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Die Operation Orang-Utan

Von Susanne Anderegg. Aktualisiert am 16.09.2011

Jean-Michel Hatt, Direktor der Klinik für Zoo-, Heim- und Wildtiere der Vetsuisse-Fakultät, hat seinen Arbeitsplatz für ein halbes Jahr vom Zürcher Tierspital an die Universität von Banda Aceh auf Sumatra verlegt.

Jean-Michel Hatt untersucht einen kleinen Orang-Utan, der neu in die Quarantänestation bei Medan gekommen ist.

Jean-Michel Hatt untersucht einen kleinen Orang-Utan, der neu in die Quarantänestation bei Medan gekommen ist.
Bild: Leila Hatt

Die Tierwelt Indonesiens

Die Vetsuisse-Fakultät der Uni Zürich macht dieses Jahr die Tierwelt Indonesiens zum Thema ihrer traditionellen öffentlichen Vortragsreihe. Ab 20. September spricht jeden zweiten Dienstag ein Experte bzw. eine Expertin über eine spezielle Tierart wie das Sumatra-Nashorn oder den Nasenaffen, über Naturschutz oder Wildtiermedizin. Bis 13. Dezember, jeweils von 17. 15 bis 18 Uhr im Demonstrations-Hörsaal am Tierspital (Tram 7 und 9). Den Auftakt macht Regina Frey, Biologin und Gründerin der Umweltstiftung Paneco. Sie hat in den Siebzigerjahren auf Sumatra eine Quarantänestation für Orang-Utans aufgebaut. Am 4. Oktober und am 15. November ist Jean-Michel Hatt an der Reihe. Er berichtet von den Erfahrungen, die er in seinem Sabbatical gemacht hat. Programm auf www.uzh.ch/news/agenda

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Ordentliche Professoren der Uni Zürich dürfen einmal ein Sabbatical nehmen. Veterinärprofessor Jean-Michel Hatt (45), in Zürich vor allem als Zootierarzt bekannt, hatte für seine Auszeit bereits ein Angebot aus Australien. Er sollte dort an der Uni Brisbane eine Wildtierklinik aufbauen.

Doch nach einem Gespräch mit seiner Frau entschied er sich anders. Ob er nicht noch einen Traum habe, hatte sie ihn gefragt. Und so verbrachte die ganze Familie ein halbes Jahr auf Sumatra. Die sechstgrösste Insel der Welt sei ein «Wildtier-Hotspot», sagt Hatt. Die Wildtiermedizin sei in der dortigen Veterinärmedizin aber noch «völlig unterentwickelt». Auf Sumatra gibt es nur eine veterinärmedizinische Fakultät, ganz im Norden in Banda Aceh, der Hauptstadt der Provinz Aceh.

Von Bürgerkrieg gezeichnete Region

«Nicht gerade eine Traumdestination», räumt Hatt ein. Aceh litt jahrzehntelang unter einem Bürgerkrieg. 2004 brachte der Tsunami Tod und Verheerung. Banda Aceh wurde zur Hälfte zerstört, gemäss Schätzungen starben gegen 200 000 Menschen. «Wir gingen schon mit einem etwas mulmigen Gefühl», sagt Hatt, dessen Töchter acht- und elfjährig sind. Nach intensiver Vorbereitung inklusive Sprachkurs reiste die Familie Anfang Februar ab. Das Abenteuer Sumatra begann.

Als Gastprofessor die Attraktion

In Banda Aceh schalteten die Hatts erst mal einen Gang zurück, denn es ist sehr heiss dort. Sie stellten das Essen um: viel Reis und Früchte, wenig Salz, kein Schwein. Die Stadt ist eine islamische Hochburg. «Das war für unsere Kinder eine gute Erfahrung», sagt Hatt. «Wir hatten keine Probleme.» Nur an den Gesang der Muezzins mussten sie sich gewöhnen, der Tag und Nacht von drei Minaretten in ihrer Nachbarschaft schallte. Die Schweizer Familie lernte viele Indonesier kennen «sehr freundliche, hilfsbereite Menschen». Und zudem interessiert und engagiert, wie Jean-Michel Hatt bei der Arbeit feststellte. Er unterrichtete angehende Tierärztinnen und Tierärzte, während seine Frau die beiden Töchter nach dem Zürcher Lehrplan schulte.

