissenschaftliche besonders, wird unsere Namen hoffentlich gutheissen», heisst es im Bericht von Desor. Die Namen fanden den Weg auf die Karten, bald schienen sie so unumstösslich wie die Berge.

Die Demontierung scheiterte

Dass Agassiz ein eingefleischter Rassist war, wurde erst vor einigen Jahren bekannt. Als man 2007 weltweit des 200. Geburtstags des Naturforschers gedachte, platzte das Komitee «Démonter Agassiz» in die Feierlichkeiten. Historiker Hans Fässler und seine Mitstreiter konnten ihre These mit zahlreichen Stellen aus Briefen und Publikationen belegen. Um die Minderwertigkeit der von ihm verabscheuten schwarzen Rasse zu dokumentieren, liess Agassiz Fotografien von Sklaven anfertigen; darunter ein Mann namens Renty aus dem Kongo. Als Wiedergutmachung verlangte das Komitee die Umbenennung des Agassizhorns (3946 m ü. M.) in Rentyhorn. Es gab eine Petition, Vorstösse im Nationalrat, in den Parlamenten der Kantone Bern und Wallis. Die Umbenennung scheiterte. Laut Fässler «ist sie jetzt kein Thema, aber noch immer ein Traumziel». Wichtig sei aber nach wie vor die «historische Korrektur».

In der aktuellen Ausstellung im Grindelwald-Museum geht es nun um Agassiz und Renty. Im Ort ist man bemüht, Polemik zu vermeiden. «Wenn Unrecht geschehen ist, so ist das zu verurteilen», sagt der Gemeindepräsident Emanuel Schläppi. Darum habe man auch Hand für die Ausstellung geboten. Der Rassismus von Agassiz sei aber «kein zentrales Thema in Grindelwald». Die Standortgemeinden – neben Grindelwald sind das Guttannen und Fieschertal (VS) – haben eine Umbenennung des Berges abgelehnt. Mit dem Namen erinnere das Horn daran, dass jeder Mensch gute und dunklere Seiten im Leben habe, sagt Schläppi. «Der Berg ist keine Hommage an Agassiz.» Am liebsten wäre es ihm, wenn gar nie Berge nach Menschen benannt worden wären, später habe man damit schnell einmal ein Problem.

Ist Agassiz ein halber Hitler?

Auf einer der Tafeln zeigen die Ausstellungsmacher Agassiz neben Adolf Hitler mit parallel montierten Zitaten, nur die Fussnoten verraten, ob die Sätze aus dem Munde des Forschers oder jenem des Nazi-Führers stammen. Erst war Agassiz ein gefeierter Glaziologe und Harvard-Professor, ein Star der Wissenschaft, dann ein Rassist, der sich vor dem Kontakt mit Schwarzen ekelte – und jetzt ist er gar ein halber Hitler?

Auf den Einwand, Agassiz habe weder einen Weltkrieg vom Zaun gebrochen noch einen Holocaust verübt, entgegnet Fässler, die Gegenüberstellung sei ein «starkes Zeichen», eine «Zuspitzung», die aber nicht einfach als Provokation zu verstehen sei. Zwar habe Hitler die rassistischen Äusserungen von Agassiz nicht gekannt, doch gebe es eine «indirekte Wirkungskette» – mehrere für Hitlers Rassentheorien wichtigen Autoren wie Davenport, Stoddard und Lenz bezogen sich in ihren Werken auf Agassiz. Der Vergleich mit Hitler mag überrissen erscheinen – Passagen aus einem Brief von Agassiz an seine Mutter lasse einen jedoch erschauern. Er schrieb vom «unterwürfigen, kriecherischen, nachahmerischen Neger» und wollte den Schwarzen Territorien zuweisen, um die befürchtete Rassenvermischung zu verhindern. «Welch ein Unglück für die weisse Rasse, dass sie ihre Existenz so eng mit der von Negern verknüpft hat! Gott bewahre uns vor solcher Berührung!»

Auch ein Mars-Krater heisst so

Agassiz ist überall: Berge in Utah, Arizona, Kalifornien und in den Anden tragen seinen Namen, ein Wildlife Refuge in Minnesota, ein Gletscher und ein Fluss in Montana, ein eiszeitlicher Riesensee östlich der heutigen Hudson Bay in Kanada, eine Ortschaft in British Columbia, verschiedene Tierarten, eine Strasse in Lausanne, ein Stein im Geburtsort Môtier (FR) am Fuss des Mont Vully, eine Gesteinsformation auf dem Mond, ein Krater auf dem Mars . . . und diese Liste ist nicht einmal vollständig.

«In Grindelwald den Gletschren by, da chas schon eppa guxen, u z’zytewys tued o e chlyn der Fehnd is chon ga fuxen.» So dichtete Gottfried Strasser im Grindelwaldlied. Doch um Agassiz zu demontieren, braucht es wohl mehr als den Föhn – so wie 1906 an der Stanford University bei San Francisco, als eine Agassiz-Statue wegen des grossen Erdbebens vom Sockel stürzte und sich kopfvoran ins Pflaster bohrte.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.07.2012, 13:51 Uhr

Louis Agassiz

Von der Wissenschaft belächelt
Jean Louis Rodolphe Agassiz wurde am 28. Mai 1807 als Sohn des Pfarrers in Môtier FR geboren. Er studierte Medizin sowie Naturwissenschaften und machte sich einen Namen mit umfangreichen Arbeiten über fossile Fische. Agassiz war nicht der Erste, der die Theorie einer Eiszeit propagierte. Die Theorie wurde damals in führenden Kreisen der Wissenschaft jedoch belächelt.

1837 hielt Agassiz als Präsident der Schweizer Gesellschaft für Naturwissenschaft eine aufsehenerregende Rede: Er sagte, die nördliche Halbkugel müsse früher unter einer gigantischen Eisdecke gelegen haben. Darwins Evolutionstheorie lehnte er ab, seiner Meinung nach hatte die Eiszeit zum Verschwinden des Lebens geführt und Platz für eine neue Schöpfung geschaffen. Gletscher waren für ihn die «grosse Pflugschar Gottes». Nach einer Reise in die USA blieb er dort, und 1847 erhielt er eine Professur an der Harvard University. Er verbreitete die Eiszeittheorie im englischen Sprachraum. Agassiz starb am 14. Dezember 1873. Für sein Grab wurde ein Felsblock von der Moräne des Unteraargletschers in die USA transportiert. (wal)

Museum

Ausstellung bis im September. Infos: www.grindelwald-museum.ch

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