Hintergrund

Die Perlendetektive

Schweizer Forscher haben einen genetischen Fingerabdruck für Perlaustern entwickelt. Damit lässt sich erstmals die Art einer Muschel genetisch bestimmen und Betrügereien besser entlarven.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Eine kleine Lagune auf der zu Französisch-Polynesien gehörenden Insel Ahe im Südpazifik ist ein Paradies für Perlenzüchter. Denn in ihrem türkisblauen, klaren Wasser unmittelbar über dem flachen Korallenatoll herrschen ideale Bedingungen, um in Muscheln der Gattung Pinctada Zuchtperlen mit einem wunderschön glänzenden, schwarzen Perlmutt zu produzieren.

«Bis zur Ernte ist es viel Arbeit, weil die zu Hunderten in Netzen und Körben unter Wasser gehaltenen Muscheln sehr empfindlich auf äussere Einflüsse reagieren», sagt Laurent Cartier, der im Rahmen seiner Dissertation an der Universität Basel an Perlen forscht und die Farmen dort gut kennt. So müssten die Perlenzüchter die Austern beispielsweise immer wieder kontrollieren und auch säubern, weil Schwämme, Seepocken oder andere Meeresbewohner sie sonst verkrusten würden.

«Wie wertvoll eine Perle ist, hängt zuallererst davon ab, ob sie eine Naturperle ist, also ohne jegliches menschliche Dazutun entstanden ist, oder ob sie in einer Perlfarm gezüchtet wurde», sagt Michael Krzemnicki vom Schweizerischen Gemmologischen Institut (SSEF) in Basel. Weiter ist ihr Preis abhängig von ihrer Grösse und Schönheit, aber auch, von welcher Muschelart sie stammt. Zum Beispiel sind die schwarzen Zuchtperlen vor der Küste von Ahe, auch als Tahiti-Perlen bekannt, auf dem Markt sehr beliebt. Sie stammen von der Art Pinctada margarifitera.

Tests mit Hightechmethoden

Um Fälscher zu entlarven und die Echtheit in Schmuckstücken zu ermitteln, testet Laurent Cartier mit Kollegen am SSEF unter anderem auch mit modernsten Hightechmethoden wie etwa der Computertomografie die Qualität und Echtheit der schönen Kugeln in einem Collier. Bisher war es meist jedoch sehr schwierig oder sogar unmöglich, zu sagen, von welcher Muschelart die Perle tatsächlich stammt.

Dies wird sich in Zukunft ändern. Denn dem Basler Experten ist es in einem Projekt unter Leitung der ETHForscherin Joana Meyer erstmals gelungen, DNA aus den Perlen zu isolieren und damit drei verschiedene Muschelarten der Gattung Pinctada zu bestimmen. Wie die Forscher in der Online-Fachzeitschrift «PLOS One» schreiben, mussten sie für die genetische Analyse mit feinen Bohrern zwar kleinste Mengen Probematerial entnehmen, wodurch sie aber das bereits bestehende Bohrloch der Perle nur geringfügig vergrösserten.

Doch damit nicht genug: Mit einem weiteren Projekt konnte Michael Krzemnicki mit der ETH-Forscherin Irka Hadjas zeigen, dass sich mithilfe der Radiocarbonmethode auch das Alter von Perlen bestimmen lässt. Mittels dieser beiden Verfahren ist es jetzt möglich, die Herkunft sowie auch die historische Authentizität der Kostbarkeit zu ermitteln.

Die älteste Perle

Seit je sind Perlen als Schmuck begehrt. Schon Steinzeitmenschen waren offenbar von ihrem Glanz beeindruckt und schätzten sie als etwas ganz Besonderes. So ist die älteste bisher gefundene Perle mehr als 7500 Jahre alt und stammt aus einer neolithischen Fundstätte an der Küste von Umm al-Qaiwain auf der Arabischen Halbinsel.

Doch solche Naturperlen sind im Gegensatz zu Zuchtperlen selten und besonders teuer. «Den derzeitigen Rekord hält die Peregrina-Perle, eine noch aus der Renaissance stammende Naturperle», sagt Cartier. Sie habe Liz Taylor gehört und sei nach ihrem Tod vor zwei Jahren an einer Auktion für rund 10 Millionen Franken versteigert worden. Gerade für solche Kleinodien, welche wie die Peregrina-Perle am SSEF getestet werden, sind nach Ansicht von Krzemnicki die beiden neuen Verfahren in Zukunft von grosser Bedeutung.

Die Grundlagen zu den heutigen Zuchtverfahren wurden erst um 1910 gelegt. Dabei setzt man runde Perlmuttkerne zusammen mit einem kleinen Stück Mantelgewebe direkt in das Muscheltier ein. Auf diese Weise macht man sich zunutze, dass Muscheln von Natur aus durch eine zufällige Störung eine Zyste beziehungsweise einen Perlsack bilden, in dessen Innern sich die schillernde Perlsubstanz aus kristallinem Kalziumkarbonat und Conchiolin ringförmig anlagert.

Ursache für die Bildung von Perlen sind Verletzungen etwa durch parasitische Würmer oder Hautirritationen des Muschelgewebes. «Es stimmt also nicht, dass Perlen als Schutzreaktion auf das Eindringen eines Sandkorns in die Muschel entstehen», sagt Cartier. Diese seit längerem widerlegte Theorie habe sich jedoch bis heute gehalten, weil sie eine eingängige Erklärung suggeriere.