«Doch der Hörsaal war knallvoll»

Der Gastprofessor aus der Schweiz war an der Uni in Banda Aceh die Attraktion. Eine seiner Vorlesungen war aus Versehen auf einen nationalen Feiertag terminiert worden, und er hatte erwartet, dass kaum jemand käme. «Doch der Hörsaal war knallvoll.» Besonders beliebt waren die praktischen Kurse. Hatt zeigte den angehenden Veterinären, wie man Hühner untersucht oder Blutproben von Orang-Utans analysiert. Wenn die Studierenden tote Schleichkatzen fanden, brachten sie diese mit, um sie gemeinsam zu sezieren. Hatt ging mit den jungen Leuten in den Zoo einer nahe gelegenen Stadt. Dort beobachteten sie die unterschiedlichsten Tiere Schlangen, Greifvögel, Bären, Elefanten. Sie untersuchten sie, nahmen Blut- und Kotproben und schauten diese unter dem Feldmikroskop an. «Das war für die Studierenden super, so etwas hatten sie noch nie gemacht.»

Die Veterinärausbildung in Indonesien ist auf einem tiefen Niveau und wenig praktisch ausgerichtet. Die Mittel sind sehr beschränkt. Zwischen Aceh und Zürich liegen Welten. In Zürich sei die Situation besonders für die Wildtiermediziner einmalig, sagt Hatt: Sie betreuen den Zoo Zürich und den Tierpark Langenberg, haben eine eigene Klinik im Tierspital, eine Forschungsabteilung und eine ausgezeichnete Ausbildung. «Wir haben hier tiermedizinisch das Paradies.» Seit 2009 schnuppern auch Wildtierärzte aus Sumatra in diesem Paradies. Dank einer Stiftung konnten bisher sechs Veterinäre ein einmonatiges Praktikum in Zürich machen. Nach seinem Sabbatical in Indonesien stellt Hatt allerdings fest, dass die Ausbildung vor Ort sinnvoller ist als der Austausch.

Pläne für eine neue Fakultät

Jean-Michel Hatt hat sich zum Ziel gesetzt, dass Indonesien mehr eigene Spezialisten für Wildtiere hervorbringt. «Diesen Ball will ich ins Rollen bringen.» Dabei könnte ihm ein Indonesier helfen, den er auf Sumatra kennen gelernt hat: Sofyan Tan betreibt in Medan, der grössten Stadt der Insel, eine private multiethnische Schule und ist Präsident der Umweltstiftung Yel, die sich für den Schutz der Orang-Utans einsetzt. Yel ist die Partnerstiftung von Paneco in Berg am Irchel, und diese kennt Hatt seit vielen Jahren wegen ihrer Greifvogelstation. Oft werden verletzte Bussarde, Falken oder Eulen vom Tierspital zur Rehabilitation und Wiederauswilderung ins Zürcher Weinland gebracht.

Sofyan Tan hatte eine Idee, von der Hatt sofort begeistert war: Er möchte in Medan eine private veterinärmedizinische Fakultät aufbauen. Fünf bis sechs Millionen Franken wären dafür nötig. Diesen Herbst kommt Tan in die Schweiz, dann wollen die beiden das Projekt weiterentwickeln. Medan wäre als Standort ideal. Es gibt dort eine landwirtschaftliche Fakultät, und auch Yels Quarantänestation für Orang-Utans liegt nicht weit entfernt. Auf der Station werden Tiere gepflegt, die in Privathaushalten konfisziert oder von Bauern angeschossen wurden, weil sie Früchte von den Feldern stahlen &endash eine Folge der Zerstörung ihres Lebensraums, des Regenwaldes.

Tierarzt hilft Leben retten

Hatt hat die Quarantäne zweimal besucht. Er kennt die Tierärzte Rachmad und Yenny vom Austauschprogramm. Jetzt konnte er ihnen vor Ort weitere Tipps geben. Und selber lernen: In Medan half er bei Operationen mit und sah Krankheiten, die er sonst nur theoretisch kannte. Eine Infektion des Kehlsackes etwa, die bei Orang-Utans häufig vorkommt und über die ein Oberassistent von Hatt in Zürich geforscht hat.

Hatt hat sogar Leben gerettet: Das von Gober und ihren Zwillingen. Das blinde Orang-Utan-Weibchen hatte im Januar in der Quarantänestation ein Mädchen und einen Jungen zur Welt gebracht. Der Vater ist ebenfalls blind. Das macht die Zwillingsgeburt, an sich schon ein seltenes Ereignis bei Orang-Utans, zu etwas Besonderem. Leider erkrankte Gober an einer Infektion der Harnwege, die sie immer mehr schwächte, sodass sie kaum noch Milch für die Kleinen hatte. Jean-Michel Hatt konnte helfen. Er hatte ein Medikament aus der Schweiz mitgebracht, das sofort wirkte. Wenn die Zwillinge gross und stark sind, sollen sie auf Sumatra ausgewildert werden. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.09.2011, 06:45 Uhr

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