«Die Hitzewellen werden heisser»

Der ETH-Klimaforscher Christoph Schär sieht auf Städte wie Zürich und Bern schwere Probleme zukommen. Sie seien nicht für das sich wandelnde Klima gebaut.

«Man sollte mehr für den Sommer bauen»: Christoph Schär über den Dächern Zürichs. Foto: Reto Oeschger

«Man sollte mehr für den Sommer bauen»: Christoph Schär über den Dächern Zürichs. Foto: Reto Oeschger

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Das muss Sie mit Genugtuung erfüllen: Dieser Sommer mit zwei intensiven Hitzewellen bestätigt Ihre langjährigen Forschungen.
«Genugtuung» ist da das falsche Wort. Die Klimaveränderung ist eine zu ernste Sache. Sie wird wahrscheinlich schwerwiegende Folgen haben. Aber dieser Sommer bringt eine Bestätigung für unsere Arbeit. Seit 20 Jahren machen wir auf den Klimawandel aufmerksam. Zuerst auf grossräumige, globale Entwicklungen. Nun auch vermehrt darauf, dass wir den Klimawandel auf lokaler Ebene er­leben können.

Klimaforscher predigen ja immer, dass wir zwischen Wetter und Klima ­unterscheiden müssten: Kurzfristige Ereignisse wie ­Hitzewellen seien dem Wetter zuzuordnen und liessen keine Rückschlüsse auf das Klima zu.
Das ist schon richtig. Eine einzelne Hitzewelle kann nur schwierig mit dem Klimawandel in Verbindung gebracht werden. Entscheidend aber ist die Häufung solcher Hitzewellen insgesamt, die nicht nur in der Schweiz, sondern in vielen Weltgegenden beobachtet wird.

Letztes Jahr hatten wir einen schrecklich kalten, nassen Sommer.
Der Sommer 2014 war miserabel, aber er lag temperaturmässig sogar leicht über dem langjährigen Mittel. Auch vergleichsweise kühle und regenreiche Sommer entsprechen durchaus unseren Modellberechnungen.

Wie das?
Unsere Modelle sagen, dass es nicht nur durchschnittlich wärmer wird, sondern dass die Schwankungen von Jahr zu Jahr zunehmen.

Das müssen Sie genauer erklären.
Die ansteigende Durchschnittstemperatur wird von natürlichen Schwankungen überlagert. Klimamodelle zeigen, dass diese Schwankungen im Sommer zunehmen könnten. Ein schlechter Sommer mit vielen Niederschlägen wie letztes Jahr – gefolgt von einem heissen Sommer mit mehreren Hitzewellen: Das passt ins Bild, das uns die Klima­modelle vermitteln.

Nämlich …
… dass die Unterschiede von Jahr zu Jahr grösser werden und dass damit gewisse Wetterextreme künftig häufiger werden. Das einfachste Bild des Wetters am Ende des Jahrhunderts ist das heutige Wetter, aber vier bis fünf Grad wärmer. Aus den leichten Hitzewellen der Vergangenheit werden dabei die schweren Hitzewellen der Zukunft.

Warum gibt es gleichzeitig mehr starke Regengüsse in sehr kurzer Zeit, wie wir sie in letzter Zeit ebenfalls erlebt haben?
Das hat damit zu tun, dass wärmere Luft mehr Feuchtigkeit aufnehmen kann. Die absolute Feuchtigkeit der Luft steigt um 6 Prozent pro Grad Celsius Erwärmung. Es hat also mehr Wasser in der Luft, die sich kurzfristig entladen und damit zu Starkniederschlägen führen kann. Beim Niederschlag ist der Nachweis etwas schwieriger als bei der Temperatur, aber es gibt Beobachtungen, die unsere Modelle bestätigen.

Sie und Ihre Mitarbeiter haben Methoden entwickelt, mit denen Sie Aussagen über lokale Klimaentwicklungen machen können, etwa für Städte wie Bern und Zürich. Wie wird sich das Klima da verändern?
Zu diesem Zweck verknüpfen wir die Modellresultate mit den beobachteten Temperaturreihen. Die Temperaturen in Zürich oder Bern werden sich nicht wesentlich anders verändern als, sagen wir, auf dem Pfannenstiel oder dem Gurten. Entscheidend ist aber, dass wir in der Stadt von einem höheren Niveau aus starten.