Um Perlen wie in der Lagune von Ahe zu züchten, wird die Muschel wie bei einer Transplantation operiert. Jeder Handgriff muss dabei genau einstudiert sein und ist Millimeterarbeit. Mit einer kleinen Zange stemmen die Züchter die dicke, schwarze und scharfkantige Schalenklappe der Austernmuschel zuerst einen Spalt weit auf. Dann setzen sie eine aus der Schale der Mississippi-Süsswassermuschel rund geschliffene, erbsengrosse Kugel zusammen mit einem kleinen perlmuttproduzierenden Stück Mantelgewebe in ihre Keimdrüse ein, weil dort der implantierte Fremdkörper aus der Spendermuschel genug Platz hat und die Zuchtperle wachsen kann.

Erst nach zwei Jahren ziehen die Züchter die Muschel wieder vorsichtig aus dem Wasser. An Land öffnen sie die Schalen — und staunen jedes Mal aufs Neue, wenn das Wunder geglückt ist und eine Perle zum Vorschein kommt. «Nur ein sehr kleiner Prozentsatz der produzierten Zuchtperlen ist perfekt und von Topqualität», sagt Cartier. Mit diesen Exemplaren generiert der Züchter sein Einkommen.

Preiswerte Ware aus China

Anders als in der Südsee oder an der Küste der Arabischen Halbinsel produzieren die Chinesen einen Grossteil ihrer Zuchtperlen nicht im Meer, sondern meist in ehemaligen Reisfeldern. Diese Süsswasser-Perlenzucht liefert verglichen mit der Produktion in Ahe schnell und relativ einfach die begehrten Perlen. Denn im Gegensatz zu Tahiti- und Südsee-Zuchtperlen gibt es nicht nur eine Perle pro Muschel, sondern drei bis vier Dutzend Perlen gleichzeitig. Dazu werden ins Mantelgewebe eines einzigen Tiers bis zu 50 kleine Gewebestücke einer Spendermuschel eingepflanzt.

Wegen der grossen Mengen solcher chinesischen Süsswasser-Zuchtperlen im Handel sind diese deutlich günstiger als Zuchtperlen aus dem Meer. Die Chinesen setzten so die Preise aller Zuchtperlen unter Druck. «Wobei auch bei den Süsswasser-Zuchtperlen grosse Qualitätsunterschiede bestehen, was sich entsprechend im Preis ausdrückt», betont Krzemnicki.

Der Basler Doktorand Cartier setzt sich nun dafür ein, dass die schwarzen Tahiti-Perlen eine Art «Bio»-Zertifikat bekommen. Denn ihre Produktion ist nachhaltig, nützt der Umwelt und schafft Arbeitsplätze in einer strukturschwachen Region mitten im Südpazifik. «Bei den Korallenriffen in Ahe haben wir gesehen, dass durch die Muschelzucht die Vielfalt der Fischarten im Korallenriff steigt», sagt er. Dank der Perlenzucht sind dort Falter- und Doktorfische sehr häufig. Ab und zu könne man auch mal einen Hai sehen. Das sei fantastisch. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.10.2013, 08:41 Uhr

Video

Der Markt für Perlen wird von billigen Süsswasserperlen aus China überschwemmt. Diese ist aber nicht nachhaltig. Video: Vimeo, Andy Bardon

Die Entstehung von Perlen in Muscheln (Bild für Grossansicht anklicken).

(Bild: TA-Grafik)

Artikel zum Thema

«Diese Tiere zu finden, ist die Entdeckung meines Lebens»

Ein Blattschwanzgecko, ein goldfarbener Skink und ein gelblicher Frosch mit braunen Punkten: Diese neuen Tierarten sind die Trophäen eines Forscherteams aus Australien. Doch sehen Sie selbst. Mehr...

«Wir haben keine Zukunft in Kiribati»

Der Pazifikstaat Kiribati ist vom Klimawandel bedroht. Der 37-jährige Ioane Teitiota will nun der weltweit erste anerkannte Klimaflüchtling werden – in Neuseeland. Mehr...

Was einen Tsunami mit einer Algenblüte verbindet

Forscher suchen nach Methoden, um die Bedrohungen durch extreme Ereignisse besser abschätzen zu können. Tsunamis, Börsenblasen oder Blackouts – sie alle lassen sich durch dieselben Theorien beschreiben. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Service

Für Selbstständige und KMU

Tragen Sie Ihre Firma im neuen Marktplatz des Tages-Anzeigers ein.

Kommentare

Blogs

Outdoor Rotpunkt statt Everest

Mamablog Die beste Integration der Welt

Weiterbildung

Kostenlose E-Books

Laden Sie in unserem Weiterbildungs-Channel kostenlos Ebooks herunter.

Die Welt in Bildern

Unendlicher Kürbis: Die Ausstellung «Infinity Mirrored Room - All the Eternal Love I Have for Pumpkins» des Japanischen Künstlers Yayoi Kusama wird im Hirshhorn Museum in Washington ausgestellt (25. April 2017).
(Bild: Joshua Roberts ) Mehr...