In der Stadt ist es generell heisser?
Richtig, hier sind die Temperaturen höher. Das hat einerseits damit zu tun, dass die Städte auf relativ tiefer Meereshöhe liegen. Anderseits ist es die Folge davon, dass die Landschaft stark überbaut ist. Im Sommer spielt die Verdunstung eine wichtige Rolle. In Städten hat es weniger Bäume, Büsche und Gräser, und der kühlende Effekt der Verdunstung ist damit kleiner als in ländlichen Gebieten. Statt Wasser zu verdunsten, verwandelt sich in überbauten Gebieten die Sonnenenergie in Wärme.

So, wie wir es an heissen Tagen auf dem Sechseläutenplatz erleben.
Genau. Insgesamt haben wir in den Städten einen Wärmeinseleffekt. Deshalb wird es in Zürich häufiger extreme Temperaturen geben als anderswo.

Können Sie das in Zahlen ausdrücken?
Wir haben das für einen Zeitraum bis zum Jahr 2100 berechnet. Von einer Hitzewelle sprechen wir, wenn sieben Tage hintereinander die Maximaltemperatur über 30 Grad erreichen. Von diesen ­Hitzewellen hatten wir dieses Jahr bisher zwei. In der Vergangenheit, von 1980 bis 2009, kam es in Zürich typischerweise zweimal pro Jahrzehnt zu einer solchen Welle. Schon jetzt hat die Häufigkeit stark zugenommen, sich ungefähr verdoppelt auf eine Hitzewelle alle zwei Jahre. Wenn wir nun unsere Modelle in die Zukunft rechnen, sehen wir, dass wir ab 2070 in Zürich typischerweise eine Hitzewelle pro Jahr haben werden. Und die schlimmsten Hitzewellen werden deutlich heisser sein als heute.

Dafür legen Sie Ihre Hand ins Feuer?
Ja, es sei denn, die Menschheit unternimmt etwas gegen den Klimawandel und reduziert die Emission von Treibhausgasen. Es könnte sogar noch schlimmer kommen: Wir gehen in den erwähnten Rechnungen von zurückhaltenden Emmissions­szenarien aus. Der Ausstoss von Treibhausgasen ist heute aber grösser als damals angenommen wurde.

Viele sagen: Wunderbar! Häufiger so schöne Sommer wie heuer.
Man kann das so sehen. Aber wer so redet, unterschätzt massiv die Probleme, die sich aus der Zunahme von Hitzeperioden ergeben. Der Hitzesommer 2003 war ein ökonomisches Desaster: Ernteausfälle, Waldbrände, Fischsterben, Stromknappheit. Er führte auch zu einem gravierenden Anstieg der Mortalität. Es wurde errechnet, dass in Europa 70'000 zusätzliche Todesfälle aufgetreten sind, allein in der Schweiz rund 1000. Neben älteren oder kranken Menschen können durchaus auch junge Personen davon betroffen sein. Auch in meinem persönlichen Bekanntenkreis habe ich den Fall einer jungen Frau, die als Hitzeopfer ins Spital musste. Gerade junge und fitte Menschen denken wohl kaum an eine ernsthafte gesundheitliche Gefährdung und gehen dann trotz Hitze joggen.

Wo wird es besonders gefährlich?
In Regionen, wo Hitze und hohe Luftfeuchtigkeit zusammen auftreten. Hitze allein ist nicht das Problem. Wir halten Temperaturen bis 40 Grad recht gut aus, weil wir die Körpertemperatur durch Verdunstung regeln. Kommt zur Hitze aber eine hohe Luftfeuchtigkeit, bekommt der Körper Schwierigkeiten, denn die Verdunstung fällt als Regulationsmechanismus weg. In Südeuropa sind von diesem Effekt besonders Küsten und tiefliegende Flusstäler betroffen, wie etwa die Poebene. Dort ist das Potenzial für feuchte Hitzewellen gross. Davon sind viele Grossstädte betroffen, auch zahlreiche Touristendestinationen. Man muss wohl damit rechnen, dass das mediterrane Lebensgefühl zumindest im Sommer nicht mehr so begehrt sein wird.

Gleichzeitig wächst ausgerechnet in den Städten die Bevölkerung.
Richtig. Es findet weltweit eine Urbanisierung statt. Damit wird sich das Problem potenzieren: Die Erwärmung wird nicht unbedingt grösser ausfallen, aber auf höherem Niveau stattfinden. Mit der Urbanisierung sind mehr Menschen davon betroffen.

Kritiker sagen, dass Beobachtungen der ­globalen Erwärmung auf Messungen beruhen, die in zivilisierten und damit eben wärmeren Gegenden vorgenommen werden.
Nein, das kann man heute klar ausschliessen. Wir stellen zunehmende Temperaturen auch in abgelegenen Regionen fest, auf Gipfelstationen in den ­Alpen oder an abgelegenen Stationen in Sibirien.

Wie sollen Politiker hierzulande auf diese Entwicklung reagieren?
Massnahmen sind auf zwei Ebenen sinnvoll. Erstens sollten die Anstrengungen zur Reduktion der Treibhausgas-Emissionen verstärkt werden. Zweitens sollte man sich an den Klimawandel anpassen. Wir sind ein anderes Klima gewohnt; unsere Infrastruktur und unsere Gebäude sollten für das zukünftige Klima weiterentwickelt werden.

Die Politik soll die Baugesetze ändern?
Mittelfristig ja. Es geht um bauplanerische und baugesetzliche Prozesse, die ja einige Zeit in Anspruch nehmen. Es geht um Häuser, die dann 50 oder 100 Jahre stehen, das heisst, man sollte bald damit beginnen, die notwendigen Anpassungen an die Hand zu nehmen.

Welche konkreten Anpassungen?
Es gibt viele Massnahmen. Sicher sollten Grünflächen erhalten oder sogar geschaffen werden. Bei Überbauungen ist darauf zu achten, dass eine gute Durchlüftung herrscht. Generell benötigt die Beschattung mehr Aufmerksamkeit. Man sollte mehr für den Sommer bauen, nicht nur an den Winter denken.

Viele behelfen sich mit Klimaanlagen. Die sind während solcher Hitzeperioden immer ­ausverkauft. Mit der Abwärme, die sie ­produzieren, tragen sie aber noch zur ­Erwärmung der städtischen Hitzeinsel bei.
Dieser Effekt ist klein. Aber dennoch: Klimaanlagen fressen viel Energie. Im Sommer ist der Stromverbrauch typischerweise tiefer als im Winter. Aber während extremer Hitzeperioden fressen Klimaanlagen so viel Strom, dass auch im Sommer das Stromnetz an seine Grenzen kommt. Auch das haben wir im Hitzesommer 2003 schon erlebt.

Sie sagen, dass es nicht nur heisser wird, sondern auch mehr Extremereignisse geben wird wie etwa heftige Regengüsse. Auch dagegen muss sich eine Stadt doch rüsten.
Ja. Auch da zeigen die Modelle eine klare Tendenz. Heftige Schauer, die nur eine halbe Stunde dauern, aber extrem viel Wasser bringen, werden häufiger. Die Folgen solcher Ereignisse werden oft sichtbar. Etwas oberhalb unseres Instituts befindet sich die Tramhaltestelle Haldenbach. Den Bach, der ihr den Namen gibt, sieht man nicht mehr, er ist eingedolt. 2012 gab es einen extremen Regenfall, bei dem das durchschiessende Wasser den Dolen­deckel auf der Universitätstrasse wegspülte.

Auch starke Regengüsse und kurzfristige Überschwemmungen gab es schon immer.
Die Meteorwasserabflüsse, die in der stark überbauten Stadt ja besonders wichtig sind, sind aufgrund von Erfahrungswerten aus den 60er-Jahren ausgelegt. Wir reden da von einer Katastrophenlücke – solche Extremereignisse kamen damals seltener vor. In Zukunft kommt noch der Klimawandel dazu. Jetzt müssen die Planer die Grundlagen anpassen.

Wenn die Politiker nun aber nicht auf Sie hören, besteht da die Möglichkeit, sie für Sachschäden und Todesfälle haftbar zu ­machen und juristisch gegen sie vorzugehen?
Das Schweizer Rechtssystem lässt das meines Wissens gar nicht zu. Als Klimaforscher setze ich auf Überzeugungsarbeit und nicht auf juristische Verfahren. Denkbar ist aber, dass in angelsächsischen Staaten mit Sammelklagen etwa gegen Ölfirmen vorgegangen wird, welche die Folgen der Erwärmung nicht wahrhaben wollen und sich den gegenwirkenden Massnahmen verschliessen. Analog vielleicht zu den Prozessen gegen Zigarettenfirmen, die das Krebsrisiko durch Rauchen herunterspielten.

Der Theatermacher Milo Rau hat sich darauf spezialisiert, auf der Bühne Prozesse zu ­inszenieren, die es in der real existierenden Justiz nicht geben kann. Wären Sie bereit, an so einem Prozess als Zeuge aufzutreten?
Sagen wirs mal so: Ich schliesse es nicht aus.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 07.08.2015, 18:43 Uhr)

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